Rat vom WG-Psychologen Ihre Familie ist ständig bei uns zu Besuch

Paris ist teuer, doch Corinna hatte Glück: Sie fand ein günstiges Zimmer in einer Luxuswohnung in bester Lage. Der Haken: Die Tante ihrer Mitbewohnerin kommt ständig unangekündigt vorbei. Was tun?

Paris könnte so schön sein, wenn man nur Ruhe in seiner WG hätte
Corbis

Paris könnte so schön sein, wenn man nur Ruhe in seiner WG hätte


WG-Krach war für Ludger Büter lange Alltag. Der Psychologe schlichtete im Auftrag des Kölner Studentenwerks Konflikte in Wohngemeinschaften. Auf dieser Seite lindert er den WG-Kummer. Schreibt uns, was euch in den Wohnwahnsinn treibt (wg-kummer@spiegel.de).

Corinna, 29, schreibt:

Sehr geehrter Herr Büter,

seit einigen Monaten wohne ich für ein Auslandssemester im extrem überteuerten Paris. Zunächst konnte ich mein Glück kaum fassen: Ich lernte durch Zufall meine jetzige Mitbewohnerin kennen, die mir kurzerhand ein unglaubliches Angebot machte. Ihre Tante, die Eigentümerin einer sehr luxuriösen Wohnung, würde mit Mann und Sohn aufs Land ziehen. Eigentlich wollte meine neue Bekannte mit ihrem Freund die Wohnung übernehmen, aber weil der dann doch nicht wollte, kam ich ins Spiel.

Der Deal klang perfekt: Wir beide zahlen nur 500 Euro Miete, dafür kann die Tante hin und wieder in der Wohnung übernachten, wenn sie beruflich in der Stadt zu tun hat. Damit war ich einverstanden.

Nach ein paar Monaten sieht das Ganze allerdings so aus: Ein- oder zweimal im Monat kommt die Tante unangekündigt für mehrere Tage mit ihrem zehnjährigen Sohn in der Wohnung an, meist am Freitagabend, wenn ich mich gerade nach einer anstrengenden Woche entspannen oder ein paar Freunde einladen möchte. Zuletzt wurde ich von der halben Familie empfangen, die sich im Wohnzimmer breitgemacht hatte: Tante, Sohn, meine Mitbewohnerin, eine weitere Cousine und deren Ehemann.

Mehrere Male habe ich meine Mitbewohnerin bereits vorsichtig darum gebeten, mir eine Notiz zukommen zu lassen, wenn Tante und Sohn sich das nächste Mal ankündigen. Leider versteht sie den Grund für meine Fragerei nicht.

Ich liebe diese Gegend, die Wohnung und das WG-Leben mit meiner Mitbewohnerin. Welche Möglichkeiten bieten sich mir, das Problem anzusprechen, ohne mich negativ über die Familie zu äußern? Aktuell sind die beiden wieder seit fünf Tagen hier und haben vergangene Nacht laut Filme angesehen, ich wurde durch das Lachen des Sohnes um zwei Uhr morgens geweckt und um fünf Uhr nahm die Tante eine Dusche. Gesunder Schlaf sieht anders aus. Ich war nicht darauf vorbereitet, mit einer Familie zu leben!

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Ratgeber fürs Zusammenwohnen: Was nun, Herr WG-Psychologe?
WG-Psychologe Ludger Büter antwortet:

Liebe Corinna!

Ihr Problem ist eine Art "Territorialkonflikt". Nach Ihrem eigenen Verständnis sind Sie und ihre Mitbewohnerin Mieterinnen einer eigenen Wohnung. Die Tante dagegen betrachtet diese offensichtlich als familieneigene Dependance, über die sie entsprechend frei und ungehemmt bis rücksichtslos Ihnen gegenüber verfügt. Ihre Freundin überblickt die Anspruchshaltung ihrer Tante recht treffend: Warum sollte diese sich anmelden, wenn sie "nach Hause" kommt? Ihre Freundin "versteht" also Ihre Fragen nicht.

Üben Sie Kritik und fordern Sie ein normgerechtes Mietverhältnis ein, ist Unfrieden vorprogrammiert. Zudem steht Ihre Freundin nicht auf Ihrer Seite und Sie riskieren auch hier einen Bruch.

Mein Vorschlag: Entscheiden Sie eindeutig, ob für Sie die angenehmen Seiten im Vordergrund stehen sollen - also privilegierte Miete und Lage Ihrer Unterkunft - oder ob die Belästigung und der Frust durch die "Überfälle" der Vermieterfamilie überwiegen.

Dominiert der Frust, liegen die Konsequenzen offen. Beschließen Sie aber, zu bleiben und sich die Vorteile zu bewahren, versuchen Sie, die gemeinsame Zeit in der Wohnung möglichst zu minimieren - mit Hilfe städtischer Rückzugsmöglichkeiten oder von Freunden.

Von zwei Dingen rate ich Ihnen in jedem Fall ab: Messen Sie die Situation nicht an der rechtlichen Norm. Das führt bei der kurzen Dauer Ihres Aufenthaltes zu keiner Lösung und keiner Entlastung, allenfalls zum Stress einer neuen Wohnungssuche und, bis Ihnen das gelungen ist, zu potenzierter Unannehmlichkeit.

Je klarer Sie sich für eine eigene, aktive Vermeidung von Stresssituationen entscheiden und je konsequenter Sie das umsetzen, desto stärker immunisieren Sie sich gegen das Gefühl, ausgeliefert zu sein. Allerdings werden Sie wohl weiterhin auf einiges verzichten müssen, was Ihnen unter anderen Umständen zustünde und besser durchzusetzen wäre.

  • Silja Götz
    Wohngemeinschaften sind toll, das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie leeren dein Nutella-Glas, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Oder weint dein Zimmernachbar dauernd und wirkt depressiv? Schreist du alle nur noch an? Bei WG-Kummer hilft Erziehungswissenschaftlerin Sabine Stiehler. Schick deine Fragen, Sorgen, Probleme an wg-kummer@unispiegel.de. Mit einer Einsendung erklärst du dich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden.
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WG-Typen: Willst du mit mir wohn'?

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lazzarra 21.05.2015
1. pech gehabt
Sie will billig wohnen, dann muss sie halt mit Einschränkungen Leben. Paris ist teuer und normal würde sie wahrscheinlich das doppelte bezahlen in schlechterer Lage. Außerdem ist sie ja nur für ein Auslandssemester da, die paar Monate kann man damit ja wohl Leben.
Atheist_Crusader 21.05.2015
2.
Tja, wenn Dinge zu gut aussehen um wahr zu sein, dann sind sie meist auch nicht wahr. Das ist eine unschöne Grenzsituation. Einerseits zahlt man Miete, andererseits gehörte gelegentliches Wohnen zur ursprünglichen Vereinbarung. Und für die Mitbewohnerin gehört der Dauergast zur Familie; die wird das also nochmal ganz anders sehen. Wird schwierig sein, die Lage ausreichend zu klären, ohne dass sich da einer ausgenutzt, unwillkommen, rechtlos oder sonstwie vor den Karren gefahren fühlt. Aber wenn es eh nur für ein Semester geht - das anscheinend schon halb vorbei ist - dann halt Augen zu und durch.
ensho 21.05.2015
3. Vermutlich ...
würde ich mich zum Bleiben entscheiden. Unds als Übung nehmen Strategien zu entwickeln jeweils, mit den spontanen Überfällen der Wohnungseigner umzugehen. Dabei, bzw sowieso, nicht sagen, ich entscheide mich für das kleinere Übel, sondern für das größere 'Glück'. Eine solche Wohnung, in solcher Lage, zu solchen Kosten, mit einer (1) ansonsten liebenswerten, umgänglichen Mitbewohnerin ist m.E. kein geringes.
spon-facebook-10000220808 21.05.2015
4.
schlafmaske und komfortable ohrstöpsel und alles ist wieder im grünen bereich. die gute kommt wohl aus nem eigenheim :>
Torkemada 21.05.2015
5. Mietvertrag?
Mietvertrag? Die Studentin hat offenbar keinen. Also auch keine Rechte. Dafür wohnt sie sehr günstig. Ich kenne mich persönlich bei kleinen/mittleren Mietwohnungen in Paris in bester Lage (bis 50qm im 5ten, 6ten und 16ten Arr.) sehr gut aus. 500€ im Herzen von Paris sind ein Spottpreis. Die junge Dame sollte sich glücklich schätzen das zu haben und keinen Ärger machen, sonst steht sie ruckzuck auf der Strasse. Das ist der Studentin natürlich auch klar, sonst würde sie es ja auch mal auf dem freien Wohnungsmarkt versuchen: unter 800 geht da gar nichts, sie hat ja nicht mal einen "Garant". Wenn sie allerdings etwas mehr übrig hätte, könnte ich mglweise etwas vermitteln.
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