Recht & Literatur "Lesen macht gewalttätig"

An der Juristerei fanden etliche Schriftsteller wenig Vergnügen: So schimpfte Heinrich Heine über das römische Recht, Georg Heym spülte lästige Akten gar die Toilette hinunter. UniSPIEGEL ONLINE sprach mit dem Münsteraner Professor Bodo Pieroth über Juristendeutsch und Literatensprache.


Bodo Pieroth baut gern literarische Anekdoten in seine Vorlesungen ein

Bodo Pieroth baut gern literarische Anekdoten in seine Vorlesungen ein

Dass Juristen nicht rechnen können, ist hinlänglich bekannt. Wer einmal einen gewöhnlichen Schriftsatz gelesen hat, muss auch davon ausgehen, dass sie nicht schreiben können. Und doch füllen die literarischen Werke gelernter Juristen ganze Bibliotheken: Goethe, Novalis, Eichendorff, Heine, Tucholsky, Kafka, Rosendorfer, Schlink... Der Münsteraner Staatsrechtler Bodo Pieroth hat sich in seinen Glossen über "Das juristische Studium im literarischen Zeugnis" mit rund sechzig "Dichterjuristen" beschäftigt - also Literaten, die Jura studiert und teilweise auch praktiziert haben.

UniSPIEGEL ONLINE: Was bringt einen literarisch interessierten Menschen überhaupt auf die Idee, Jura zu studieren?

Bodo Pieroth: Im 18. und 19. Jahrhundert lässt sich das aus der sozialen Situation erklären. Berufsschriftsteller gab es noch nicht, so dass ein Brotstudium für den Lebensunterhalt nötig war. Dafür bot sich die Juristerei an, weil es dabei schließlich auch um zu Papier gebrachte Gedanken geht. Im 20. Jahrhundert haben sich die Studienalternativen ausgeweitet, auch den Beruf des Schriftstellers gibt es seitdem häufiger. Dadurch wurde die Kombination aus Jurist und Literat seltener. Recht und Literatur sind aber ohnedies zweieiige Zwillinge, denn beide befassen sich über das Medium Sprache mit der Realität. Recht dient der Steuerung sozialer Prozesse. Literatur spiegelt diese sozialen Prozesse wider.

UniSPIEGEL ONLINE: Jura als Absicherung für Schöngeister - litten die denn dann an der Juristerei?

Pieroth: Mehr oder weniger haben alle Literaten gelitten an der juristischen Ausbildung. Daraus machen sie in ihren Schriften auch gar keinen Hehl. Heinrich Heine schimpfte ausgiebig über das Römische Recht, Max Halbe titulierte die juristischen Definitionen als "harte ungenießbare Brocken". Und am ärgsten trieb es Georg Heym, der in seinen Tagebüchern so unflätig über Juristerei und Professoren herzog, dass ältere Herausgeber Sternchen an die Stellen gesetzt haben. Heym ist später auch als Referendar rausgeflogen, weil er Akten, die ihn nervten, einfach die Toilette hinunterspülte.

UniSPIEGEL ONLINE: Muss man sich also entscheiden? Ist die Doppelbegabung die rare Ausnahme?

Pieroth: Die Kombination einer echten juristischen Karriere mit einem herausragenden literarischen Talent ist wirklich selten, auch wenn es natürlich Ausnahmen gibt. So hatte Goethe die Verwaltung seines Ministeriums in Weimar glänzend im Griff. Und ganz aktuell feiert Bernhard Schlink mit seinen Büchern große Erfolge und ist gleichzeitig hochgeachteter Juraprofessor in Berlin. Aus der Zusammenarbeit mit ihm an Lehrbüchern weiß ich, dass er keineswegs an der Juristerei leidet.

UniSPIEGEL ONLINE: Wenn die Literaten ihre Leiden so genau festhielten, lässt sich daraus etwas ablesen für die Debatte um die Reform der Juristenausbildung?

Pieroth: Die Verzweiflung an der deutschen Theorielastigkeit, wie sie Goethe etwa noch geäußert hat, wäre heute kaum noch angebracht, denn unser Staatsexamen ist so frei von Theorie wie nie zuvor - es geht fast nur noch um Falllösung. Interessant sind die ablehnenden Zeugnisse über den Wert der mündlichen Prüfung - die ja in Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen so viel zählt wie die Klausuren. Es gibt zum Beispiel eine Essaypassage von Kleist, in der er schreibt: "Vielleicht gibt es überhaupt keine schlechtere Gelegenheit, sich von einer vorteilhaften Seite zu zeigen, als grade ein öffentliches Examen."

UniSPIEGEL ONLINE: Kann die Literatur helfen, um ganz normalen Studenten Jura schmackhafter zu machen?

Pieroth: In meine Vorlesungen und Lehrbücher baue ich schon Gedichte oder literarische Anekdoten ein. Ich kann mir eigentlich auch keinen richtig guten Juristen vorstellen, der nicht ein gutes Verhältnis zur deutschen Sprache hat.

UniSPIEGEL ONLINE: Also raten Sie Ihren Studenten: "Lesen, lesen, lesen!"?

Pieroth: Ich zitiere eher einen Satz von Bertolt Brecht: "Lesen macht dumm und gewalttätig." So viel Ironie muss ein Jurastudent verstehen.

Das Interview führte Gregor Schmitz



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