Fotostrecke

Braune Gestalten an der Uni: Rechte im Schafspelz

Foto: A3390 Kay Nietfeld/ dpa

Rechtsextreme an der Uni Braune Biedermänner

Rechtsextreme an deutschen Unis geben sich bieder, brav und konservativ. Doch wie lässt sich verhindern, dass die Rechten an den Hochschulen auftrumpfen? Der Fall eines Studenten in Magdeburg zeigt, wie hilflos Kommilitonen und Professoren der Gefahr begegnen.
Von Ina Brzoska

Unter den hinteren Bänken sind Tomaten versteckt. Viele Augenpaare fixieren die Eingangstür zum Hörsaal. Das Politikseminar der Universität Magdeburg ist gut besucht an diesem Oktobermorgen, besser als sonst, wie Dozent Reinhard Wesel spöttisch bemerkt.

NPD

Alle warten auf Matthias Gärtner, Mitglied der Jungen Nationaldemokraten (JN), der Jugendorganisation der rechtsextremen . Die rund 400 JN-Anhänger glauben unter anderem an den unterschiedlichen Wert verschiedener Volksgruppen und plädieren für eine "Ausländerrückführung". Heute will der 25-jährige Student der Politikwissenschaft, Geschichte und Soziologie darüber referieren, wie Demagogen mit symbolisch aufgeladenen Worten und Handlungen die Massen manipulieren.

Doch aus dem Referat wird nichts. Als Gärtner das Lehrgebäude betritt, klatscht blaue Lackfarbe neben ihm auf, er wird von Spritzern getroffen. Fünf Vermummte aus der Antifa-Szene drängen durch den Eingang, versprühen zusätzlich Reizgas. Gärtner reibt sich seine tränenden Augen, geht zum Seminarraum und meldet sich - unter Verweis auf die Farbe an seinem Mantel - beim Dozenten ab.

Reinhard Wesel ist sauer. "Man kann den Faschismus nicht bekämpfen, indem man selbst faschistische Methoden anwendet", klagt er. Bereits vor dem Seminar hatte er E-Mails von Studenten bekommen, sie fragten, ob man den Auftritt Gärtners nicht verhindern könne. Doch Wesel bestand darauf; Gärtner habe das Recht, einen Schein zu machen. Und dafür müsse er Leistung bringen, sprich: ein Referat halten. Der Dozent hatte sich auf eine hitzige Debatte eingestellt. Doch die fällt nun aus.

Wie reagiert man auf den Vormarsch rechtsextremer Gruppen?

Universitäten

Die Episode in Magdeburg ist symptomatisch für ein Phänomen, mit dem derzeit mehrere zu kämpfen haben: den Vormarsch rechtsextremer Gruppen und der Frage, wie man darauf am besten reagiert. Farbbeutel und Tränengas, da sind sich die meisten Studenten und Professoren einig, können nicht die Antwort sein. Doch was ist die Alternative?

Es ist das alte Dilemma: verbieten, bekämpfen, verjagen? Davon gehen die Neonazis nicht weg, sie werden nur unsichtbar - also gefährlicher. Sie auf die Bühne lassen, mit ihnen reden? Dann bekommen sie ein Forum, auf dem sie ihre toxischen Thesen in die Welt trompeten dürfen. Seit Monaten beobachten Verfassungsschützer an Unis wie Halle, Mainz oder Greifswald, dass die Jungnationalen zu Asta-Wahlen antreten und bei politischen Referatsabenden um Kommilitonen werben. Ist das der "Kampf um die Köpfe", den der NPD-Bundesvorsitzende Udo Voigt schon vor Jahren ausrief?

Wie viele junge Neonazis es genau sind, die ihre Propaganda in die deutschen Universitäten tragen, ist nicht bekannt. Klar ist, dass sie vorzugsweise sozial- oder geisteswissenschaftliche Fachrichtungen belegen und sich als Vordenker einer neuen, rechten Avantgarde geben. In Dresden hatte 2005 ein rechter Historiker etwa die "Dresdner Schule" ausgerufen, die die angebliche Dominanz der linken Frankfurter Schule brechen sollte.

Auf der Straße laut, an der Uni still und pünktlich

Wie der Magdeburger Aktivist Gärtner so tickt, lässt sich an einem Samstagmorgen beobachten, als er mit rund 350 Gleichgesinnten durch die Plattenbausiedlung in Halle zieht. Es ist eine Demonstration der Jungen Nationaldemokraten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls. Die Teilnehmer hissen schwarzrote Fahnen, einige tragen Palästinenserschal und schwarzes Skater-Käppi. Nach einigen Kilometern formieren sie sich zu einem Kreis und senken die Köpfe, um des verstorbenen NPD-Manns und Hitler-Verehrers Jürgen Rieger zu gedenken. Dann tritt Gärtner in die Mitte und ergreift das Mikrofon, er hetzt gegen das "korrupte System" und schimpft auf die "Stasi-verstrickte Linkspartei". Er trägt einen langen, dunklen Mantel und eine weiße Ordnerbinde, den linken Arm hält er hinter dem Rücken, mit der Rechten gestikuliert er, sein Zeigefinger zerteilt die Luft.

An der Uni ist Gärtner deutlich stiller, er kommt im Cordjackett, darunter ein gebügeltes Hemd, die Lederschuhe sind poliert. Er erscheint pünktlich zu Seminaren, wahrt die Regeln der Hochschule und pocht ansonsten aufs demokratische Recht des Andersdenkenden, wozu er gern Rosa Luxemburg zitiert. Seine Kommilitonen beschreiben ihn als Sonderling mit geschniegeltem Scheitel, Stiftemäppchen und Ledertasche; einen, der sich lieber in der letzten Reihe an den Kugelschreiber klammert, als sich an der Diskussion zu beteiligen.

Vor gut zwei Jahren trat Gärtner erstmals bei den Wahlen zum Studentenrat an, mit einer Hochschulgruppe namens "Studentische Interessen". Die Schar fordert eine Hochschule ohne Politik, sie will das Schwulen- und Lesben-Referat abschaffen und hetzt gegen ausländische Studierende.

Die Uni-Rechten unterhalten enge Kontakte zu den Jungnationalen, einige Personen sind in beiden Gruppierungen aktiv. Gärtner ist außerdem Bundesschulungsleiter der JN und stellvertretender NPD-Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt. Im Juni dieses Jahres wurde er ins Magdeburger Rathaus gewählt, dort sitzt er nun als fraktionsloser Stadtrat etwas einsam am rechten Rand.

Magdeburg kämpft um sein Image: "Eine Stadt, in der Ausländer in öffentlichen Verkehrsmitteln zusammengeschlagen werden"

Wie die Universität mit dem Agitator umgehen soll, weiß sie noch nicht so recht. Rektor Klaus Erich Pollmann, 69, sagt, dass er Gärtner und die anderen Rechtsextremisten nicht durch zu viel Aufmerksamkeit aufwerten wolle. Man müsse es schaffen, sie in der inhaltlichen Auseinandersetzung zu enttarnen. "Da würde ich als Historiker all meine Leidenschaft drauf verwenden", sagt er. Vor juristischen Schritten schreckt Pollmann zurück. Die hatte zum Beispiel die Uni Mainz ergriffen, als sie den Neonazi Mario Matthes exmatrikulierte. Anders als Matthes ist Gärtner bisher aber nicht gewalttätig geworden. Würde Gärtner gegen einen Rauswurf klagen und recht bekommen, wäre das eine Schmach.

Die könnte Magdeburg nicht gebrauchen, denn die Region muss spätestens seit Mitte der neunziger Jahre gegen ihr braunes Image in Deutschland kämpfen: Damals hetzte ein Mob dunkelhäutige Menschen durch die Stadt. Inzwischen hat die NPD im nahen Harz eine regelrechte Offensive gestartet, sie drängt in die Kommunalpolitik, in vernachlässigten Orten installieren Kameraden Jugendzentren, organisieren Freizeitangebote. Noch immer gibt es ausländische Studierende, die einen Studienplatz trotz Stipendiums ablehnen, weil sie sich vor Rassismus und "national befreiten Zonen" fürchten.

Im Seminar "Entwicklung der Arbeitsgesellschaft" durchgefallen

"Wir leben noch immer in einer Stadt, in der alle zwei Wochen Ausländer in öffentlichen Verkehrsmitteln zusammengeschlagen werden", sagt der Politikstudent Sören Herbst, der für die Grünen im Stadtrat sitzt. Der Pastorensohn hat die Aufklärung über Rechtsextremismus zum Schwerpunkt seiner politischen Arbeit gemacht. Auch er sei für Konfrontation, erklärt er, Farb- und Reizgasattacken lehne er aber ab. Solche Angriffe spielten nur den Extremisten in die Hände, weil sie sich fortan als Märtyrer verkaufen könnten.

Matthias Gärtner lächelt nur fein, wenn er auf den Farbeimer-Vorfall angesprochen wird. Er sitzt in der sachsen-anhaltischen Zentrale der JN, am pittoresken Markt in der Bernburger Altstadt. Sein Blick ist fest auf das Gegenüber gerichtet, so als wolle er dessen Gedanken fixieren. Was er in der Hochschulpolitik noch so vorhat, will er nicht sagen, auch über sein Studium schweigt er sich aus. Sein Magisterthema? "Ich kann zu sämtlichen Themen meine Abschlussarbeit schreiben", sagt Gärtner, wohl wissend, dass er derzeit von einem Dozenten zum nächsten geschoben wird und kein Professor ihm zum Magister verhelfen mag.

Bei Klaus-Bernhard Roy fiel Gärtner kürzlich im Seminar durch. Es ging um die Agenda 2010 und die Entwicklung der Arbeitsgesellschaft, Gärtner hatte dazu eine Seminararbeit eingereicht, der Privatdozent attestierte dem Studenten Schwächen in der wissenschaftlichen Herangehensweise. Wenn der pluralistische Blick auf das Thema fehle, dann gebe es auch keinen Schein, sagen Roy und die Kollegen am Institut. Sie hatten sich in der Sache beraten und beschlossen, Gärtner wissenschaftlich und intellektuell herauszufordern.

Die meisten Studenten fühlen sich bedroht

Kürzlich redete Karl-Peter Fritzsche auf den Jungnationalen ein. Fritzsche hat den Lehrstuhl für Menschenrechtsbildung inne, ist ein Mann mit weißem Haar und gutmütigem Blick, ein 68er. In seinem Büro hängen Bilder der Philosophen Kant und Hegel. Fritzsche wollte den Jungnationalen dazu überreden, seine Abschlussarbeit bei ihm zu schreiben. "Das hat er natürlich abgelehnt", sagt Fritzsche. Ideologisch, sagt der Professor, sei Gärtner ein hoffnungsloser Fall. Doch das Farbeimerattentat hat ihn enttäuscht. "Jetzt stehen wir plötzlich da und müssen Gärtner verteidigen."

Wie robust der Angegriffene bisweilen auftreten kann, zeigte eine Veranstaltung vor zwei Jahren. Es sollte diskutiert werden, wie Lehrkräfte und Studenten mit den Rechtsextremen umgehen sollen. Kaum jemand rechnete damit, dass Gärtner selbst erscheinen würde. Doch er kam, und er brachte Verstärkung mit: Udo Pastörs, einen NPD-Politiker, der bereits 2006 in den Mecklenburgischen Landtag einzog. Und einige kahlgeschorene Kameraden, die sich im Saal postierten. "Es war eine Lehrstunde, wie Rechtsextreme argumentieren und agitieren", erzählt Fritzsche.

Die meisten Studenten sehen das nicht so distanziert. Sie sagen, dass sie sich bedroht fühlten. Wer wagt es, mit Wortgewalt die ideologischen Phrasen zu zertrümmern, wer wünscht sich, Matthias Gärtner argumentativ der Lächerlichkeit preiszugeben, wenn ringsum Glatzköpfe Posten stehen? Warten die danach vielleicht an einem weniger geschützten Ort? Und so blieb ein bitterer Beigeschmack für die Studenten zurück: Sie hatten Pastörs auch noch ein Forum geboten, um über Ausländer in Berlin-Kreuzberg zu schwadronieren.

Es dauerte, bis sie feststellten, dass man sich nach Farbattacken auch nicht viel besser fühlt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.