Reformstudiengang Medizin Praxisnähe pur

Bloß keine Experimente, hieß es lange in der Mediziner-Ausbildung. An der Berliner Charité steht jetzt eine neue Ärzteausbildung auf dem Prüfstand: Frühe Patientenkontakte haben die klassische Paukerei abgelöst, schon Studienanfänger arbeiten einmal pro Woche in einer Arztpraxis.
Von Cordula Mahnkopf

Der Ultraschallraum ist abgedunkelt, die Patientin wartet auf ihre Untersuchung. "Wir kontrollieren jetzt eine Schiene in der Harnröhre", sagt Urologie-Assistenzarzt Manfred Johansen zu den sieben Studenten. Bei der Sonografie-Übung für Viertsemester erscheint die Schiene klar und deutlich auf dem Monitor.

Peanuts für den Arzt, hartes Brot für die Studenten. In der nächsten Stunde üben sie, sich gegenseitig "dorsal und knapp unter dem Rippenbogen" zu beschallen. Eine elegante Kunst - wenn man sie beherrscht. Aber die Studenten kämpfen: mit verkrampften Händen, Anlegewinkeln, fahrigen Bewegungen. Es braucht einiges, um die Nieren tatsächlich als Nieren und nicht als Schnee auf dem Schirm erscheinen zu lassen.

Aber sie lernen ja noch. Johansen und sein Kollege Björn Winkelmann sind von den neuen Studenten sichtlich angetan: "Die sind motiviert." Die Übung zählt zum Lehrprogramm im Reformstudiengang Medizin an der Berliner Humboldt-Universität. Parallel dazu läuft der traditionelle Regelstudiengang. Und dort seien viele Studenten frustriert, weil sie "eben nichts machen dürfen", meinen die Ärzte.

Lernen die Studenten im Reformmodell zu wenig?

Im Reformstudiengang indes hat Praxisnähe Vorrang. Ständiger Patientenkontakt ist garantiert, Lernen in Kleingruppen erprobt, Evaluation wird ernst genommen. Der Studienaufbau ist erfrischend anders als im Medizinstudium bisher üblich.

Die gesamten Inhalte sind lebensalterbezogen aufgebaut: von der Perinatologie zur Geriatrie. Das Physikum ist abgeschafft, die Vorklinik aufgelöst, Vorlesungen ade. Die Studenten sollen unter Anleitung selbständig und praktisch lernen. Noch gilt derselbe NC für alle Mediziner der Humboldt-Uni, nur das Los entscheidet jährlich über die 63 Plätze im "Ärztlichen Trainingszentrum".

Warum die Entscheidung für das Reformstudium? Max Vogel, Student im vierten Semester, grinst: "Für viele von uns sicherlich die Sache mit dem Physikum", der gestrichenen Zwischenprüfung. Damit streut er Salz in die Wunde. Der Vorwurf: Das Paradepferd der deutschen Medizinerausbildung, die Systematik, verlottere bei den Reformern. "Besonders die Anatomen kritisieren, es werde nicht genügend gelernt", meint Udo Schagen, jahrelang verantwortlicher Planer der Mediziner-Studienpläne an der FU.

Studentin Katharina Schubert ist darüber hell empört: "Aber wir müssen doch andauernd lernen! Der Druck, vor der Gruppe zu bestehen, ist enorm", sagt die 26-Jährige. Doch eine US-Studie belegte schon 1989, dass nur Hochmotivierte in dieser Art des Medizinstudiums bestehen können. Daher bieten viele Medical Schools in Amerika und Kanada, wo vor 20 Jahren die praxisnahe Medizinerausbildung begann, konsequent beide Studiengänge an.

Am Praxistag Kindern in den Schlund blicken

Student Johannes Trapp aus Köln sagt, er hätte "unter den alten Bedingungen nie Arzt werden wollen". Erst die Homepage des Reformstudienganges habe ihm das Studium "richtig schmackhaft" gemacht. Wie im ganzen Semester kommt er auch an diesem Donnerstag in die Kinderarztpraxis von Jürgen Fleischer nach Friedrichshain, darf an seinem "Praxistag" einem erfahrenen Arzt in die Karten und den Kindern in den Rachen gucken.

Abhören und Abtasten - das ist das eine. Das "Tolle" aber seien neue "diagnostischen Tricks und Kniffe", findet Trapp. Der Lerneffekt dieses Nachmittags? Nicht die Anamnese bei den Zwillingsmädchen, nicht das EKG-Anlegen, sondern: "Die Sache mit der Mittelohrentzündung. Ich hätte dem Kind nicht in die Ohren geguckt, bloß weil es fiebert und nicht schläft", gibt Trapp kopfschüttelnd zu.

Schluss mit den öden Ankreuz-Tests

Für dieses Lernmodell braucht die Charité die niedergelassenen Ärzte, die noch zögerlich reagieren. Doch für Walter Burger, leitender Professor des Reformstudienganges, ist es nur eine Frage der Zeit, "bis das prima läuft". Für fünf Jahre Reformstudium verfügt Burger über ein Budget von 3,15 Millionen Mark, inklusive Sponsorengelder. Die Ausarbeitung der Prüfungsfragen ist ein zentraler Punkt auf der Reform-Agenda: "Wir sind hier auf die Zusammenarbeit mit der gesamten Fakultät angewiesen", deutet Burger dezent internen Widerstand an.

Multiple-Choice-Fragen sind unbeliebt; Ankreuzerei reicht nicht, um die Semesterabschlussprüfungen zu bestehen. Schreibkenntnisse werden ebenso geprüft wie die praktischen Fähigkeiten. Zudem gibt es einen ständigen Vergleich zwischen beiden Studiengängen: 2004 werden die Studenten im selben Zweiten Staatsexamen schmoren.

Medizin ist das mit Abstand teuerste Studienfach und verschlang 1999 fast jede zweite Mark des deutschen Hochschuletats. Walter Burger bewertet die alte Ausbildung nicht negativ, meint aber, es müssten "ganz klar andere Schwerpunkte her": neben mehr Praxis vor allem Kommunikation, Biometrie und Philosophie.

Auf der Suche nach dem alten Sauerbruch-Ruf

Problemorientiertes Lernen (POL) zum Beispiel schleift Kommunikationstechniken ein. Montags analysieren die Studenten einen so genannten Papierfall, studieren danach die aufgetauchten Fragen. Am Freitag resümiert die Arbeitsgruppe ihren Lernfortschritt.

Allesamt berufene Albert Schweitzers? Nicht unbedingt: "Soll er sich doch tot saufen, dann kostet er nur einmal", so der zynische Kommentar einer Studentin im POL-Seminar zum Fall eines Alkoholikers.

Arpad von Moers zuckt zwar leicht zusammen, sagt aber nichts. Statt als klassischer Dozent fungiert er als Moderator, der die Studenten beim Lernen unauffällig begleitet. Der Kinderneurologe und Oberarzt gibt Impulse, lässt ab und an sein Wissen aufblitzen oder korrigiert die Orthografie.

"Leberzirrhose schreibt man mit zwei r", sagt von Moers dann trocken. Wie alle Seminarleiter hat er ein spezielles teacher-training absolviert. Anfragen zum Wissenstransfer des Reformstudiums - "Wie funktioniert denn das?" - gibt es inzwischen aus Hamburg, Heidelberg und von der TU München. Die Charité, so ein Insider, knüpfe damit peu à peu "an den alten Sauerbruch-Ruf an".

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