Regatta in Berlin Tempo bolzen im Tretboot

Tretboot? Das klingt nach Sonntagsspaziergang mit den Großeltern, draußen gibt es nur Kännchen und trostloser Fahrt über den Teich. Europas Schiffbaustudenten zeigen bei Rennen, dass Tretboote auch richtig loslegen können. Getreten wird alles, was nicht spontan untergeht - von der Galeere bis zur schwimmenden Tigerente.

Von Alexander Hüsing


Hightech-Tretboot: 20 Stundenkilometer Spitze
Alexander Hüsing

Hightech-Tretboot: 20 Stundenkilometer Spitze

"Tine, Tine, Tine", schreit eine kleine Schar junger Menschen immer wieder über die Regattastrecke Grünau im Berliner Bezirk Köpenick. Sie feuern keine hübsche junge Sportlerin an, sondern das unter Kennern bekannte Tretboot "Clementine", mit kräftigen Schaufelrädern ausgestattet und von den Fans liebevoll "Tine" genannt.

Mit den weißen Plastikkähnen aus Großmutters Zeiten hat "Tine" ebenso wenig gemeinsam wie die rund 30 anderen Tretboote, die an der diesjährigen Regatta teilnehmen. Vom skurrilen Spaßgefährt in Form einer römischen Galeere über ein schwimmendes Tandem bis hin zum pfeilschnellen Kanuverschnitt ist bei diesem etwas anderen Wettbewerb alles auf dem Wasser unterwegs, was schwimmen kann. Erdacht, geplant und zusammengebaut wurden die Wasserflitzer mit merkwürdigen Namen wie "5 vor 12", "MacBath" oder "Rumpur" allesamt von Schiffbaustudenten. Die schnellsten Zwei-Mann-Flitzer erreichen Spitzengeschwindigkeiten von über 20 Stundenkilometern.

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Regatta: Kein Tretboot in Seenot
Völlige Narrenfreiheit haben die akademischen Konstrukteure beim Bau jedoch nicht: Die Boote dürfen laut Reglement nicht länger als sechs Meter und nicht breiter als lang sein. "Darüber hinaus müssen die Boote schwimmfähig und stabil sein", fasst Professor Günther F. Clauss vom Institut für Land- und Seeverkehr der TU Berlin die Kriterien zusammen.

Mit der Diplomarbeit durch die Fluten

Für viele Teilnehmer ist die alljährliche Regatta der Höhepunkt im tristen Unialltag. "Es macht einfach irre Spaß", schwärmt Schiffbaustudentin Sabrina Schwarz, 24. Gemeinsam mit rund 30 anderen Schiffbauern ist sie aus Duisburg zur 25. Auflage der International Waterbike Regatta (IWR) nach Berlin gekommen. Im Schlepptau für den Wettbewerb am letzten Wochenende hatten die Ruhrpöttler ihre Tretboote "Argo", "Close to Perfection" und "KATastrophe".

In acht Disziplinen wie 100 Meter Slalom, 100 Meter Sprint und Vorwärts-Rückwärts-Fahren müssen die Mannschaften aus ganz Europa ihr Können beweisen. Für internationales Flair sorgen Mannschaften aus den Niederlanden, Italien und Kroatien. Die weiteste Anreise hatte in diesem Jahr das Team aus Istanbul. Bereits für die Teilnahme musste die türkische Mannschaft um Kapitän Ilke Ozgen Köleli kämpfen: Ein starrer Lehrplan und der eine oder andere uneinsichtige Dozent standen dem Tretbootspaß im Weg.

Dabei hat der Wettbewerb durchaus ein ernstes Anliegen. "Für die Studierenden ist der Bau eines Tretbootes eine große Herausforderung. So können sie praktisch erproben, was sie vielleicht gelernt haben", sagt Hochschullehrer Clauss schmunzelnd. "Leider sieht man nicht, wie viele Diplomarbeiten hier heute auf dem Wasser unterwegs sind", ergänzt Clemens Koechert, 28, von der TU Hamburg-Harburg. Seine Diplomarbeit schippert ebenfalls durch die Fluten. Er hat sich mit der Rumpfoptimierung an der "Clementine" einen Namen gemacht und verdient seine Brötchen inzwischen als wissenschaftlicher Mitarbeiter der TU.

"Clementine goes to Berlin"

Auch als Oldtimer nimmt er noch gerne an der Tretboot-Regatta teil. Vor allem die vielen Teilnehmer aus ganz Europa haben es ihm angetan: "Nirgendwo trifft man mehr durchgeknallte Leute". Wie durchgeknallt Tretbootfahrer sein können, beweisen die Hanseaten im Zweifel selbst. So zogen sie ihre "Tine" 1993 binnen 72 Stunden mit bloßer Muskelkraft durch die Berge Norwegens. Das Ziel: die Regatta in Trondheim.

Regatta: "Nirgendwo trifft man mehr durchgeknallte Leute"
Alexander Hüsing

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Diesmal ist ein Großteil des Hamburger Tretbootteams auf dem Wasserweg nach Berlin gekommen. Sage und schreibe 440 Kilometer legten die angehenden Schiffbauer dabei mit ihrem 15 Jahre alten Schätzchen zurück. "Das war kein Urlaub, sondern eine echte Herausforderung", sagt Schiffbaustudent Klaas Oltmann, 21. Die sechstägige Fahrt über Elbe, Müritz, Havel und Spree stand unter dem Motto "Clementine goes to Berlin" und war gleichzeitig Trainigscamp für die Regatta.

Die Tortur hat sich gelohnt: In Berlin strampelt sich das "Clementine"-Team in der Gesamtwertung auf den zweiten Platz. Die Goldmedaille holt das niederländische Team aus Delft mit ihrem Flitzer "MacBath", Platz drei geht an "Close to Perfection" aus Duisburg.

Projekt Tragflügelboot: Nur Fliegen ist schöner

Echte Wettbewerbsstimmung kommt an der Strecke nie auf, trotz lautstarker Anfeuerungsrufe einiger Teams. Die ganze Veranstaltung ist mehr eine Mischung aus lustiger Studentenparty, chaotischem Pfadfinderlager und seriöser Verbandssitzung. Doch gerade deswegen haben alle ihren Spaß.

Auch bei den Zuschauern ist der Wettbewerb Nebensache. Die meisten erfreuen sich lediglich an den lustigen Wasserflitzern. Viele junge Familien sind angerückt und machen ein Picknick an der Regattastrecke. Unter den Besuchern finden sich auch viele ältere Semester wie der 70-jährige Karl Heinz Thiel. Ihm imponieren vor allem die vielen "ganz tollen Boote". Ein besonderer Hingucker ist für den Rentner "Tiger Duck" von der FH Flensburg. Die schwimmende Tigerente ist allerdings kein Tretboot, sondern wird durch Hüpfbewegungen angetrieben. Ähnlich wie bei Delfinen wirkt diese Kraft auf eine Flosse - eine ausgefallene, aber auch sehr anstrengende Art der Fortbewegung.

Bis zur nächsten Regatta im kommenden Jahr in Bremen können sich die Amateurtreter nun wieder ihrer akademischen Laufbahn widmen. Schon jetzt basteln viele Teams an neuen Tretbooten. So werkeln etwa die Duisburger an einem Tragflügelboot: Ab einer Geschwindigkeit von zwei Metern pro Sekunde soll das Boot über den See fliegen.



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