Britischer Bildungsberater Alle werden abgekanzelt, keiner wird geschont

Ein britischer Regierungsberater teilt aus: Die Schüler des Königreichs seien verblödet, die Lehrer mittelmäßig, Studenten faul und staatliche Bildung unsinnig. Dominic Cummings, enger Vertrauter des britischen Bildungsministers, scheidet mit einem Paukenschlag aus seinem Job.
Studenten an der Uni Oxford: "Die Zeit von ein, zwei Papern pro Semester muss enden"

Studenten an der Uni Oxford: "Die Zeit von ein, zwei Papern pro Semester muss enden"

Foto: © Paul Hackett / Reuters/ Reuters

Dominic Cummings, die vergangenen zwei Jahre einflussreicher Berater der britischen Regierung und enger Vertrauter des konservativen Bildungsministers Michael Gove, mag offensichtlich nicht mehr.

Wie der britische "Guardian" berichtet, scheidet Cummings zum Jahresende aus seinem Job, und zum Abschied watscht er noch einmal alle kräftig ab: In einem langen Aufsatz, den der "Guardian" dokumentiert , rechnet er mit allen und jedem im britischen Bildungswesen ab - mit Lehrern, Schülern, Studenten und mit dem gesamten Politikbetrieb obendrein. Alle werden abgekanzelt, keiner wird geschont.

Cummings hat sein Papier salopp mit "Einige Gedanken zur Bildung und politische Prioritäten" überschrieben, doch der Titel prangt über einer 247-seitigen Generalabrechnung. Zum britischen Schulsystem schreibt er, Bildungsverantwortliche müssten endlich einsehen, wie viel Einfluss die Genetik auf Kinder habe. Alle, die von sozialem Aufstieg redeten, brächten "im besten Fall irreführende, meist wertlose Argumente" vor.

"Mittelmäßigkeit ist allgegenwärtig"

Es sei erwiesen, dass 70 Prozent der Leistungen eines Kindes von den Genen bestimmt sei. Vor diesem Hintergrund sieht Cummings staatliche Anstrengungen zur frühkindlichen Bildung wie etwa das von Labour vorgeschlagene "Sure Start"-Programm als Geldverschwendung an. Auch Lehrer, besonders die an öffentlichen Schulen, taugen in Cummings' Augen wenig. "Echtes Talent ist rar, Mittelmäßigkeit ist allgegenwärtig."

In seinen Thesen wiederholt Cummings seine zentrale Vision von Bildungspolitik: mehr Elitenförderung, weniger staatliche Förderung für die ohnehin genetisch bedingt zurückgebliebene Masse. Konsequent verlangt der Regierungsberater die Abschaffung des staatlichen Schulwesens. Die "Barriere zwischen staatlichen und privaten Schulen" müsse "eingerissen werden". Letzten Endes müsse das Bildungsministerium zu einer Buchhaltungsbehörde werden, das ist Cummings' Vision. Sein Haus solle dann nur noch Geld für die Schulbildung an die Eltern ausgeben, die sich dann schon die richtigen Schulen aussuchten. Der Markt regelt offenbar den Rest: Gute Schulen überleben, schlechte schließen.

Warum nicht "ein paar Milliarden Pfund" für Forschung?

Auch an den Unis Großbritanniens lässt Cummings kein gutes Haar. Die im Königreich betriebene Wissenschaft sei häufig irrelevant. Die Regierung verschwende so viel Geld, es wäre kein Problem, "ein paar Milliarden Pfund in Weltklasse-Naturwissenschaften zu stecken". Stattdessen werde "in drittklassigen Hochschulen viel 'sozialwissenschaftliche' (Anführungszeichen wie im Original) Forschung in Wirtschaft, Anthropologie, Soziologie, Literaturwissenschaften und sonstige Sachen gesteckt, deren intellektueller Anspruch und deren Ertrag auf dem Arbeitsmarkt fragwürdig" sei. Studenten stempelt der Experte als faul ab. Sie sollten "verpflichtet werden, mehr Zeit für ihr Studium aufzuwenden". Und übrigens: "Die Zeit von ein, zwei Papern pro Semester muss enden."

Etliche der Ideen, vom Abschied der Breitenförderung hin zur Elitenbildung und Stärkung des Privatschulwesens, finden sich bereits im Regierungshandeln von Cummings' Chef, Bildungsminister Michael Gove (Tories), wieder. Doch schnell genug ging es Cummings mit seinen radikal-liberalen Ideen wohl trotzdem nicht. In der britischen Politik herrsche "ständige Aufgeregtheit, aber wenig Sinn für Dringlichkeit", schimpft er. Fast alles dauere endlos. Viele Schaltstellen seien mit Leuten besetzt, die nicht "vernünftig buchstabieren und einfache Prozesse wie das Beantworten von Anfragen organisieren können".

Bleibt die Frage, wie es Cummings jahrelang in der Bildungspolitik ausgehalten hat und was seine Anklage über das Regierungshandeln der konservativ-liberalen Regierung aussagt, denn seinen Chef Gove nimmt er aus der Kritik in Gänze aus.

Ein kleiner Trost für die Briten ist vielleicht, dass es auch jenseits der britischen Landesgrenzen laut Cummings keinerlei Hoffnung gibt. "Die Bildung der Mehrheit selbst in reichen Ländern ist fürchterlich bis mittelmäßig", schreibt Cummings und wendet sich, vermutlich mit Grausen, ab.

cht