Reisen DAS WIRKLICHE CHINA

Ein Studium in der Volksrepublik hat kommunistisches Flair.

Die dunklen Haare auf der Stirn abrasiert, am Hinterkopf ein langer Zopf, im Gesicht ein wirrer Schnauzer ­ Andrej Fech, 26, sieht beinahe aus wie ein Mandarin aus der Qing-Dynastie.

Damit hat er sich, wenn auch rund 90 Jahre zu spät, seiner neuen Umgebung angepasst. Der in Kasachstan geborene Russlanddeutsche gehört zu den 142 Hochschülern aus der Bundesrepublik, die derzeit in China studieren. Seit das Reich der Mitte Ende der siebziger Jahre wieder seine Tore für Ausländer geöffnet hat, hocken deutsche Studenten in den Hörsälen der Universitäten in Peking, Schanghai, Nanking oder Chengdu.

Die meisten von ihnen sind zum ersten Mal in China, und für viele ist der Kulturschock gewaltig. "Ich stand wie vor einer Wand", erinnert sich Jasmin Gündüz, 23, aus Mainz, "als ich aus dem Flughafengebäude trat, war da nichts, was mir bekannt vorkam. Die erste Woche in Peking ­ entsetzlich."

Kein Wunder: Die Studentin der Volkswirtschaft, Soziologie und Amerikanistik sprach bei ihrer Ankunft kein Wort Chinesisch. Viele ihrer Kommilitonen hingegen hatten bereits Sprachkurse an ihren Heimatuniversitäten belegt. Doch vom chinesischen Alltag sind die Lektionen häufig so weit entfernt wie der Jangtse vom Rhein: "Ich konnte zwar die marxistischen Grundbegriffe, aber ich war nicht in der Lage, dem Taxifahrer zu sagen, er solle jetzt rechts abbiegen", berichtet die Sinologie- und Geschichtsstudentin Sabine Schoengen, 24, aus Tübingen.

Neben der Faszination für das ferne Reich, in dem sich Kommunismus und Kapitalismus auf wundersame Weise paaren, zieht es die deutschen Hochschüler aus den unterschiedlichsten Gründen nach China. Der Tübinger Sinologie- und Philosophiestudent Fech etwa träumt davon, die chinesischen Philosophen Laozi und Zhuangzi im Original zu lesen. "Ich wollte einen Gegenpol schaffen", sagt Jasmin Gündüz. "Hier ist alles anders. Der Bruch reizt."

Die Uni gleicht einer Kleinstadt, bewacht von Polizisten

Ihr Marburger Kommilitone Daniel Leese möchte den Aufenthalt unter anderem dazu nutzen, "andere Sicht- und Lebensweisen kennen zu lernen und die deutschen Traditionen zu überdenken". Für den Karlsruher Betriebswirtschaftsstudenten Oliver Köhne ist China schlicht das "asiatische Land mit der meisten Dynamik, ein Land, in dem sich mehr bewegt als anderswo". Bernhard Bartsch, der an der Filmakademie untergekommen ist, bringt seine Pläne auf die kürzeste Formel: "China aufsaugen".

Nicht nur Sinologen, sondern auch künftige Historiker und Wirtschaftswissenschaftler, Biologen, Journalisten und Filmemacher wagen den Schritt nach China. Die meisten bleiben ein Jahr ­ gerade genug, um sich an einen Studienalltag zu gewöhnen, der sich vom deutschen Hochschulleben krass unterscheidet.

Allein die Größe der Unis ist beeindruckend. Pekings Elite-Universität Beida etwa gleicht einer Kleinstadt mit Geschäften, Sportplätzen, Banken und Restaurants ­ an den Toren bewacht von schwarz uniformierten Polizisten, die jeden Fremden abwehren.

Bei den Lehrveranstaltungen herrscht oft Anwesenheitspflicht. Ausländer, die zu oft geschwänzt haben, riskieren ein kühles "Nein" der Uni-Behörde, wenn sie später ihr Studium verlängern wollen.

Im Unterricht sind Diskussionen selten, die Meinungen der Dozenten unanfechtbar. Kritik ist unerwünscht. Selbst über Referate von Studenten wird nicht debattiert. Gleichwohl ist Sabine Schoengen von der Offenheit mancher Professoren überrascht: "Sie lehren keine reine Parteipropaganda, sie äußern auch Kritik am Marxismus."

Die meisten Deutschen an der Beida wohnen für rund sieben Mark am Tag im Studentenwohnheim. Alle müssen sich ihr Zimmer jeweils mit einem Kommilitonen teilen. Philosophiestudent Fech hat es sogar geschafft, die Vorschriften zu umgehen und mit Freundin Miriam Schröder, Politikstudentin aus Tübingen, zusammenzuziehen.

Um Platz zu sparen, stehen Kühlschränke und das Geschirr auf dem Flur, an dem Gemeinschaftsklo und Waschräume liegen. Die Wäsche hängt zum Trocknen an der Leine quer durchs Zimmer. "Im Gegensatz zu den chinesischen Studenten geht es uns gut", sagt Sabine Schoengen. Denn die müssen zu sechst oder zu acht in einem winzigen Raum hausen.

Das Ausländerwohnheim in der nur wenige Kilometer entfernten Volksuniversität ist im Vergleich zur Beida-Bleibe ein düsterer Bau, in dem es nach dem Muff der frühen Jahre riecht. Der Putz blättert von den Wänden, im Foyer stehen Sofas, die schon zu Zeiten Maos alt waren. Heißes Wasser fließt nur morgens und abends für einige Stunden aus den Hähnen, und die Toiletten sind "einfach furchtbar", schaudert es Jasmin Gündüz.

Jeden Morgen erklingt die Nationalhymne

Doch sie versucht ihrem trüben Studienort Positives abzugewinnen: "Hier kann ich China sehen, wie es wirklich ist. Die Volksuniversität ist die Hochschule mit dem größten kommunistischen Flair." Jeden Morgen um zehn erklingt zum Beispiel über Lautsprecher die Nationalhymne. Wenn ihr der sozialistische Dunst zu dicht wird, flüchtet Gündüz in ein Luxushotel, "um westliche Atmosphäre zu schnuppern".

Auch der zweite Deutsche an der Volksuniversität, der Hamburger Mark Böschen, ist tief beeindruckt von Chinas Wirklichkeit: "Man kann hier viele Sachen erfahren, die woanders längst passé sind." Nach dem Theaterstück "Ché Guevara", berichtet er, "schwangen sie auf der Bühne rote Fahnen, und das Publikum sang die Internationale ­ grotesk".

Teils bewundernd, teils verblüfft beobachten die Deutschen den Fleiß ihrer chinesischen Kommilitonen. Während sie sich in der vor dem Beida-Westtor gelegenen Disco "First Avenue" oder daneben im "Solutions" vergnügen, wo der mit einem Pack Techno-Platten angereiste Oliver Köhne zuweilen Scheiben auflegt, hocken die Chinesen hinter ihren Büchern: "Für sie besteht das Studium nur aus lernen, essen und schlafen", sagt Schoengen.

Aber auch für die Gäste ist das Studium kein Vergnügen. Sie müssen zunächst hunderte chinesischer Zeichen lernen. Bis zu 60 000 gibt es, rund 3000 braucht man, um die Zeitung zu lesen. Ebenso schwierig ist die aktive Sprache, die aus 411 Sprachsilben zusammengesetzt ist. Die jedoch können im Hochchinesischen in vier verschiedenen Tonlagen gesprochen werden. Ein "Ich bin satt" kann da leicht als "Ich habe einen Hund gegessen" missverstanden werden.

Dennoch hat Sabine Schoengen gemeinsam mit Daniel Leese den Sprachkurs bereits hinter sich gelassen. Zwölf Stunden in der Woche sitzen die beiden gemeinsam mit chinesischen Kommilitonen im Historikerinstitut, um Vorlesungen über "chinesische Ideengeschichte " oder die "Geschichte des Umweltgedankens" zu hören.

Mittlerweile, sagt Schoengen, verstehe sie rund 70 Prozent der Lektion. "Aber der Professor spricht wahnsinnig schnell, und die chinesischen Zeichen an der Tafel sind oft nicht zu lesen." Immerhin beherrschen sie jetzt in der chinesischen Propaganda beliebte Formulierungen wie "vor ausländischen Mächten katzbuckeln". Und für eine Seite im Buch benötigen sie nicht mehr drei Stunden wie am Anfang, sondern nur noch eine.

Mit dem Sprachunterricht sind die wenigsten ausländischen Studenten glücklich. "Zu frontal", "konservativ", "nicht effizient", lauten die Urteile. Jasmin Gündüz stört vor allem das Desinteresse der chinesischen Dozenten. "Wenn man nicht mitkommt, kümmert es sie nicht. Fragen werden als störend empfunden."

Schlüssel zum Erfolg des Studiums in China, darin stimmen alle überein, ist weniger der Unterricht als der direkte Kontakt zu Chinesen. Der ist allerdings nicht nur wegen der Sprachbarriere schwierig: Mit Chinesen zusammenwohnen dürfen die Ausländer zum Beispiel nicht. Andrej Fech: "Wir leben in der Beida wie in einem Ghetto." Im Wohnheim muss sich jeder Gast registrieren lassen, nachts herrscht Besuchsverbot.

Die Distanz zwischen West und Ost scheint zuweilen unüberwindlich. Chinesische Bekannte, so erfuhren manche Deutsche, sind ungewöhnlich zugeknöpft. "Es ist schwierig, mit ihnen über persönliche Dinge zu reden", sagt Gündüz. "Und über Politik habe ich während meiner zehn Monate nicht einmal gesprochen."

Wie schnell man in China Gefühle verletzen kann, erlebte Filmstudent Bernhard Bartsch, als er im vergangenen Jahr mit anderen Ausländern in einer Kneipe laut kesse Bemerkungen über die Übergabe Macaus an die Volksrepublik machte. Eine Chinesin fuhr ihn böse an: "Was versteht ihr schon von China?", und stürmte wütend aus dem Raum. Noch heute quält Bartsch die Frage: "Wie konnte mir so etwas nur passieren?"

Thomas Krech, 31, der zuvor an der Freien Universität Berlin studierte, ist mehr als die anderen Deutschen an der Beida-Uni ins chinesische Leben integriert. Er hat eine chinesische Freundin, der er mittlerweile sogar E-Mails auf Chinesisch schreibt. Krech, der wie sein Freund Fech das Haupt mit einem Zopf schmückt, mietete ­ nicht mit den Uni-Regeln konform ­ in der Nähe der Beida eine Wohnung: Für 30 Quadratmeter, spartanisch möbliert, zahlt er jeden Monat 350 Mark.

E-Mails an die chinesische Freundin

Inzwischen pflegt der Student mit dem weißen T-Shirt (chinesische Aufschrift: "Ich liebe dich") Kontakte zu Pekinger Punks und frühstückt jeden Morgen in einem Restaurant um die Ecke warme Sojamilch und Teigstangen. Dabei wird er Zeuge der morgendlichen "inneren Reinigung" , bei der, wie er sagt, "überflüssiger Körperschleim als Auswurf den Körper in einem weiten Bogen verlässt". Fasziniert beobachtet er, wie es sein Gegenüber schafft, "seine Suppe mit Stäbchen zu essen, wobei sich sein Kopf auf der Höhe der Tischkante befindet, er mit dem Stäbchen in Richtung Mundöffnung ein wenig Suppe bewegt und die dann geräuschvoll einsaugt".

Wer in China studieren will, muss sein Grundstudium beendet oder die Zwischenprüfung in der Tasche haben und sich beim Deutschen Akademischen Austauschdienst  (DAAD) bewerben. 37 Kandidaten erhielten in diesem Jahr ein DAAD-Vollstipendium, das neben Flug, Unterricht und Unterkunft die Lebenskosten abdeckt.

Auch über Direktkontakte der Universitäten ist das Studium in China möglich. Die Mehrzahl der Studenten hingegen kommt im Rahmen des so genannten Selbstzahlerprogramms, bei dem nur die Lektionen gratis sind. So mancher finanziert deshalb seinen China-Aufenthalt als Deutschlehrer.

Insgesamt lassen die Chinesen jedes Jahr 150 deutsche Selbstzahler ins Land, aber nur rund 105 nutzten in diesem Jahr die Chance. Nach dem Ende des Jahres zieht es die meisten wieder nach Hause: Die Zahl der Studenten, die länger bleiben wollen, schrumpfte in letzter Zeit sogar. Der Grund, vermutet der DAAD, sind die gestiegenen Kosten in China.

Der DAAD ermöglicht seit 1996 zudem Hochschulabsolventen ein "Sprache und Praxis" genanntes Zusatzstudium in China. Zunächst müssen die Absolventen ein Jahr Chinesisch lernen, den Rest der Zeit sollen sie bei deutsch-chinesischen Gemeinschaftsunternehmen oder internationalen Organisationen Erfahrungen sammeln.

"Ich habe keine Angst vor dem unbekannten mehr"

Es gibt aber auch Deutsche, die ihre ganze akademische Ausbildung in China durchziehen wollen ­ und es auf eigene Faust und Kosten tun. Stefan Brinkop, 26, aus Hildesheim zum Beispiel studiert seit einem Jahr an Pekings Universität für chinesische Medizin. Von seiner frühen Jugend an vom Schattenboxen ("Tai Chi") fasziniert, schrieb er sich zuerst in der Pekinger Sportfakultät ein und wechselte dann zu den traditionellen Medizinern an der Dritten Ringstraße. Da er nie eine deutsche Hochschule besuchte, hat er kaum Chancen auf ein Stipendium: Die rund 7000 Mark Gebühren für zwei Semester muss er selbst aufbringen.

Nun büffelt er unter anderem klassische chinesische Zeichen, die ­ ähnlich wie im Westen Latein ­ Voraussetzung für das Studium der Heilkunst sind. Die Landessprache spricht er inzwischen fließend, mit seiner mongolischen Frau verständigt er sich auf Chinesisch.

Im dritten Studienjahr darf er im Krankenhaus arbeiten, doch schon jetzt schaut er einem chinesischen Arzt in dessen Praxis über die Schulter und versucht zu verstehen, auf welche Krankheit eine gelbe oder eine blaue Zunge hinweist. Um in dem mit Tulpentapeten geschmückten Klassenraum nicht den Anschluss zu verlieren, lernt Biskop ohne Unterbrechung: "100 Zeichen täglich, Stoff wiederholen, am Wochenende hab ich keine Zeit wegzugehen."

Nur morgens und in den Pausen schwingt er noch sein Wushu(Kampfkunst)-Schwert. Von den zehn Ausländern, die den Anfängerkurs besuchten, haben nur zwei durchgehalten: ein Kolumbianer und er.

Selbst wenn er in Deutschland später vermutlich nicht als Arzt praktizieren darf, hat Biskop seine Entscheidung bislang nicht bereut: "Ich gehe einen gradlinigen Weg."

Die anderen Studenten sind trotz aller Widrigkeiten ebenfalls überwiegend positiv gestimmt ­ selbst wenn die Heimatuniversitäten das Studium in der Regel nicht als Leistung anrechnen.

Jasmin Gündüz von der Pekinger Volksuniversität: "Ich habe keine Angst vor dem Unbekannten mehr. Meinetwegen kann man mich nun ins tiefste Afrika schicken ­ kein Problem."

ANDREAS LORENZ

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