Reisen HIPHOP GEGEN HAIDER

Die österreichischen Universitäten gelten als langweilig und autoritär. Jetzt bringt die Protestwelle gegen Jörg Haider Bewegung unter die Studenten.


In dem überheizten Kellerraum mitten in Wien sind die Tische zusammengeschoben, die Stühle beiseite geräumt. Alexander Zach, 23, und seine Kommilitonen malen auf meterlange Baumwollbahnen ihre Protestslogans: "No Comeback for Men in Black" oder "Gegen Grundrechtsabbau" ist da zu lesen. Immer wieder klingelt ein Handy, werden Termine für Protestaktionen durchgegeben, Mitstreiter mobilisiert.

Zach und seine Studentenfreunde haben nur ein Ziel: den "schnellstmöglichen Sturz von Haiders Vasallenregierung", der rechtskonservativen Koalition aus Österreichischer Volkspartei (ÖVP) und Freiheitlicher Partei Österreichs (FPÖ). Die Aktivisten gehören zum Liberalen Forum, das sich 1993 wegen Haiders populistischer Parolen von der FPÖ abspaltete.

Immer wieder ist Zach in den vergangenen zwei Monaten bei Demonstrationszügen mitmarschiert, meist vom Ballhausplatz in einen der Bezirke der Hauptstadt. Und natürlich war er auch Mitte Februar unter den rund 250 000 Menschen bei der Protestkundgebung auf dem Wiener Heldenplatz, der größten Demo in der Geschichte der Zweiten Österreichischen Republik; genau an dem Ort, an dem die Österreicher 1938 Hitler zujubelten.

"Haider ist gefährlich", sagt Zach, "denn Teile der österreichischen Gesellschaft sind anfällig für einen alltäglichen Faschismus, für die Ablehnung alles Fremden und Unbekannten."

Zu den treibenden Kräften, die sich seit Anfang Februar landesweit gegen das Kabinett unter ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel auflehnen, zählen viele der 230 000 Studierenden Österreichs ­ obwohl die meist kleinen Hochschulen der Alpenrepublik als weitgehend kritikfeindliche Erziehungsanstalten gelten. Dort wird nicht die selbstbewusste Elite für das 21. Jahrhundert trainiert, sondern der Nachwuchs für die mittlere Verwaltungslaufbahn diszipliniert.

"Diese fundamentale politische Auseinandersetzung ist für die österreichischen Universitäten eine Chance, endlich aufzuwachen", sagt Jens Dangschat, Professor für Siedlungssoziologie und Demographie an der Technischen Universität Wien. Die Hochschulen seien ­ wie das gesamte Bildungssystem ­ "autoritär, orientiert an Wahrheit und Sicherheit", es bestehe "kaum Lust, etwas in Frage zu stellen".

Der österreichische Parteien- und Proporzstaat hat sich längst auch die Hochschulen zur Beute gemacht. Kaum ein Uni-Rektor, kaum ein Institutsleiter, kaum ein offizieller Studentenvertreter, der nicht Parteimitglied ist oder zumindest einer der großen Parteien nahe steht.

Die meisten Professoren verstehen sich denn auch nicht als kritische Geister, sondern als Staatsbeamte, die ihren Lehr- und Forschungsauftrag pflichtschuldig zu erfüllen haben. So reagierte die Österreichische Rektorenkonferenz auf die Regierungsbeteiligung der FPÖ mit Leerformeln wie: "Die Universitäten erwarten Offenheit und Internationalität der politischen Perspektiven für Österreich."

Auch den Wissenschaftsbetrieb haben schon die heftigen Reaktionen des Auslands auf Haider erreicht. Tagungen europäischer Bildungs- und Wissenschaftsprogramme wurden von Wien in außerösterreichische Städte verlegt. Die Universität im französischen Lyon hat die Österreicher auf eine Art Watch-List gesetzt.

Georg Winckler, Rektor der Wiener Uni und Präsident der Rektorenkonferenz, spielt das herunter, er erwartet nur "da und dort versteckte Diskriminierung österreichischer Wissenschaftler im Ausland". Er bedauert dies, will sich jedoch nicht eindeutig politisch äußern. "Die Hochschulen werden nicht gegen die Regierungskoalition vorgehen, aber für zivile Werte eintreten."

In seinem Büro, gegenüber seinem Schreibtisch, hängt Kaiser Franz Joseph überlebensgroß in Öl. Der Monarch hatte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Wiener Uni gefördert, allerdings unter der strikten Auflage, dass kein anti-monarchistisches Gedankengut verbreitet wird. Absolute Staatstreue war Pflicht.

Auch das landesweite Studentenparlament, die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH), hält sich bedeckt. Kein Wunder: Die stärkste Fraktion mit rund 40 Prozent der Stimmen stellt die so genannte Aktions Gemeinschaft (AG), die sich nach außen unabhängig gibt, tatsächlich aber der ÖVP nahe steht und von ihr auch finanziell unterstützt wird. Obwohl in Österreich den Studentenvertretern ein politisches Mandat garantiert ist, organisiert die AG lieber Dienstleistungen für Studenten wie Vorlesungsskripte und Rabatte für Fitness-Studios.

Die meisten protestierenden Studis engagieren sich deshalb unabhängig von ihrer offiziellen Vertretung. Die österreichischen Studenten der MTV-Generation haben keine Lust auf autoritäre Kaderstrukturen und langatmige Polit-Pamphlete à la '68. Gewalt gilt als uncool, Trommeln und HipHop-Sound ersetzen altlinke Kampflieder. Die Mitstreiter werden über E-Mail, Internet-Seiten oder SMS-Nachrichten via Handy informiert. Die multimedialen Jung-Akademiker wollen demonstrieren und gleichzeitig ihren Spaß haben.

Hochschulpolitische Themen spielen dabei bisher nur eine geringe Rolle. Bereits die bis Herbst vergangenen Jahres regierende große Koalition zwischen der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ) und der ÖVP hatte begonnen, die Hochschulen umzubauen. So sind die Universitäten unter dem Schlagwort "Kostenwahrheit" etwa dazu verpflichtet, möglichst effizient zu wirtschaften und nicht am Markt vorbei auszubilden.

Über Studiengebühren, kürzere Studienzeiten und die Abschaffung des Beamtenstatus für Professoren diskutieren heute alle österreichischen Parteien, wenn es auch noch einige Jahre dauern wird, diese Ziele umzusetzen. Die ÖVP/FPÖ-Koalition beschränkt sich in der Bildungspolitik bisher darauf, bereits laufende Reformen weiterzuführen. So wäre der geplante Ausbau der Hochschulautonomie wohl auch unter der vorigen Regierung erfolgt.

Ob die derzeitige Protestwelle unter den Studenten auch dazu führt, dass die ÖVP-nahe Mehrheit im Studentenparlament bei den nächsten Wahlen gebrochen wird, ist ungewiss. Dagmar Hemmer, 27, vom Verband Sozialistischer Studenten Österreichs macht sich Mut und hofft auf einen Sieg: "Die Stimmung gegen die Regierung ist sehr stark."

Ein besseres Resultat für seine Gruppe wünscht sich auch Andreas Trammer, 26. Der Student an der Wirtschaftsuniversität Wien ist Bundesgeschäftsführer des Rings Freiheitlicher Studenten (RFS), der Studentenorganisation von Haiders FPÖ. Bei den letzten Wahlen der Hochschülerschaft hat der RFS gerade einmal 4,59 Prozent der Stimmen und damit nur zwei Mandate erzielt. Ein schlechtes Ergebnis, hat die FPÖ bei den Nationalratswahlen im Oktober vergangenen Jahres bei den 19- bis 29-Jährigen mit 35 Prozent doch von allen Parteien am besten abgeschnitten.

In ihrer Werbung ("10 Gründe für die Wahl des RFS") präsentieren sich die freiheitlichen Studiosi pragmatisch: Da werden erweiterte Öffnungszeiten der universitären Einrichtungen gefordert, die freie Wahl von Prüfern und eine verbesserte Förderung von Auslandsaufenthalten. Alles, was die Studenten erfreut.

Wie Junior-Haider tritt Trammer auf: fesch gekleidet, freundlich-dynamisches Auftreten, rhetorisch geschult, meist ein Lächeln auf den Lippen. "Welcher Österreicher schafft es schon auf das Titelbild von 'Newsweek'?", lobt er sein Vorbild. "Der Erfolg gibt ihm Recht". Klar ist: "Haider wird Kanzler!"

Hin und wieder trifft sich sogar der Protestler Zach mit Trammer in der Wirtschaft, denn von Ausgrenzung hält der abgespaltene Liberale nichts. Doch obwohl Zach seit den Demonstrationen mit seinen Kommilitonen im Kaffeehaus viel mehr als früher über Politik redet ­ beim österreichischgemütlichen Bier mit Zach ist das Thema tabu.

JOACHIM MOHR



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