Religionsstreit Grüner Jungpolitiker klagt über rassistische Anwürfe

Nachwehen des "Pro Reli"-Streits: Der Grüne Daniel Mack, 22, hat sich bei Twitter abfällig über die katholische Kirche geäußert. Politische Gegner hängten das an die große Glocke, nun sieht sich der hessische Jungpolitiker verfolgt - und sagt, es gehe um seine Hautfarbe.

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Daniel Mack kennt die Frau nicht, doch sie kennt ihn. Die Mittfünfzigerin hat sein Foto in der Lokalzeitung gesehen. An einer Bushaltestelle in Bad Orb spricht sie den 22-Jährigen an: "Junge, wie kannst du als Ausländer unsere heimische Religion beleidigen?" Mack antwortet höflich und verschwindet. Er will keine Konfrontation.

Daniel Mack: Findet die katholische Kirche verrückt
Daniel Mack

Daniel Mack: Findet die katholische Kirche verrückt

Für den Grünen sind Begegnungen wie diese mittlerweile Alltag. Seit ihm die Jugendverbände von CDU und SPD vorwarfen, den christlichen Glauben zu diskreditieren, erlebt er in seiner Heimatstadt einen Spießrutenlauf.

Beim Online-Dienst Twitter hatte Mack die Initiative "Pro Ethik" unterstützt - mit dem Zusatz "keine Werbestunden mehr für eine völlig verrückte katholische Kirche". Er beteiligte sich damit an der Diskussion um das von den Kirchen mit viel Elan und Kirchensteuergeld betriebene Berliner Volksbegehren "Pro Reli", bei dem es um den Religionsunterricht als Wahlpflichtfach ging - bisher besuchen Schüler in der Hauptstadt den Ethikunterricht und können freiwillig Religion zusätzlich wählen.

"Im Supermarkt schauen mich Leute hasserfüllt an"

So wird es auch bleiben. Denn beim Volksentscheid am vergangenen Sonntag erreichte die Initiative weder das nötige Quorum noch die Mehrheit der abgegebenen Stimmen - und war damit doppelt durchgefallen. Für ihre sehr offensive Kampagne, in der sie mitunter am Rande der Redlichkeit argumentierten, mussten die beiden großen christlichen Kirchen viel Kritik einstecken.

"Berlin ist gaga", befand etwa Publizist Henryk M. Broder - den Streit verstehe doch keiner, und der Stadt gehe es wohl gut, sonst würde sich keiner Sorgen um solche Petitessen machen. "Ich habe Gott angerufen und ihn gefragt, was er lieber möchte, Reli- oder Ethikunterricht. Und er hat gesagt, am liebsten wäre ihm ein warmes Abendessen", so Broder im SPIEGEL-TV-Video.

Mack erlebt, seitdem er gegen die katholische Kirche gezwitschert hat, heftige Anwürfe. "Mit so einer Reaktion habe ich nicht gerechnet", sagte der Darmstädter Student SPIEGEL ONLINE, "im Supermarkt schauen mich die Leute hasserfüllt an, als wollten sie mir ins Gesicht spucken." In Dutzenden E-Mails werde er beschimpft, sein Handy habe er mittlerweile ausgestellt, weil er die anonymen Anrufe nicht mehr ertragen habe.

Was ihn am meisten ärgert: "Die Leute sehen meine Hautfarbe und denken: Okay, das ist ein Ausländer und Muslim, was bildet der sich ein, unsere Kirche zu kritisieren?" Mack ist im hessischen Bad-Soden Salmünster geboren, in Bad Orb aufgewachsen und zur Schule gegangen. Er ist Mitglied in der katholischen Kirche und war sogar Messdiener - vor kurzem hat er aber einen Antrag auf Austritt gestellt. Sein Vater kommt aus Sri Lanka, kennengelernt habe er ihn jedoch nie, erzählt Mack.

"Heimische Bevölkerung" diskreditiert?

Jusos und Junger Union (JU) wirft er vor, die Stimmung mit ihrer Pressemitteilung angeheizt zu haben. Tatsächlich heißt es dort, man sei entsetzt über die Kirchenkritik des Kreistagsabgeordneten: "Mack, der sich selbst als Hüter von Toleranz und Multikulturalismus sieht, diskreditiert damit rücksichtslos einen großen Teil der heimischen Bevölkerung."

Die beiden politischen Jugendorganisationen fordern Mack auf, den Twitter-Beitrag zu entfernen und sich öffentlich zu entschuldigen. Wenn dies nicht geschehe, sollten die Grünen ihm "eine gewisse Reifezeit" verordnen, "um die Grundregeln des politischen und vor allem des menschlichen Umgangs miteinander zu lernen".

Der Landeschef der hessischen Grünen, Tarek Al-Wazir, weist das als "absurd" zurück: "Daniel Mack hat zugespitzt eine Position vertreten, die man haben kann." Allerdings sei es eine persönliche Position und keine der Grünen. Landesgeschäftsführer Kai Klose nennt den Bezug auf die "heimische Bevölkerung" erschreckend: "Das ist unterste Schublade - JU und Jusos sollten sich überlegen, was da für ein Gedankengut hintersteht."

Zwist unter Jungpolitikern

Zwar unterstellt Mack seinen politischen Rivalen nicht, rechtsextremem Gedankengut anzuhängen. "Doch sie haben es bedient, um mir zu schaden", sagt der 22-Jährige.

Julia Heil, Kreisvorsitzende der JU im Main-Kinzig-Kreis, weist diesen Vorwurf zurück: "Das war keinesfalls unsere Absicht. Wenn Daniel nun derart angegriffen wird, tut mir das wirklich leid." Darin schloss sich der Juso-Kreisvorsitzende Dorian Winter an. Seine JU-Kollegin Heil sagt weiter, sie bezweifle, dass die Attacken in einem Zusammenhang mit der Pro-Reli-Streit stehen: "Daniel Mack erzählt schon länger, dass er sich wegen seiner Hautfarbe in Bad Orb verfolgt fühlt."

Mack nennt das absurd und fragt die JU-Konkurrentin, warum sich Menschen in Deutschland denn verfolgt fühlen würden. "Ich habe meine Meinung zum christlichen Glauben geäußert", sagt der Grüne. Es komme ihm so vor, als solle ihm genau das verwehrt werden - aufgrund seiner Hautfarbe.

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