Reporterlegenden im Kreuzverhör Ungleiche Spürnasen

Einst stürzten Bob Woodward und Carl Bernstein mit ihren Watergate-Enthüllungen den amerikanischen Präsidenten. Harvards Studenten zeigten bei einer Lesung wenig Respekt vor den legendären Rechercheuren: Sie wünschten sich mehr Breitseiten gegen die ungeliebte Bush-Regierung.

Von , Cambridge


Einen Moment ist alles so wie damals, als sie zwei hungrige Lokalreporter waren und an viele Türen klopften, bis sie schließlich die Story des Jahrhunderts zusammenhatten: Der mächtigste Mann der Welt, Richard Nixon, musste zurücktreten. Gut, Carl Bernstein hat jetzt einen so dicken Bauch, dass er in den Türen hängen bleiben würde. Alle paar Minuten muss er das blaue Jacket auffingern. Und Bob Woodward würde die Türen ohne Brille gar nicht mehr finden.

Aber in ihren Einführungsworten klingen sie immer noch wie früher, als ihre Geschichten in der "Washington Post" die Regierung erschütterten. Bernstein schimpft auf das Weiße Haus, das Informationen verberge. Woodward warnt, Staatsanwälte dürften niemals, niemals Journalisten jagen.

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Politdrama vor 34 Jahren: Der Watergate-Skandal

Auf den Flugblättern für den Vortrag an Harvards Kennedy School of Government sind die beiden als Vorbilder für revolutionäre Berichterstattung angekündigt. Doch unter den ohnehin schwer zu beeindruckenden Harvardstudenten - rund 500 sind gekommen - breitet sich schon beim Warten auf den Einmarsch der Legenden tuschelnd ein Fragezeichen aus: Sind das noch Vorbilder? Sollte das Seminar nicht lieber lauten: Wie sehr darf man als Reporter Teil des Establishments werden?

Woodward in der Kritik

Denn vor allem Woodward schleppt eine schwere Bürde. Vor ein paar Wochen ist er geworden, was Reporter nie sein sollen: selber die Story. Im Skandal um die Enttarnung einer CIA-Agentin durch das Weiße Haus verschwieg er lange, wer aus der Bush-Regierung ihm vor langer Zeit illegal Informationen gesteckt hatte. Wütende Kollegen ätzten, Woodward sei so sehr Teil der feinen Washingtoner Gesellschaft geworden, dass er die Brisanz des Skandals gar nicht mehr sehe.

Die Kritiker werten den Vorfall als letzten Beweis für ihre These, Woodward schreibe zwar alles auf, verstehe aber wenig. So durfte die graue Journalisteneminenz für ihr jüngstes Buch "Bush at War" tagelang Präsident und Regierungsspitze interviewen. Doch die meisten Rezensenten straften es trotz aller Details als seltsam wirkungslos ab. Sie vermissten die Analyse der Politik einer Regierung, die unbedingt Krieg wollte.

Sobald die Fragerunde beginnt, fragt denn auch gleich der erste Student kurz und schmerzlos: "Sind sie vom Weißen Haus manipuliert worden, Mr. Woodward?" Da klopft Carl Bernstein seinem Partner sanft auf die Schulter. Es sieht aus wie: "Na, viel Spaß beim Rauswinden."

Sie sind ein ungleiches Paar geworden. Als die beiden Watergate enthüllten, waren sie so enge Kumpel, dass der Chefredakteur sie nur "Woodstein" nannte. Danach lebte Bernstein den Ruhm aus, er ließ die Haare wachsen, den Bauch auch, er trank viel und arbeitete gelegentlich für Hochglanzmagazine und das Fernsehen. Woodward dagegen schrieb weiter wie ein Rechercheroboter, veröffentlichte Bücher im Jahrestakt. Dicke Bücher. Wichtige Bücher. Über den Geheimdienst, über Hillary, über die CIA, zuletzt über den Irak. Er wurde zur journalistischen Eminenz Washingtons.

Das längste Präsidenten-Interview aller Zeiten

Doch nun muss sich die Eminenz unangenehme Fragen anhören. Woodward gibt eine sehr lange Antwort. Er versucht es mit Witzen, von denen er weiß, dass sie gut ankommen in Harvard. "Ein 21 Seiten langes Memo habe ich Bush für sein Buch über den Irak-Krieg zugesandt. Freunde sagten mir, ich sei verrückt, so viele Seiten hat der nicht mal als Student in Yale gelesen." Doch Bush habe 500 Fragen mit ihm besprochen, das längste Interview aller Zeiten mit einem amtierenden Präsidenten.

Und dann warnt Woodward, ganz in der Rolle des wachsamen Enthüllungsreporters, man solle nur ja nicht die wahre Geschichte verpassen. Das Versagen der Geheimdienste vor dem Irak-Krieg. Doch auch das führt ja nur wieder zu der Frage, warum er die Story verpasst hat. Trotz seiner 500 Fragen.

So muss ihn schließlich Bernstein raushauen - dem unterstellt keiner Regierungssympathien. Seelenruhig blättert er in "Bush at War", während Woodward redet und redet. Er sucht nach der Stelle, an der Woodward beschreibt, wie Colin Powell von der "Gestapo-Abteilung" in Dick Cheneys Verteidigungsministerium sprach. Dann liest Bernstein die Passage, laut der Bush nicht seinen Vater vor dem Krieg um Rat gefragt habe, aber "einen höheren Vater". "Das schildert doch den Irrsinn der Vorbereitung bestens, und es steht alles drin", verteidigt Bernstein seinen Watergate-Partner.

Bernstein kämpft seinen Kreuzzug

Doch nebenbei tüftelt Bernstein seine Verteidigung in eine Abstimmung unter den Studenten um. Wie sollen Top-Journalisten in Amerika heute auftreten? Wie Woodward, der so viel weiß, aber sagt, er wolle seiner Sonderstellung durch "Ehrlichkeit" und "Ausgewogenheit" gerecht werden? Oder wie Bernstein? Der bei großen Worten wie "Ausgewogenheit" die Backen aufbläst, Woodward in die Seite pufft und ruft: "Manchmal musst du draufhauen."

Bernstein nennt die Großkopferten in Washington "Hurensöhne", er seziert die Manipulationen der Bush-Regierung über Massenvernichtungswaffen bissig. "Die sagen: Nur weil wir keine Beweise haben, heißt das nicht, dass es keine Beweise gibt." Der unkonventionellere der beiden Watergate-Enthüller ist mal wieder auf einem journalistischen Kreuzzug, und ein Student mit Harry-Potter-Brille schenkt ihm die Chance zur Abrechnung des Abends. Ob eine Recherche wie Watergate heute noch möglich sei? "Super Frage", bricht es aus Bernstein raus. "Es gibt nur noch Beschränkungen für investigative Journalisten. Vom Weißen Haus, das mauert. Von Medienkonzernen, die nur an Profit denken."

Als die Lesung vorbei ist, befragt ein studentisches Kamerateam Woodward noch zur legendären Watergate-Quelle "Deep Throat". Woodward bleibt auf seinem Stuhl sitzen, das Jacket ordentlich geschlossen. Er sagt, dass anonyme Quellen wichtig seien. Er klingt wie ein Journalisten-Staatsmann.

Bernstein steht ein paar Meter weiter, die Jacke weit offen, und dröhnt, wie er sich getäuscht habe, als er 2001 sagte, Bush sei gar nicht so blöd. Er lacht schallend, seine Zuhörer lachen. Wer heute jung ist in Amerika und Journalist werden will, muss Woodward respektieren. Aber Bernstein lieben.



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