Rheinisch-afghanische Partnerschaft Nur aufgeschoben, nicht aufgehoben

Die Uni Bonn ging voran, die Uni Köln zog nach: Die beiden rheinischen Hochschulen wollen sich aktiv am Wiederaufbau der Uni Kabul beteiligen. Dass dies ein ehrenwertes, aber kein leichtes und billiges Unterfangen ist, zeigt ein Blick in den Antrag der Kölner Wirtschaftswissenschaftler.
Von Michael Krechting

Die Universität liegt im zerstörten Westen von Kabul. Inmitten einer Trümmerlandschaft, umgeben von Staub, Schutt, Gesteinsbrocken. Kratzer hat sie abgekommen, die Hochschule der Hauptstadt Afghanistans. Der Krieg hat seine Spuren lassen. Doch auch wenn der Stadtteil zerstört ist: Die Uni steht noch.

Und damit ist sie so etwas wie ein Symbol des Aufbruchs in Kabul. Nach 23 Jahren Unterdrückung könnte die Hochschule das geistige Labor sein, in dem die richtigen Formeln für ein friedliches Zusammenleben der Afghanen gefunden werden. Aber dafür muss die Uni vernünftig ausgestattet sein, personell und technisch. Und das kostet Geld, das braucht Ideen. Die beiden deutschen Unis Bonn und Köln haben jetzt im Abstand von wenigen Tagen ihre Hilfe zugesagt.

Damit beleben sie eine Partnerschaft wieder, die fast 40 Jahre alt ist. Denn schon einmal beteiligten sich die Unis Köln, Bonn und später auch Bochum am Aufbau einer funktionsfähigen Hochschule in der Hauptstadt Afghanistans. Schon einmal wurde praktisch aus dem Nichts ein Studienangebot aus dem Boden gestampft, das sich nach einigen Jahren sogar mit westlichen Unis messen konnte.

Ein leuchtendes Beispiel, aber das Nichts aus dem Jahr 2002 hat kein Telefon, kein Licht, kein Strom. Dafür gibt es, und das ist anders als in den sechziger Jahren, überall im Ausland und speziell in Deutschland viele afghanische Wissenschaftler, die der Universität Kabul wieder Leben einhauchen könnten. An diesem Punkt wollen die Unis Köln und Bonn ansetzen.

An der Universität Köln ist die wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Fakultät federführend, an der Uni Bonn sind es vor allem die Mathematiker und Naturwissenschaftler. Beide Hochschulen haben Unterstützungsanträge an das Bundesaußenministerium geschickt.

"Es gibt, um in der Sprache der Ökonomen zu bleiben, afghanisches akademisches Humankapital, das bei diesem Projekt eingesetzt werden kann", heißt es im Antrag der Uni Köln. Das klingt verhalten positiv. Der Antrag, der UniSPIEGEL ONLINE vorliegt, verschweigt aber auch nicht, welche Risiken und Kosten die Partnerschaft mit Kabul birgt.

Zunächst einmal muss die Grundlage stimmen, eine Infrastruktur muss in Kabul geschaffen oder saniert werden. Strom, Heizung, Mobiliar - denn ohne geht es nicht. Das Geld für die Grundsanierung ist aber nicht Gegenstand des Antrages. Soll heißen: Die Gelder müssen aus einer anderen Quelle fließen.

Dagegen will die Uni Köln das wissenschaftliche Fundament legen - und dafür auch bezahlen. Vorgesehen ist, in den ersten zwei Jahren der Partnerschaft einen funktionsfähigen Studiengang in der Form eines "Bachelor in Economics" zu etablieren. Dafür ist eine Koordinationsstelle in Kabul geplant, die von einem Kölner Wirtschaftswissenschaftler geleitet werden soll. In Köln soll das Kabul-Büro eröffnet werden, dass die Logistik der Partnerschaft übernehmen soll. Der Lehrbetrieb soll frühestens im Herbst diesen Jahres, wahrscheinlich aber erst im März 2003 aufgenommen werden.

Lehren sollen in Deutschland ausgebildete afghanische Wissenschaftler, die zur Rückkehr bereit sind, oder junge Afghanen, "die eine solide ökonomische Ausbildung in Pakistan oder Indien erfahren haben", wie es im Antrag heißt. Die Verträge dieser Lehrenden sollen mit der Uni Kabul abgeschlossen werden. Das Kölner Kabul-Büro ist aber auch bereit, den Wissenschaftlern einen Zuschuss bezahlen, um das erwartet niedrige afghanische Gehalt aufzubessern.

Ergänzt werden soll das Lehrprogramm durch Blockseminare, die von Kölner "Spezialisten" angeboten werden. Und damit die Lehre in Kabul auch hohen Ansprüchen genügt, soll das Büro in Kabul mit Computern, Telefon und Fax ausgestattet werden. Die Antragsteller prognostizieren, dass das die Uni Köln in den Haushaltsjahren 2002 und 2003 insgesamt mehr als 500.000 Euro kosten wird.

Das ganze Projekt steht und fällt natürlich mit der Sicherheitslage in Kabul. Die wird zur Zeit von einer Findungskommission des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) begutachtet. Sollten die DAAD-Mitarbeiter mit positiven Nachrichten nach Deutschland zurückkehren, können sich einige deutsche Wissenschaftler, die bereits in den 60ern mit Afghanistan in Kontakt waren, sogar vorstellen, nach Kabul zu gehen. "Ja, wieso nicht?", meinte einer der beiden Antragssteller der Uni Köln, der emeritierte Wirtschaftswissenschaftler Klaus Mackscheidt, gegenüber UniSPIEGEL ONLINE.

Ein Mann wird sich über diese Nachricht besonders freuen: der afghanische Aufbauminister Amin Farhang. Denn für ihn hat die deutsch-afghanische Bildungspartnerschaft eine ganz persönliche Note: Farhang machte seinen Doktor der Wirtschaftswissenschaft in Köln.