Rhetorik an der Uni "Alles nur Show!"

Jeder Student kann in Seminaren mit mündlichen Beiträgen glänzen, behauptet Rhetorik-Expertin Gloria Beck in einem Ratgeber für Studenten. Im Interview verrät sie, wie man mit Beredsamkeit den Professor überzeugt - und dabei elegant Wissenslücken überspielt.


SPIEGEL ONLINE: Sie waren mehrere Jahre Dozentin für Rhetorik an der Universität Koblenz. Woran hapert es bei Studenten in Sachen Kommunikation?

Arbeitswissenschaftlerin Beck: "Anonym in der Masse untertauchen ist kontraproduktiv"

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Gloria Beck: Studenten übernehmen oft Muster, die sie aus der Schule kennen. Sie formulieren Sätze häufig zu umgangssprachlich und deswegen nicht so exakt, wie es das Niveau des Seminars erfordert. Spätestens an der Uni sind alle Studenten Erwachsene, die ihrem Dozenten gegenüber gleichberechtigt und selbstbewusst auftreten sollten. Die Rhetorik liefert ihnen dafür das notwendige Werkzeug. Ich meine damit nicht eine bestimmte Art zu sprechen. Es kommt auf die Strategie an, kompetent aufzutreten.

SPIEGEL ONLINE: Und die lautet, die Aufmerksamkeit selbstbewusst auf die eigene Person zu lenken?

Beck: Nicht auf die Person, sondern auf die eigene Kompetenz. Denn das interessiert an der Uni. Niemand gibt Ihnen eine gute Note, weil er findet, dass Sie ein netter Mensch sind. Nur leistungsstarke Studenten erhalten gute Noten. Um aber als solcher erst einmal in Erscheinung zu treten, sollten die Fragen und Beiträge im Seminar einer bestimmten Struktur folgen.

SPIEGEL ONLINE: Sie nennen diesen Aufbau "Dreierbeitragsstruktur". Um welche drei Schritte geht es?

Beck: Zunächst muss deutlich gemacht werden, zu welchem Punkt in den Ausführungen des Dozenten man etwas sagen will. Dann formuliert man die eigene Idee, anschließend die Frage. Das dauert etwas länger, wirkt dafür aber kompetenter.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht nur reiner Bluff, wird so ein Seminar zur Show?

Beck: Ja, das ist Show! Natürlich setzt jede Inszenierung auch einen gewissen Kenntnisstand voraus. Je mehr Vorwissen Studenten haben, desto besser verstehen sie die Zusammenhänge, desto mehr Beiträge können sie machen, desto kompetenter wirken sie. Aber auch ohne Vorwissen kann man durch die Konzentration auf kleinere Aspekte des Seminars klug erscheinende Fragen stellen.

SPIEGEL ONLINE: Man sollte also jedes Seminar wie eine kleine Prüfung sehen?



Keine Ahnung, keine Meinung, keine Courage? Rettungsanker Rhetorik: Die richtige Antwort für jedes Seminar - zehn typische Situationen und Tipps aus Gloria Becks Rhetorik-Ratgeber. Mehr...

Beck: Viele Studenten konzentrieren sich nur auf ihre Leistungen in Referaten oder mündlichen Prüfungen. Das reicht aber nicht aus. Wenn sie schon im Seminar einen guten Eindruck hinterlassen, können sie davon im Verlauf ihres späteren Studiums profitieren. Die Strategie, anonym in der Masse unterzutauchen, ist kontraproduktiv. Als Dozent merkt man sehr genau, wer interessiert guckt, wer intelligente Gedanken beisteuert und wer vielleicht in einer Zeitschrift blättert oder in der Tasche kramt. Für Vortragende kann so ein Verhalten sehr kränkend sein - und bis zur mündlichen Prüfung am Ende des Studiums haften bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Studenten diese Fähigkeiten trainieren?

Beck: Es gibt an den Hochschulen keine Seminare, in denen Studenten lernen, wie sie sich im Seminar oder der Vorlesung richtig ausdrücken. Viele Kurse zielen auf Referate oder mündliche Prüfungen. Die mündliche Mitarbeit fließt aber zunehmend in die Noten ein. Studenten melden sich oft nicht zu Wort, weil sie Angst haben, etwas Dummes zu sagen oder rot zu werden. Darum geht es aber gar nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wie beeindruckt man den Prof?

Beck: Wichtig ist, dass Inhalt und Aufbau des Redebeitrages stimmen. Und das lernt man am besten, indem man weiß, wie das geht und kontinuierlich übt. Ein erster Schritt könnte darin bestehen, dass sich die Studenten vornehmen, sich pro Kurs einmal zu melden und eine Frage zu stellen. Dann sticht man aus der Masse hervor und bleibt dem Dozenten positiv im Gedächtnis.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich ja nach einer echten Streber-Taktik an.

Beck: Klar, Erfolg ohne danach zu streben gibt es nicht. Es ist einfach wichtig, Kontakt zu anderen aufzubauen. Das kann schon mit Kleinigkeiten anfangen. Einen Kommilitonen mal nach einem Blatt Papier fragen zum Beispiel oder nach einem Kuli. Das gibt Selbstsicherheit im Umgang mit anderen Menschen. Und solche Kontakte kann und sollte man ja auch durchaus zu Dozenten aufbauen. Das hat mit falsch verstandenem Strebertum nichts zu tun, sondern eher damit, sein Studium und den Erfolg selbst in die Hand zu nehmen.

Das Interview führte Britta Mersch

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