Robert Gernhardt als Professor Ein Gedicht kann "Mama" sagen

So lustig sind Germanistikvorlesungen selten: Mit Schmäh- und Spottversen bringt der Dozent die Zuhörer zum Jubeln, danach muss er Bücher dutzendweise signieren. In Düsseldorf geht das. Dort lehrt Robert Gernhardt, Alt- und Großmeister der Satire, als Gastprofessor.

Von Britta Mersch


Noch eine Stunde bis zum Vorlesungsbeginn. Schon jetzt sind die ersten Reihen des Konrad-Henkel-Hörsaals dicht gefüllt. Und nicht nur das ist an diesem Mittwochnachmittag ungewöhnlich: Auch das Alter vieler Zuhörer liegt weit über dem Durchschnitt. Die Haare sind grau meliert, die Brillengläser etwas dicker, die meisten haben sich sichtlich herausgeputzt - es ist ein bisschen so, als ob eine alt gewordene Fangemeinde nach vielen Jahren noch einmal ihr Idol trifft.

Robert Gernhardt: Hoher Besuch in Düsseldorf
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Robert Gernhardt: Hoher Besuch in Düsseldorf

Auch der Dozent legt ein eher ungewöhnliches Verhalten an den Tag: Eine Dreiviertelstunde zu früh steht er plötzlich in der Tür, blickt sich suchend um und steuert dann auf das Rednerpult zu. Im Publikum ehrfürchtige Stille, bis Robert Gernhardt sagt: "Sie müssen nicht gleich in Panik verfallen." Lachen, Beifall, Erleichterung - das Eis ist gebrochen.

Robert Gernhardt - das ist der Dichter, Essayist und Satiriker der "Neuen Frankfurter Schule", der heute in einem Atemzug mit Wilhelm Busch und Christian Morgenstern genannt wird. Dem Sprachkünstler wird vieles bescheinigt, und fast alles zu Recht: Witz, Humor, Esprit, Ernst und Tiefgang. Jene Germanisten, die glauben, Lyrik sezieren und definieren zu können, verblüffte und verärgerte er - gleichzeitig reißt die Kette der Preise und Ehrungen nicht ab.

Lieben und Lachen mit Lyrik

So bekam Gernhardt den Bertolt-Brecht-Literaturpreis für seinen kongenialen Gedichtband "Klappaltar. Drei Hommagen" über seine Kollegen Brecht, Heine und Goethe, außerdem den Ringelnatz-Preis 2004 für sein Gesamtwerk. Die Stadt Düsseldorf verlieh ihm den Heinrich-Heine-Preis. Denn Gernhardt pflegt seine ganz eigene Definition von "Lyrik", frei von Pathos und mit viel Selbstironie. Schließlich war der 68-Jährige Herausgeber der legendären Satire-Zeitschrift "Pardon" und Mitbegründer der "Titanic". Immer wieder hat er auch gezeichnet - für die "Zeit" genauso wie für Otto Waalkes; zu den Otto-Filmen schrieb er auch die Drehbücher.

Gernhardt ist für fünf Vorlesungen der neue Heine-Gastprofessor - eine Professur, die das Land Nordrhein-Westfalen 1988 der Universität zur Namensgebung stiftete. Wolf Biermann, Siegfried Lenz und Marcel Reich-Ranicki sind nur einige der prominenten Vorgänger Gernhardts aus den letzten Jahren. Und das stets mit großem Zuspruch: "Der Saal war an allen Tagen voll", sagt eine Uni-Sprecherin.

So ist es auch bei Gernhardt. Über lyrisches "Leiden, Lieben und Lachen" will er dozieren - Stationen, die jeder Gedichtliebhaber in seinem Leben durchlaufen muss. Das Leiden streift er zu Beginn ("Das kennen wir ja aus der Schule"), konzentriert sich dann auf das Lieben und Lachen. Beides fällt nicht schwer, wenn Gernhardt etwa über den "ersten lyrischen Reim einer menschlichen Natur" referiert: "Mama." Das sei "doppelt gereimt und somit doppelt geleimt: der Stabreim M-M und der Endreim A-A", die für "größtmögliche Eingängigkeit und Haftfähigkeit" sorgen.

Aufruf zum Mitdichten

Von solcher Kleinkindlyrik springt Gernhardt elegant zu Nonsens-Klassikern wie "Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche" oder "Die dicksten Kritiker der Pferde passen nicht mehr in die Herde". Diese Zweizeiler, sagt Gernhardt, seien "in einer Sternstunde gemeinsamen Dichtens" entstanden, als er im Januar 1966 zusammen mit F.W. Bernstein und F.K. Waechter in einem VW-Käfer von Paris nach Frankfurt unterwegs war.

Zu dieser Zeit gründete das satirische Dreigestirn zusammen mit anderen Dichtern, Zeichnern und Schriftstellern die "Neue Frankfurter Schule". Oberstes Ziel: anspruchsvolle Satire in Form von Karikaturen oder Lyrik-Parodien. "Neunzehnhundertneunzehn: Lenin will sein' Freund sehn" - mit solchen sinnfreien Merksätzen ärgerten die Frankfurter Dichter die Bildungsbürger, die eher auf Eselsbrücken à la "Sieben-Fünf-Drei: Rom kroch aus dem Ei" eingestellt waren.

Den Spaß am Absurden auf der Grenze zwischen Klamauk und Dichtkunst pflegt Gernhardt bis heute: "Sag mal einen Satz mit Bochum und Köln", zitiert der Dichter typische Gespräche mit Gleichgesinnten. Eine gültige Antwort wäre etwa: "Der Hund Bochum die Ecke, um zu pinköln." Oder der Satz mit "Garant": "Der Hase trägt den Kopfverband, seitdem er an die Wand garant." Oder auch der mit "Mandarin": "Wir schafften uns den Beichtstuhl an, weil mandarin nett beichten kann."

Nach diesem Prinzip, sagt der Gastprofessor, seien jetzt die Düsseldorfer Zuhörer gefragt. Sie sollen in den nächsten Wochen möglichst viele solche Reime klöppeln. Denn auch Weiterdichten ist für Gernhardt eine Kunstform, die er vielfach gepflegt hat. Legendär sind seine eingängigen Zweizeiler:

"Paulus schrieb an die Apatschen:
Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen.

Paulus schrieb an die Komantschen:
Erst kommt die Taufe, dann das Plantschen.

Paulus schrieb den Irokesen:
Euch schreib ich nichts, lernt erst mal lesen."

Gernhardt hat es gern, wenn seine Fackel weiter getragen wird. Zu seinem Entzücken nahm ein Deutschlehrer die Anregung auf und ließ seine Klasse drauflosdichten:

"Paulus schrieb an die Navajo:
Oblate isst man nicht mit Mayo."

Auch in seiner Vorlesung in Düsseldorf hofft Gerhardt nun auf viele neue Verballhornungen seiner Verse. "Wer bei der nächsten Vorlesung nichts mitbringt, wird natürlich nicht des Saales verwiesen", sagt Gernhardt, "aber ich hoffe schon, dass die Leute diese Aufforderung annehmen." Wenn etwas Gutes dabei herauskommt, will er die Gedichte dann auch vorlesen - und sie vielleicht sogar dereinst in einem Buch veröffentlichen.

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