Rollenbilder an Hochschulen Wann ist der Mann ein Mann?

Bin ich scharf? Lieber ein tougher Kerl als ein weichgespülter Müsli-Mann
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Bin ich scharf? Lieber ein tougher Kerl als ein weichgespülter Müsli-Mann

Von Mareike Knoke

2. Teil: Leben Männer ihr modernes Rollenbild wirklich? Und sind Frauen wirklich so scharf auf den "neuen Mann"?


Für zusätzliche Irritation sorgt der Verdacht, dass Frauen vielleicht gar nicht so scharf auf den "neuen Mann" sind, wenn sie in Lifestyle-Magazinen bekennen, sie wünschten sich lieber einen toughen Kerl als einen weichgespülten Müsli-Mann an ihrer Seite. Gleichzeitig tun sich Frauen trotz des Wunsches, sich auch beruflich zu verwirklichen, schwer damit, Verantwortung für die Kinderbetreuung abzugeben und damit ihre Macht über das Haushaltsmanagement zu teilen.

Das hat unter anderem die Sozialwissenschaftlerin und Gleichgestellungsbeauftragte Dr. Sybille Jung an der Universität des Saarlandes in einer Umfrage herausgefunden. Etwa 70 Prozent der von Jung befragten männlichen Uni-Angehörigen erklärten, ihre Partnerin würde ihnen nicht zutrauen, die Kinder ebenso gut zu betreuen wie sie selbst. Und laut einer forsa-Umfrage von 2009 würde es 28 Prozent der Frauen stören, wenn sie deutlich mehr verdienten als ihr Mann. Bei den Männern dagegen hätten nur zehn Prozent ein Problem damit, wenn ihre Partnerin die Besserverdienerin ist.

Tatsächlich sind immer mehr Frauen in Familien die Hauptverdiener. In den letzten 15 Jahren stieg ihr Anteil von sieben auf elf Prozent an, und jeder fünfte Vater nahm im vergangenen Jahr Partnermonate beim Elterngeld, darunter viele Männer mit Führungspositionen. Das zeigt der Familienreport 2010, den Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) Anfang Juni vorstellte. Dieser Trend hat seine Wurzeln in den neunziger Jahren. Seither fordern die Medien, die Politik und die Öffentlichkeit Männer "zur Veränderung ihres Selbstbildes und ihres Verhaltens im Alltag auf", schreibt Carsten Wippermann.

Keiner will ein "Lifestyle-Macho" sein

Er und seine Co-Autoren haben für ihre Studie Männer unterschiedlicher Milieus befragt und unterteilen diese grob in vier Gruppen:

  • der traditionell orientierte "starke Haupternährer der Familie",
  • der "postmoderne, flexible Mann",
  • der "moderne Lifestyle-Macho",
  • der "moderne, neue Mann".

32 Prozent der befragten Männer stufen sich selbst als "moderne, neue Männer" ein, 23 Prozent rechnen sich den "starken Haupternährern" zu, 31 Prozent den "flexiblen Postmodernen", die aus der Situation heraus entscheiden und sich auf nichts Konkretes festlegen wollen, und nur 14 Prozent zählen sich zu den "Lifestyle-Machos", die einen "von weiblicher Unterordnung geprägten, selbstbewussten Chauvinismus" leben.

Auch das Wissenschaftler-Team Prof. Dr. Paul Zulehner und Dr. Rainer Volz hat in seiner über 400 Seiten dicken Untersuchung "Männer in Bewegung: Zehn Jahre Männerentwicklung in Deutschland" ähnliche Typologien destilliert. Zulehner und Volz befragten 1470 Männer und 970 Frauen. Sie rechnen jedoch, anders als Wippermann, nur 19 Prozent zu den "neuen Männern". Der Unterschied liegt zwischen Behauptung und Realität: Zulehner und Volz haben jene Männer erfasst, die ihr modernes Rollenbild auch tatsächlich leben. Das sind beim "modernen Mann" magere zwei Prozent mehr als bei der letzten Befragung von 1998.

Neben Wippermann und Zulehner haben andere Forscher sich des Themas Mann angenommen. Im Februar etwa fand in Düsseldorf ein Männer-Kongress unter der Fragestellung: "Neue Männer - muss das sein?" statt, der sich mit dem "männlichen Umgang mit Gefühlen" beschäftigte. Eines zeigt sich bei fast allen Untersuchungen deutlich: Ans Eingemachte geht es bei Fremd und Selbstbildern von Männern vor allem dann, wenn das Thema Partnerschaft, Kinder und Karriere ins Spiel kommt.

Männer haben Angst ums Standing

Das ist in der Wissenschaft nicht anders als in der Wirtschaft. So erforscht etwa Prof. Dr. Michael Meuser von der TU Dortmund das Thema Doppelkarriere-Paare in der Wissenschaft. Zudem war Meuser an einer Studie des Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (IFQ) über Emmy-Noether-Nachwuchsgruppenleiter beteiligt, die auch die Work-Life-Balance junger Forscher untersuchte. Sein Fazit: "Fast immer sind es die Frauen, die letztlich eine Lösung für das Dilemma Kind-Karriere finden und Kompromisse machen." Die Männer dagegen äußerten oft die Befürchtung, ihr "Standing" an der Hochschule oder am Institut sei noch nicht stark genug, um Forderungen nach Vereinbarkeit von Karriere und Familie zu stellen. "Den Männern schlägt in so einem Fall vielerorts Zweifel an ihren Karrierorientierung entgegen", sagt Meuser.

Schärfer formuliert es der Berliner Politologe und Privatdozent Dr. Alex Demirovic: "Die Elternschaft wird von kinderlosen, oftmals jüngeren Kollegen ironisch belächelt. Damit hat man sich für Windeln und Babysprache entschieden. Für wirklich ernsthafte wissenschaftliche Gespräche scheint man sich damit disqualifiziert zu haben."

Männer, die sich nach Feierabend als Elternsprecher in Kita oder Schule engagieren, haben keine Lobby und sich selbst in den Augen von Kollegen auch für das disqualifiziert, was Demirovic die "Männerbünde und -netzwerke in der Wissenschaft" nennt. Zwar gehe es dort natürlich auch um die Pflege von Freundschaften. "Doch letztlich entscheidet die Zugehörigkeit zu solchen Netzwerken auch über den Erfolg von Förderanträgen und somit über die berufliche Karriere."

Mareike Knoke ist duz-Redakteurin.

Literatur zum Mann und seinen Rollen

Carsten Wippermann, Marc Calmbach, Katja Wippermann: Männer: Rolle vorwärts, Rolle rückwärts?
Verlag Barbara Budrich, 2009; 223 Seiten; 29,90 Euro.

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Das Autoren-Trio alle Wissenschaftler am privaten Forschungsinstitut SinusSociovision - untersucht Identitäten und Verhalten von traditionellen, modernen und postmodernen Männern. Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) haben die Forscher, von vier Männer-Basis-Typen ausgehend, deren Befindlichkeiten und Orientierungen, Geschlechtsidentitäten und Lebenswelten untersucht. Was finden Männer an Männern sympathisch, was Frauen? Wie verhalten sich Männer zum beruflichen Wiedereinstieg ihrer Partnerinnen und welche Rolle spielen die Milieus dabei? Ein Großteil des Buches besteht aus Schaubildern und Grafiken, die Umfrage-Ergebnisse wiedergeben. Eher ein Buch zum Nachschlagen. Über das detaillierte Inhaltsverzeichniss findet man schnell Einzelaspekte.

Julia Reuter, Günther Vedder, Brigitte Liebig (Hg.): Professor mit Kind. Erfahrungsberichte von Wissenschaftlern.
Campus Verlag, 2008; 255 Seiten, 24,90 Euro.

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Erstmals haben sich Wissenschaftler der familiären Situation speziell ihrer männlichen Professoren-Kollegen angenommen. 20 intensive Gespräche haben Günther Vedder und Julia Reuter protokolliert mit Professoren aus unterschiedlichen Fachbereichen und Altersgruppen. Fast allen gemeinsam ist nur die Tatsache, dass sie Väter eines oder mehrerer Kinder sind. Wie lief ihr Alltag mit kleinen Kindern ab, wie läuft er heute? Welche Rolle spielen dabei ihre Partnerinnen und wie refklektieren die Befragten selbst ihre berufliche wie private Situation? Sind sie aktive Väter oder nur Zaungäste? All das ist in den Interviews zu lesen. Ergänzt werden die aufgezeichneten Gespräche durch eine längeren Einführungstext, eine Analyse der Interviews sowie ein Schlusswort des renommierten Männerforschers Prof. Dr. Walter Hollstein.

insgesamt 58 Beiträge
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muctr 05.07.2010
1. Warum die Aufregung?
Ich verstehe die Aufregung nicht so ganz, v.a. bei meinem Kollegen Matthias Klatt. Wie er bin ich auch Jurist in der wissenschaftlichen Qualifikationsphase, zwar nicht Juniorprofessor, sondern Habilitand mit DFG-Stipendium. Nun habe ich zwar "nur" 2 Kinder (4 und 5) und keine 3, aber ich muss sagen, dass Beruf und Familie nirgends besser zu vereinbaren ist als in der Wissenschaft. Ich habe mich sehr bewusst gegen eine Karriere in der Anwaltschaft, Justiz oder im Notariat entschieden und stattdessen den Weg der wissenschaftlichen Laufbahn gewählt, eben weil er - im Gegensatz zu den anderen Berufen - perfekt mit Familie vereinbar ist. Genau wie ich es mir gewünscht habe, kann ich mich (meistens sogar mehr als) die Hälfte der Betreuungszeit um meine Kinder kümmern. Anders als in den Naturwissenschaften können wir Juristen flexibel zuhause oder im Büro, tagsüber oder nachts forschen bzw. publizieren. Die einzigen fixen Termine sind die gelegentlichen Lehrveranstaltungen (bei mir 4h/Woche, bei Herrn Klatt wohl 8h/Woche) und ab und an ein Vortrag oder Tagungsbesuch. Der Rest der Zeit ist frei einteilbar, so dass ich problemlos die Kinder um 17h vom Kindergarten abholen und bis zum Schlafengehen betreuen kann, um dann bei Bedarf von 20.30 bis Mitternacht weiterzuarbeiten. In der Summe habe ich mich die letzten Jahr die Kinder deutlich mehr betreut als ihre Mutter, die in der naturwissenschaftlichen Forschung tätig ist und dafür eben (glücklicherweise wenigstens mit Stechuhr) im Labor stehen muss. Beste Grüße muctr
Björn Borg 05.07.2010
2. Weil sie gerechtfertigt ist
Zu den im Artikel beschriebenen Problemen, mit denen Männer zu kämpfen haben, wenn sie Familie und Karriere miteinander zu vereinbaren versuchen, kommt die massive Frauenförderung, die in manchen Bereichen völlig ungerechtfertigt dazu führt, dass Frauen bevorzugt eingestellt werden (und sich auch gegenseitig fördern), obwohl der Anteil der habilitierten und promovierten Frauen unter den Bewerbern sehr viel geringer ist. Für eine Frau mit Kindern gibt es tausend Förderprogramme, für Väter (und damit für deren Familien!) leider nur ein spöttisches Lächeln...
Björn Borg 05.07.2010
3. Weil sie gerechtfertigt ist
Zu den im Artikel beschriebenen Problemen, mit denen Männer zu kämpfen haben, wenn sie Familie und Karriere miteinander zu vereinbaren versuchen, kommt die massive Frauenförderung, die in manchen Bereichen völlig ungerechtfertigt dazu führt, dass Frauen bevorzugt eingestellt werden (und sich auch gegenseitig fördern), obwohl der Anteil der habilitierten und promovierten Frauen unter den Bewerbern sehr viel geringer ist. Für eine Frau mit Kindern gibt es tausend Förderprogramme, für Väter (und damit für deren Familien!) leider nur ein spöttisches Lächeln...
jianxu 05.07.2010
4. Wenn Frauen über Männer schreiben...
kommt zumeist nichts sinnvolles raus. Bitte, liebe Spon-Redaktion, verschont uns in Zukunft vor solchen Aussagen: "Berichte von Neuro-Wissenschaftlern dagegen, wonach Männer erst nach der Gabe von Hormonsprays ähnliche Empathie-Werte wie Frauen erreichen, wie sie kürzlich von deutschen und britischen Forschern im Journal of Neuroscience veröffentlicht wurden, tragen eher dazu bei, klischeehafte Rollenbilder weiter zu zementieren." Wenn die Studie tatsächlich wissenschaftlichen Standards genügt, dann zementiert sie keine Klischees, sondern erklärt natürliche Realität die nun mal nicht zu ändern ist. Wenn die Studie keinen wissenschaftlichen Standards genügt, dann ist es unverantwortlich sie zu zitieren ohne auf ihre sachlichen Schwachpunkte hinzuweisen. In jedem Fall hat sich ihre Autorin mit der bewussten Verdrehung von Tatsachen leider selbst diskualifiziert. Und das bei einem Thema, das durchaus mal sinnvoll diskutiert werden sollte - siehe z.B. mein Vorposter: Männer werden bei der Einstellung im Wissenschaftsbetrieb von Gleichstellungsbeauftragten massiv diskriminiert!
strangequark 05.07.2010
5. veritas
Zitat von sysopVom Haupternährer der Familie hin zum fürsorglichen Papa mit flexiblen Karriereoptionen - die Männer-Rolle ändert sich auch im Wissenschaftsbetrieb. Das Hochschulmagazin "duz" beschreibt die Zwickmühle: "Publish or parents" gebietet die Uni-Tradition - veröffentlichen oder Eltern sein. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,703337,00.html
Ich habe mich bewusst gegen eine Uni-Kariere entschieden. Ließt man sich nämlich die Stellenauschreibungen im öffentlichen Dienst durch, bekommt man als Mann sowieso den Wunsch, nicht weiter der lieben Gleichstellungsbeauftragten auf den Nerv gehen zu wollen und wünscht beim Abschied alles Gute beim "Erhöhen des Frauenanteils" an den Rosinentöpfen der Forschungslandschaft. Aber Forschung hat etwas mit dem Bedürfnis zu tun, die Wahrheit und nur die Wahrheit finden zu wollen. Wird davon abgerückt, wird woanders geforscht. Und wir schauen in die Röhre.
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