Rollenbilder an Hochschulen Wann ist der Mann ein Mann?

Vom Haupternährer der Familie hin zum fürsorglichen Papa mit flexiblen Karriereoptionen - die Männer-Rolle ändert sich auch im Wissenschaftsbetrieb. Das Hochschulmagazin "duz" beschreibt die Zwickmühle: "Publish or parents" gebietet die Uni-Tradition - veröffentlichen oder Eltern sein.

Bin ich scharf? Lieber ein tougher Kerl als ein weichgespülter Müsli-Mann
Corbis

Bin ich scharf? Lieber ein tougher Kerl als ein weichgespülter Müsli-Mann

Von Mareike Knoke


Dr. Matthias Klatt ist Vater dreier Töchter. Und er ist sehr stolz darauf. Wer den Lebenslauf des 37-jährigen Juristen und Juniorprofessors an der Universität Hamburg im Internet anklickt, findet darin die Namen und Geburtsdaten der drei kleinen Mädchen. An seinem Lehrstuhl allerdings wurde das Thema "Familie" bislang vor allem von seinen männlichen Kollegen nie thematisiert. Weder während des Berufungsgespräches, das ihn von Oxford nach Hamburg führte, noch danach, erinnert sich Klatt. Er selbst dagegen würde sich gerne noch mehr als Vater einbringen und bedauert: "Ich habe manchmal das Gefühl, dass vor allem Männer in der Wissenschaft als Menschen ohne Unterleib betrachtet werden, die sich 24 Stunden am Tag der Arbeit widmen."

Klatt befindet sich mitten in der wissenschaftlichen Qualifizierungsphase, der nächste Schritt auf der Karriereleiter ist die unbefristete Professur. "Der Druck, regelmäßig zu publizieren, ist groß, die Zwischenevaluation steht bald an. Deshalb kann ich im Augenblick leider keine Elternzeit nehmen", sagt er. Stattdessen hat seine Frau, Psychologin und ebenfalls Wissenschaftlerin, ihr berufliches Engagement reduziert.

Dabei entspricht Matthias Klatt genau dem Rollenbild, das Sozialwissenschaftler als "moderner, neuer Mann" mit dem Wunsch nach einer gleichberechtigten Partnerschaft bezeichnen. Nur dass dies bei den sogenannten Leistungsträgern an Universitäten offenbar oft ebenso wenig zur Entfaltung kommen kann wie im gehobenen Management eines DAX-Unternehmens.

"Wurzeln in der zölibatären Gemeinschaft von Mönchen"

Das zeigen die Interviews mit Wissenschaftler Vätern unterschiedlicher Altersgruppen und Fachrichtungen, die der Trierer Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Günther Vedder und seine Kollegin Prof. Dr. Julia Reuter geführt und vor zwei Jahren unter dem Titel "Professor mit Kind" veröffentlicht haben. Übrigens die erste und bislang einzige Studie dieser Art. "Sich mit ihrer Rolle als Mann und Vater im Arbeitsalltag auseinander zu setzen und diese Gedanken gegenüber einer anderen Person zu artikulieren, war für unsere Gesprächspartner eine vollkommen neue Erfahrung", sagt Julia Reuter rückblickend.

Dass nie jemand danach gefragt hat, wundert Dr. Peter Döge nicht. Der Berliner Politikwissenschaftler, der sich am Institut für anwendungsorientierte Innovations und Zukunftsforschung e. V. mit Chancengleichheit und Work-Life-Balance beschäftigt, sagt: "Der deutschen Wissenschaft merkt man immer noch an, dass sie ihre Wurzeln in der zölibatären Gemeinschaft von Mönchen hat, die sich in ihren Klöstern vergraben, ohne Ablenkung dem Forschen und Schreiben gewidmet haben." Trotz der viel gepriesenen Flexibilität des Uni-Arbeitsalltags sei der Karrieredruck heute immens.

Döge bietet regelmäßig Väter-Seminare an, in denen Männer sich auch untereinander austauschen können, und seiner Beobachtung nach sind es vor allem strukturkonservative Fächer wie Medizin oder Jura, die den Männern die Wahl "publish or perish" (veröffentliche oder stirb) beziehungsweise "publish or parents" (veröffentlichen oder Eltern sein) und damit indirekt auch ein Beibehalten der traditionellen Männerrolle aufzwingen.

Riss durch die Männerwelt

Das bringt junge Wissenschaftler wie Matthias Klatt in eine Zwickmühle: zwischen dem, was sie selbst als Lebensentwurf angeben - eine gleichberechtigte Partnerschaft und die Sehnsucht nach einer ausgeglichenen Work-Life-Balance - und dem, was die Realität des Alltags in Gestalt der Vorgesetzten, der Gesellschaft, der Medien ihnen vorgeben. Vorzugsweise in den sogenannten Lifestyle-Magazinen nämlich und in den Köpfen vieler Chefs herrscht immer noch das Bild des starken, maskulinen und beruflich erfolgreichen und karriereorientierten Machers vor.

Die Versuchung, dieser Vorstellung gerade im Job und unter Druck nachzugeben, ist groß und wird oft von schlechtem Gewissen begleitet. "Es geht ein Riss durch die Männerwelt. Ein tiefer zeitdiagnostischer Graben spaltet die Gruppe jener, die ein sehr modernes Selbstbild haben, von jenen, die an ihren eigenen überkommenden Routinen schleifen", sagt der Soziologe Dr. Carsten Wippermann vom Forschungsinstitut Sinus Sociovision in Heidelberg.

Dabei sehen Männer Männer heute anders als noch die Generation zuvor. So finden sich unter den Top Ten der Eigenschaften, die Männer an ihren Geschlechtsgenossen sympathisch finden, weiche, gemeinhin Frauen zugeschriebene Persönlichkeitsmerkmale wie "liebevolle Fürsorge für die Kinder", "sexuelle Treue", "Konflikte schlichten" oder "die Familie gut versorgen".

Das hat Wippermann in seiner Studie "Männer: Rolle vorwärts - Rolle rückwärts" von 2009 herausgefunden. Berichte von Neuro-Wissenschaftlern dagegen, wonach Männer erst nach der Gabe von Hormonsprays ähnliche Empathie-Werte wie Frauen erreichen, wie sie kürzlich von deutschen und britischen Forschern im Journal of Neuroscience veröffentlicht wurden, tragen eher dazu bei, klischeehafte Rollenbilder weiter zu zementieren.

insgesamt 58 Beiträge
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muctr 05.07.2010
1. Warum die Aufregung?
Ich verstehe die Aufregung nicht so ganz, v.a. bei meinem Kollegen Matthias Klatt. Wie er bin ich auch Jurist in der wissenschaftlichen Qualifikationsphase, zwar nicht Juniorprofessor, sondern Habilitand mit DFG-Stipendium. Nun habe ich zwar "nur" 2 Kinder (4 und 5) und keine 3, aber ich muss sagen, dass Beruf und Familie nirgends besser zu vereinbaren ist als in der Wissenschaft. Ich habe mich sehr bewusst gegen eine Karriere in der Anwaltschaft, Justiz oder im Notariat entschieden und stattdessen den Weg der wissenschaftlichen Laufbahn gewählt, eben weil er - im Gegensatz zu den anderen Berufen - perfekt mit Familie vereinbar ist. Genau wie ich es mir gewünscht habe, kann ich mich (meistens sogar mehr als) die Hälfte der Betreuungszeit um meine Kinder kümmern. Anders als in den Naturwissenschaften können wir Juristen flexibel zuhause oder im Büro, tagsüber oder nachts forschen bzw. publizieren. Die einzigen fixen Termine sind die gelegentlichen Lehrveranstaltungen (bei mir 4h/Woche, bei Herrn Klatt wohl 8h/Woche) und ab und an ein Vortrag oder Tagungsbesuch. Der Rest der Zeit ist frei einteilbar, so dass ich problemlos die Kinder um 17h vom Kindergarten abholen und bis zum Schlafengehen betreuen kann, um dann bei Bedarf von 20.30 bis Mitternacht weiterzuarbeiten. In der Summe habe ich mich die letzten Jahr die Kinder deutlich mehr betreut als ihre Mutter, die in der naturwissenschaftlichen Forschung tätig ist und dafür eben (glücklicherweise wenigstens mit Stechuhr) im Labor stehen muss. Beste Grüße muctr
Björn Borg 05.07.2010
2. Weil sie gerechtfertigt ist
Zu den im Artikel beschriebenen Problemen, mit denen Männer zu kämpfen haben, wenn sie Familie und Karriere miteinander zu vereinbaren versuchen, kommt die massive Frauenförderung, die in manchen Bereichen völlig ungerechtfertigt dazu führt, dass Frauen bevorzugt eingestellt werden (und sich auch gegenseitig fördern), obwohl der Anteil der habilitierten und promovierten Frauen unter den Bewerbern sehr viel geringer ist. Für eine Frau mit Kindern gibt es tausend Förderprogramme, für Väter (und damit für deren Familien!) leider nur ein spöttisches Lächeln...
Björn Borg 05.07.2010
3. Weil sie gerechtfertigt ist
Zu den im Artikel beschriebenen Problemen, mit denen Männer zu kämpfen haben, wenn sie Familie und Karriere miteinander zu vereinbaren versuchen, kommt die massive Frauenförderung, die in manchen Bereichen völlig ungerechtfertigt dazu führt, dass Frauen bevorzugt eingestellt werden (und sich auch gegenseitig fördern), obwohl der Anteil der habilitierten und promovierten Frauen unter den Bewerbern sehr viel geringer ist. Für eine Frau mit Kindern gibt es tausend Förderprogramme, für Väter (und damit für deren Familien!) leider nur ein spöttisches Lächeln...
jianxu 05.07.2010
4. Wenn Frauen über Männer schreiben...
kommt zumeist nichts sinnvolles raus. Bitte, liebe Spon-Redaktion, verschont uns in Zukunft vor solchen Aussagen: "Berichte von Neuro-Wissenschaftlern dagegen, wonach Männer erst nach der Gabe von Hormonsprays ähnliche Empathie-Werte wie Frauen erreichen, wie sie kürzlich von deutschen und britischen Forschern im Journal of Neuroscience veröffentlicht wurden, tragen eher dazu bei, klischeehafte Rollenbilder weiter zu zementieren." Wenn die Studie tatsächlich wissenschaftlichen Standards genügt, dann zementiert sie keine Klischees, sondern erklärt natürliche Realität die nun mal nicht zu ändern ist. Wenn die Studie keinen wissenschaftlichen Standards genügt, dann ist es unverantwortlich sie zu zitieren ohne auf ihre sachlichen Schwachpunkte hinzuweisen. In jedem Fall hat sich ihre Autorin mit der bewussten Verdrehung von Tatsachen leider selbst diskualifiziert. Und das bei einem Thema, das durchaus mal sinnvoll diskutiert werden sollte - siehe z.B. mein Vorposter: Männer werden bei der Einstellung im Wissenschaftsbetrieb von Gleichstellungsbeauftragten massiv diskriminiert!
strangequark 05.07.2010
5. veritas
Zitat von sysopVom Haupternährer der Familie hin zum fürsorglichen Papa mit flexiblen Karriereoptionen - die Männer-Rolle ändert sich auch im Wissenschaftsbetrieb. Das Hochschulmagazin "duz" beschreibt die Zwickmühle: "Publish or parents" gebietet die Uni-Tradition - veröffentlichen oder Eltern sein. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,703337,00.html
Ich habe mich bewusst gegen eine Uni-Kariere entschieden. Ließt man sich nämlich die Stellenauschreibungen im öffentlichen Dienst durch, bekommt man als Mann sowieso den Wunsch, nicht weiter der lieben Gleichstellungsbeauftragten auf den Nerv gehen zu wollen und wünscht beim Abschied alles Gute beim "Erhöhen des Frauenanteils" an den Rosinentöpfen der Forschungslandschaft. Aber Forschung hat etwas mit dem Bedürfnis zu tun, die Wahrheit und nur die Wahrheit finden zu wollen. Wird davon abgerückt, wird woanders geforscht. Und wir schauen in die Röhre.
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