Ruderduell Oxford-Cambridge "Das kommt schon in meinen Lebenslauf"

Sebastian Mayer sieht für seine Zukunft hellblau: Im Cambridge-Achter ruderte der Biologie-Doktorand, 30, die dunkelblauen Rivalen aus Oxford in Grund und Boden. Nach dem Triumph im ewigen Duell der Nobel-Unis sprach SPIEGEL ONLINE mit Mayer über hartes Training, durchfeierte Nächte und deutsch-englische Frotzeleien.


 Machte eine Schlappe wett: Ruderer Sebastian Mayer (Vize-Weltmeister 1998)
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Machte eine Schlappe wett: Ruderer Sebastian Mayer (Vize-Weltmeister 1998)

SPIEGEL ONLINE:

Sie haben mit dem Cambridge-Achter am Sonntag in der 150. Auflage des Ruder-Klassikers auf der Themse die Rivalen aus Oxford niedergerungen. Wie haben Sie diesen Triumph gefeiert?

Sebastian Mayer: Zunächst habe ich mit den Jungs aus meinem Achter im Zielraum in Mortlake gefeiert, nach dem Duschen haben wir uns blaue Jackets übergestreift. Das ist so üblich für das "Blues Dinner", ein Abendessen, das frühere Teilnehmer des Rennens für die aktuelle Rudermannschaft geben. Danach sind wir mit Freunden und Verwandten in eine Diskothek weitergezogen und haben Party gemacht bis zum frühen Morgen - zusammen mit unseren Gegnern aus Oxford.

SPIEGEL ONLINE: Was ist schöner: Ein Sieg bei diesem Prestigeduell oder eine Medaille bei Weltmeisterschaften?

Mayer: Auf klassische Distanzen, beispielsweise bei Olympischen Spielen, bereiten sich die Ruderteams in einer Serie von Regatten vor, immer gegen die gleichen Mannschaften. Da ist schon vorhersehbar, wer wann spurtet und wer welche Schwächen hat. Bei Oxford gegen Cambridge ist alles anders: Strömung und Wind auf der Themse machen das Rennen unberechenbar, die Distanz ist über dreimal so lang wie bei gewöhnlichen Ruderregatten. Vor allem stehen aber 300.000 Menschen an der Strecke und feuern dich die ganze Zeit an. Das ist wirklich einmalig.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Achter ist fast mit dem Boot aus Oxford zusammengerasselt.

Mayer: Das habe ich gar nicht so mitbekommen. Ich konzentriere mich während des Rennens auf meinen eigenen Schlag. Wenn man zuviel umherschaut, fällt man leicht aus dem Bootsgefüge. Es wird ja sehr viel gepokert während des Rennens, indem die Steuermänner zwischendurch die Schlagzahl erhöhen und wieder verlangsamen. Oxford ist sehr schnell angegangen, aber wir hatten bald das Gefühl, dass wir sie schlagen können.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen das Rennen von vor zwei Jahren im Kopf herumgegangen, als Sie kurz vor dem Ziel nicht mehr konnten und der Oxford-Achter noch vorbeizog?

"Nicht zu viel zur Seite schauen": Cambridge zeigt Oxford die Rücklichter
REUTERS

"Nicht zu viel zur Seite schauen": Cambridge zeigt Oxford die Rücklichter

Mayer: Darüber habe ich natürlich in den ersten Monaten nach dem Rennen häufig gegrübelt, als ich im Labor stand und die Dinge noch einmal an mir vorbeiziehen ließ. Ich habe auch mit meinen Trainern viel darüber gesprochen und bin deshalb nicht in ein Loch gefallen. Bald war die Sache dann Vergangenheit.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie haben sich den Ausscheidungen erneut gestellt...

Mayer: Es gibt mindestens zehn bis zwölf Studenten, die so gut sind, dass sie im Achter mitfahren können. Wir trainieren meistens mit unserem zweiten Achter zusammen, das hält den Leistungsdruck hoch. Die Vorbereitung auf das Rennen dauert insgesamt ein halbes Jahr. Ich wurde über drei Monate durchgecheckt, körperlich und rudertechnisch. Die Trainer prüfen auch, ob man gut mit Stress umgehen kann, die englische Sprache gut spricht und sich in die Mannschaft einpasst.

SPIEGEL ONLINE: Im Cambridge-Boot saßen zwei Briten, zwei Amerikaner, zwei Deutsche, ein Australier und ein Kanadier. Das kann doch nicht immer reibungslos abgehen.

Mayer: Deutsche Ruderer genießen hier einen ganz guten Ruf, weil sie meist rudertechnisch gut ausgebildet sind. Sprüche setzt es häufiger mal über den deutschen Akzent und die Art, wie man etwas sagt. Richtig harsche Bemerkungen sind nur selten gefallen, dann meist von älteren Trainern, die noch stärker in der deutsch-englischen Rivalität verhaftet sind. Sonst sind Witze über nationale Eigenheiten doch wunderbar. Das gehört in Cambridge einfach dazu.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Ihre Kommilitonen in den Pub gehen, setzen Sie sich bei Winterkälte in ein wackliges Boot. Warum eigentlich?

Mayer: Weil es für jeden Studenten in Oxford oder Cambridge eine große Ehre ist, seine Universität im Rudern zu vertreten. Für diese Ehre muss ich meinen Tagesablauf sehr stark durchplanen, früh aufstehen, trainieren, dann ins Labor, nachmittags wieder trainieren. Ob ich in den Pub gehe, muss ich mir gut überlegen, denn dann bin ich am nächsten Morgen müde und muss Zeit zum Ausschlafen freihalten.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie Student oder Leistungssportler?

Mayer: Ich bin ein Student, der rudert. Ich bin nicht aufgrund meiner Ruderleistungen nach Cambridge gekommen. Es gibt hier kein Förderprogramm für Ruderer, das Studium ist teuer, und Stipendien kann man sich nur durch Studienleistungen erarbeiten. Ich wurde nicht als Ruderer für das Team "eingekauft".

SPIEGEL ONLINE: Ab dem nächsten Jahr will ein Privatsender das Rennen übertragen, nicht mehr die öffentlich-rechtliche BBC. Dann wird auch mehr Geld fließen.

Mayer: Wir haben jetzt schon Sponsoren. Um den Standard zu halten, braucht man Trainer, Betreuer, Physiotherapeuten und gute Boote. Das alles kostet Geld. Man muss sich vor Augen halten, dass bei den letzten Weltmeisterschaften elf Cambridge-Ruderer in Nationalmannschaften vertreten waren. Dennoch sind wir Amateure, keine Profis. Das Geld ist dazu da, den Trainingsbetrieb aufrecht zu erhalten.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt sind Sie gut trainiert...

Mayer: Ich werde die Sommerrudersaison genießen und bei verschiedenen Rennen starten. Ein weiterer Höhepunkt ist die Henley-Regatta, wo verschiedene Nationalmannschaften und Uni-Teams gegeneinander antreten, aus Harvard, Yale und so weiter. Dort eine Medaille zu gewinnen, das ist das zweite große Ziel neben dem Sieg über Oxford. Meine sportliche Ruderkarriere neigt sich langsam dem Ende zu. Im nächsten Jahr will ich mit meiner Biologie-Promotion fertig sein und einen Job suchen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie als Mitglied der hellblauen Mannschaft bessere Chancen bei Bewerbungen?

Mayer: Das wird schon in meinem Lebenslauf stehen. Aber nicht an erster Stelle.

Das Interview führte Jan Friedmann



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