Rudis Reste-Rampe Du bist Asta

Von Merlind Theile

2. Teil: Apathische Studenten, die Uni als Durchlauferhitzer, Daumenschrauben in Hessen


So politisiert wie zu Dutschkes Zeiten, als bis zu 66 Prozent der FU-Immatrikulierten an der Wahl zum Studentenparlament (Stupa) teilnahmen, sind die Studenten heute längst nicht mehr: An den meisten deutschen Unis dümpelt die Beteiligung an der Stupa-Wahl Jahr für Jahr im einstelligen Prozentbereich.

Aufbegehren gegen die Ordinarien: Aktivisten Detlev Albers (links), Gert Hinnerk Behlmer im Audimax der Hamburger Universität 1967
DPA

Aufbegehren gegen die Ordinarien: Aktivisten Detlev Albers (links), Gert Hinnerk Behlmer im Audimax der Hamburger Universität 1967

Der Soziologe Tino Bargel, der die studentische Mitwirkung am Hochschulbetrieb seit Jahren erforscht, erkennt in dieser geringen Partizipation ein Grundproblem der heutigen Studierenden: Der umkämpfte Arbeitsmarkt verlange immer kürzere Studienzeiten sowie etliche Zusatzqualifikationen, die außerhalb der Unis erworben werden müssen. Dazu kommt die schnöde Erwerbsarbeit, der laut Bargel zwei Drittel der Studenten auch während des Semesters nachgehen. Die Folge: "Die Hochschule ist für sie nicht mehr der Lebensmittelpunkt", so der Soziologe. Seit den achtziger Jahren schwinde die Bindung der Nachwuchsakademiker an ihre Alma Mater zusehends.

Die damit einhergehende Teilnahmslosigkeit der meisten Studenten an der Hochschulpolitik stört inzwischen sogar Professoren. "Die Uni wird heute nur noch als Durchlauferhitzer wahrgenommen", klagt etwa der Politikwissenschaftler Herfried Münkler von der Berliner Humboldt-Universität (HU). Von den Asten erwartet der Professor keine Abhilfe: "Die Mitglieder der Studentenvertretungen sind Berufsrepräsentanten, die Projekte verfolgen, die mit der langfristigen Aufstellung der Hochschule wenig zu tun haben", sagt Münkler. "Es findet keine nachhaltige Unterstützung jener Belange statt, die die Studenten wirklich etwas angehen."

Auch der Hamburger Uni-Präsident Jürgen Lüthje vermisst bei den Studierendenvertretern diesen Einsatz. Wie überall ist an seiner Hochschule die Einführung von Studiengebühren derzeit das Topthema - aber der Asta, für Lüthje eigentlich ein "wichtiger Ansprechpartner für alle anstehenden Reformen", verhalte sich dabei nicht sehr konstruktiv. Ein nach wie vor bestehendes Gesprächsangebot der Universitätsleitung zur Verwendung der Gebühren, die die Hamburger Hochschule in einem Fonds selbst verwalten soll, sei im Sande verlaufen. Der Asta lehnt Gebühren eben grundsätzlich ab. Punkt.

Nur Service ist den Asten zu wenig

Statt eines "problem- und projektorientierten Arbeitens" beobachtet Lüthje bei den Hamburger Repräsentanten seit einigen Jahren einen Hang zu allgemeinpolitischen Aussagen und eine "Entfernung der Vertretung von der Studentenschaft". Themen wie die Studienfinanzierung oder die soziale Situation der Studenten blieben, so Lüthje, in der Hansestadt außen vor.

Allerdings bewältigen Studentenvertreter vielerorts zahlreiche soziale Aufgaben: Sie betreuen ausländische Studenten, helfen Kommilitonen bei der Wohnungssuche, geben ihnen Rechtsberatung und erleichtern ihnen damit das Leben an der Hochschule.

"Die Bedeutung von Service nimmt immer mehr zu", sagt etwa Juso-Mitglied Christian Berg, der dem Asta-Bundesverband "Freier Zusammenschluss der StudentInnenschaften" (fzs) vorsteht. Aber das reicht ihm nicht. " Die Vorstellung vom Studenten als Kunden widerspricht unserem Bildungsideal." Die Hochschule dürfe nicht bloß Berufsanfänger produzieren - es sei schließlich "keine linke Utopie, an der Uni ein kritisches Bewusstsein und demokratische Strukturen zu fördern", allgemeinpolitisches Mandat für den Asta inklusive. Den Vorwurf, die Stupas und ihre Delegierten seien nicht ausreichend legitimiert, kennt Berg, und auch er findet, dass die Erhöhung der Wahlbeteiligung ein wichtiges Ziel sei.

Doch wie soll dieses Ziel überhaupt erreicht werden?

Die kürzlich abgelöste Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) versuchte mit dem neuen Hochschulrahmengesetz, die verfassten Studierendenschaften bundesweit einzuführen und deren politische Aufgaben zu erweiteren - man erhoffte sich davon auch eine insgesamt stärkere Mobilisierung der Studenten. Ob dieser Plan aufgegangen wäre, bleibt allerdings offen: Im Januar kippte das Bundesverfassungsgericht das rot-grüne Paragrafenwerk mit der Begründung, der Bund greife mit dem geplanten Gesetz zu stark in die Bildungskompetenzen der Länder ein.

Diese können nun gewohnt eigenmächtig Mobilisierungsmethoden an ihren Studenten ausprobieren. In Hessen etwa koppelte man im neuen Hochschulgesetz den Haushalt der Asten kurzerhand an den Urnengang zum Stupa. Seit diesem Jahr erhalten die Studierendenvertretungen den vollen Beitragsbatzen der Immatrikulierten nur, wenn sich mindestens 25 Prozent der Studenten an der Wahl beteiligen. Wenn die Quote dagegen unter 10 Prozent sinkt, bleibt dem Asta nur ein Viertel des bisherigen Etats.

Studentenvertreter schimpfen über "Erpressung"

Obwohl die finanzielle Daumenschraube an zahlreichen hessischen Unis jeweils weit mehr als 25 Prozent der Studenten zur Stimmabgabe trieb, wird das hessische Modell von Studentenvertretern aller Couleur heftig kritisiert. Für "völlig inakzeptabel" hält es fzs-Chef Berg, denn "die Asten werden dadurch erpresst". Selbst Dorlies Last, die Bundesvorsitzende des RCDS, die Studiengebühren befürwortet und das gegenwärtige System der studentischen Mitbestimmung für unzeitgemäß hält, schimpft über Hessens Vorstoß: "Damit wird de facto die Wahlpflicht eingeführt", sagt Last.

Ihr Verband fordert stattdessen die Einführung einer "Studentenkonferenz": eine Vernetzung der Studenten in der akademischen Selbstverwaltung.

Heute treibt die Studenten bestenfalls die geplante Einführung von Studiengebühren wie in Leipzig auf die Straße. Von dieser Mobilisierung profitieren die Studentenparlamente aber kaum: Die Wahlbeteiligung ist an den meisten Universitäten seit Jahren gering.
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Heute treibt die Studenten bestenfalls die geplante Einführung von Studiengebühren wie in Leipzig auf die Straße. Von dieser Mobilisierung profitieren die Studentenparlamente aber kaum: Die Wahlbeteiligung ist an den meisten Universitäten seit Jahren gering.

"Viele Studenten wissen gar nicht, dass die Uni ein demokratisches Gebilde ist und dass auch im Senat Studenten sitzen", sagt Last, "dabei werden hier die wichtigen Entscheidungen getroffen." Würden sich diese Studenten zusammenschließen, so das Kalkül, ergäbe das eine viel geeignetere Vertretung der studentischen Interessen als im bisherigen System der Stupas und Asten.

Das allgemeinpolitische Mandat habe in den Gremien der verfassten Studierendenschaft jedenfalls weder jetzt noch in Zukunft etwas zu suchen, so Last: "Wenn ich als Student politisch aktiv sein will, kann ich mich einer Partei anschließen - und wenn ich auf die Straße gehen will, kann ich das auch ohne Asta tun."

Sollen sie es nun wahrnehmen oder nicht? Die Untersuchungen des Soziologen Bargel zeigen, dass das allgemeinpolitische Mandat auch unter den Studenten stark umstritten ist - Befürworter und Gegner halten sich in etwa die Waage. Als völlig unpolitisch und teilnahmslos stuft Bargel die Studentenschaft nicht ein, nur fühle sie sich anderen Gruppen als den Asten stärker zugehörig: den Fachschaften. Auch die Beurteilung ihrer Beratung und Interessenvertretung falle meist besser aus. "Die Fachschaften sind die wichtigste Plattform für Zugehörigkeiten und Aktivitäten und für viele Studenten die einzige Instanz der Integration", sagt Bargel. Allerdings habe er den "Eindruck, dass selbst die Asten häufig die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Fachschaften an ihrer Hochschule vernachlässigen."

Mehr Nähe zu den Fachschaften, mehr Service oder doch mehr Politik? Noch ist offen, wie die Asten ihre Legitimationsprobleme und die Kluft zu ihren Wählern überwinden wollen. Derzeit kümmert man sich vor allem um die ganz konkreten Probleme. Der fzs erarbeitet aus gegebenem Anlass eine 100seitige Publikation. Arbeitstitel des praktischen Leitfadens: "Handbuch zu den Finanzen der Studierendenschaften".

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
Silvia, 27.01.2006
1.
---Zitat von sysop--- Viele Studentenvertretungen leiden derzeit an heftigen Imageproblemen. Wie können die Asten ihre Krise meistern? Mehr Service? Neue Strategien? Wie müssen sich die Vertretungen ändern, um bei den Studenten mehr Rückhalt und Interesse zu finden? ---Zitatende--- Zur Frage weiß ich nicht viel. Aber sollte es nicht AStAs oder ASten heißen, da es eine Abkürzung für 'Allgemeiner Studentenausschuss' ist? So könnte man denken, es sei ein eigenständiges Nomen. ;-)
toastbrotkommunist, 27.01.2006
2. Gibt es nur Astas?
Bei diesem Artikel könnte man meinen, es gebe nur Asten in Deutschland und alle seinen unfähig, mit ihren Mitteln umzugehen. In den Neuen Bundesländern gibt es keine Asten, da gibts den StuRa (Studentenrat). Mir ist nicht bekannt, das der StuRa der TU Dresden finanzielle Schwierigkeiten hat. Zitat:"Um die acht Euro ihres Semesterbeitrags führen die Studenten jedes Bundeslandes mit Ausnahme Bayerns und Baden-Württembergs an ihre Vertretung ab." Vielleicht hätte der Schreiber besser recharchieren sollen oder für existieren die Neuen Bundesländer nicht. In Dresden zahlt man geschlagene 2.00 € http://www.studentenwerk-dresden.de/wirueberuns/u_beitraege.html . Alles in allem, mies rechachiert, oder wichtiges weggelassen, weil es nicht ins Bild passt.
stormking, 27.01.2006
3.
---Zitat von sysop--- Viele Studentenvertretungen leiden derzeit an heftigen Imageproblemen. ---Zitatende--- Ich weiß nicht, ob die Bezeichnung "viele" angemessen ist. Das es aber "zu viele" sind, dem kann ich zustimmen. Das Problem ist doch meistens, daß sich einige wenige Aktivisten trotz einstelliger Wahlbeteiligungen legitimiert sehen, im Namen der gesamten Studentenschaft große Politik zu machen, ihre private Revolution voranzutreiben oder auch mit teilweise fragwürdigen Mitteln gegen unliebsame Personen und Gruppierungen vorzugehen. Hinzu kommt die oft unverhältnismäßig hohe Förderung von Minderheiten, deren "Alleinstellungsmerkmal" im Studienbetrieb völlig irrelevant ist. ---Zitat von sysop--- Wie können die Asten ihre Krise meistern? Mehr Service? Neue Strategien? Wie müssen sich die Vertretungen ändern, um bei den Studenten mehr Rückhalt und Interesse zu finden? ---Zitatende--- Vor allem sollten sie sich immer vor Augen halten, von wem und wofür sie gewählt wurden.
DJ Doena 27.01.2006
4.
Die Frage ist doch eher: Brauchen wir die Asten? Als ich von 1998-2002 hab ich zwar jedes Semester brav meine Asta-gebühr ebgedrückt, aber ansonsten nicht gemerkt, dass es soetwas wie eine Asta gibt und mir hat auch niemand klar gemacht, was die tun und wofür ich die brauche. Ich mein, vielleicht sinds ja wirklich die kleinen unauffälligen Helferlein im Hintergrund, aber wenn man für etwas bezahlt, dann sollten die schon aus purem Selbstzweck klarmachen, was sie eigentlich treiben.
thingamajig, 27.01.2006
5. So isses!!!
---Zitat von DJ Doena--- Die Frage ist doch eher: Brauchen wir die Asten? Als ich von 1998-2002 hab ich zwar jedes Semester brav meine Asta-gebühr ebgedrückt, aber ansonsten nicht gemerkt, dass es soetwas wie eine Asta gibt und mir hat auch niemand klar gemacht, was die tun und wofür ich die brauche. Ich mein, vielleicht sinds ja wirklich die kleinen unauffälligen Helferlein im Hintergrund, aber wenn man für etwas bezahlt, dann sollten die schon aus purem Selbstzweck klarmachen, was sie eigentlich treiben. ---Zitatende--- Ich habe von '65 bis '70 in Marburg studiert. Schon damals fragte ich mich: AStA - wozu eigentlich?! Die Antwort war für mich alsbald klar: Mitmachen und/um(?) ein Pöstchen beim AStA zu ergattern?! Ja, ja - eine Hand wäscht die andere ...
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