SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

29. April 2015, 12:07 Uhr

Kritik am eigenen Prof

Ruhr-Uni bootet unbequemen Dozenten aus

Von

Die Ruhr-Uni beruft einen Professor, der im Verdacht steht, Daten manipuliert zu haben. Ein Statistik-Dozent macht das zum Thema seiner Vorlesung - und darf sie prompt nicht mehr halten. Ihm droht nun sogar ein Disziplinarverfahren.

Wenn das nichts für seine leidgeplagten Statistikstudenten ist: Vor ein paar Jahren entdeckte Raphael Diepgen, Dozent an der Ruhr-Uni Bochum, eine Studie mit einem sensationellen Ergebnis. Wer an Sex denkt, schneide besser im analytischen Denken ab. Das wollte das Forscherteam eines renommierten Sozialpsychologen herausgefunden haben. Was für eine Vorlage, um die trockenen Vorlesungen aufzulockern, dachte Diepgen. Wenn Sie gute Statistiker werden wollen, erklärte er den Studenten fortan scherzhaft, denken Sie doch häufiger mal an Sex.

Im vorigen Jahr bekam der Running Gag der Vorlesung mit einem Mal ein besonders Gewicht. Denn der Autor der Sex-Studie, der Sozialpsychologe Jens Förster, eine Koryphäe seines Fachs, bekam eine Professur an der Ruhr-Uni Bochum. Mit einem fünf Millionen Euro dotierten Forscherpreis sollte er ein "Zentrum für Selbst-Regulation" an der Uni aufbauen. Die Uni hatte gejubelt, als die Entscheidung verkündet wurde: "Das ist außergewöhnlich in der Hochschullandschaft und gerade für eine relativ kleine Fakultät ein herausragender Erfolg".

Zu schön, um wahr zu sein

Doch kurz bevor Förster seinen Job in Bochum im vergangenen Jahr antrat, wurden an seiner damaligen Universität Amsterdam Manipulationsvorwürfe gegen ihn publik: Die Ergebnisse einer Reihe von Experimenten waren offenbar so schön, dass sie nicht anders als mit Manipulation zu erklären seien. Eine Untersuchungskommission in den Niederlanden nahm sich des Falls an. Statistiker begutachteten die Ergebnisse. Auch sie hielten es für extrem unwahrscheinlich, dass die Befunde tatsächlich ohne Manipulation zustande gekommen sind.

Den Verdacht konnte Förster offenbar nicht wirklich ausräumen. Den Kommissionsmitgliedern erklärte er, dass die Fragenbögen der Experimente bei einem Umzug in ein kleineres Büro vernichtet worden seien. Die Daten zu überprüfen, ist damit unmöglich. Förster musste eine Publikation aus dem Jahr 2012 zurückziehen.

Dem Engagement an der Ruhr-Uni Bochum standen die Vorwürfe nicht entgegen: Förster unterrichtet dort seit vergangenem Jahr auf einer Vertretungsprofessur. Nur auf seinen millionenschweren Forscherpreis hat Förster inzwischen verzichtet. Er möchte diesen Rücktritt jedoch nicht als Schuldeingeständnis verstanden wissen.

Im Mai 2014, als Diepgen von den Manipulationsvorwürfen gehört hatte, schickte er seinen Studenten über die Internet-Lernplattform der Uni einen Text. Darin entschuldigt er sich in ironischem Ton dafür, den Studenten sexuelle Gedankenspiele als Mittel zur Förderung der Statistikverständnisses empfohlen zu haben. Die wissenschaftliche Basis erscheine ihm zu unsicher, nachdem die Universität Amsterdam empfohlen hatte, eine Publikation Försters zu einem ähnlichen Thema zurückzuziehen: "Es ergeben sich für mich nun im Nachhinein leider Zweifel, ob der von Jens Förster empirisch konstatierte positive Einfluss des Denkens an Sex auf das analytische Denkvermögen tatsächlich existiert", schreibt Diepgen nun.

Er empfiehlt den Studenten außerdem einen Blick auf die Untersuchungsergebnisse aus den Niederlanden: "Versuchen Sie, anhand des Internets und Ihrer dafür nun prinzipiell ausreichenden Statistikkenntnisse die entsprechende Argumentation einmal selbst nachzuvollziehen".

Zank unter Uni-Personal

Wenig später teilt die Fakultät dem langjährigen Dozenten mit, dass er die Methodenveranstaltung künftig nicht mehr unterrichten wird. Jahrzehntelang hatte Diepgen Psychologiestudenten in Statistik ausgebildet, nun sollte aus heiterem Himmel Schluss sein. Zufall?

Die Universität bestreitet einen Zusammenhang zwischen der Förster-Kritik und dem Ende von Diepgens Tätigkeit als Methodendozent. Es habe Beschwerden von Studenten gegen den Mitarbeiter gegeben, sagt ein Sprecher der Hochschule. Diepgen wundert sich darüber: "Weder die Inhalte meiner Vorlesung, noch mein Auftreten haben sich nennenswert geändert in den letzten zwanzig Jahren. Bei mir hat sich nie jemand beschwert."

Die Absage befeuerte den Zwist. Im September, als Förster bereits seine Professur in Bochum angetreten hatte, stellte Diepgen einen weiteren Text ins Uni-Netz. Auf fünf Seiten macht er darin kritische Anmerkungen zu einem offenen Brief, in dem Jens Förster sich zu den Manipulationsvorwürfen geäußert hatte.

Punkt für Punkt arbeitet sich Diepgen an den ungewöhnlichen Forschungsergebnisse des Kollegen ab und bekundet sein Befremden darüber, dass Rohdaten der Studien vernichtet seien und dass studentische Mitarbeiter Ergebnisse frisiert haben könnten. Und er stört sich an der Aussage, dass eine Manipulation nicht mit letzter Sicherheit nachgewiesen werden kann: "Selbstverständlich wäre ein Ereignis mit verschwindend geringer Wahrscheinlichkeit 'möglich': Man kann schließlich auch zehnmal hintereinander sechs Richtige im Lotto erzielen", schreibt Diepgen ironisch.

Die Uni streitet ab

Diepgens Text liest sich durchaus sarkastisch. Persönlich beleidigend ist er nicht. Dennoch macht die Ruhr-Universität dieses Schreiben zum Gegenstand eines Disziplinarverfahrens. Am 22. Januar schickt der Justiziar einen Brief, in dem Diepgen verschiedene Vergehen zur Last gelegt werden. Unter anderem soll der Dozent sich "abwertend und herabsetzend über die Person von Prof. Dr. Jens Förster und dessen Arbeit geäußert" haben. Das Schreiben kursiert in Hochschulkreisen und liegt SPIEGEL ONLINE vor. Diepgen selbst will sich nicht zu dem Verfahren äußern - die Sache ist heikel.

Eigenartig ist jedoch, wie die Ruhr-Uni Bochum den Fall wahrnimmt. Ein Sprecher bestreitet offen, was ausdrücklich in dem Schreiben formuliert ist: "Die wissenschaftliche Kritik an der Arbeit von Herrn Förster", sagt er, "ist nicht Gegenstand eines Disziplinarverfahrens."

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung