Russlands edle Kaderschmieden Luxus mit einem Hauch Sowjetmief
Uni der Spione: Hörsaal im Institut für Internationale Beziehungen
Foto: Simone SchlindweinBis heute will der Sowjetmief nicht so recht aus den Fluren und Hörsälen weichen. Der abgewetzte Marmor-ähnliche Fußboden und die verrotteten Holzklappbänke sind Zeugen: Diese russische Eliteuniversität, das Moskauer Staatliche Institut für Internationale Beziehungen (MGIMO), war einst die Kaderschmiede im Herzen der Sowjetunion. Doch draußen, auf dem Uni-Parkplatz im luxuriösen Süden Moskaus, reihen sich nun noble Limousinen Stoßstange an Stoßstange.
Im Rückspiegel ihres Mercedes zieht Swetlana noch einmal den roten Lippenstift nach und rückt ihr Dolce&Gabbana-Kleid zurecht. Nach einem Blick auf die Brillantuhr stolziert die Russin in das Institutsgebäude und küsst den Studienkollegen im Maßanzug auf die Wange: "Guten Morgen Oleg". Er überlässt ihr den Vortritt durch das Drehkreuz neben den beiden Wächtern und folgt Swetlana in glänzend polierten Schuhen, die Aktentaschen unterm Arm. Die Uni ist ein Hochsicherheitstrakt mit Ausweiskontrolle und Metalldetektoren. Wer keine Chipkarte hat, muss draußen bleiben. Rein darf nur die russische Elite - und seit zweieinhalb Jahren auch die deutsche.
Feldforschung an der Schickimicki-Universität
Katharina Hoffmann grinst. Auch ihre Heimatuni, die FU Berlin, zählt seit der Exzellenzinitiative zu den Elite-Unis und hat mit dem Moskauer Institut einen Partnervertrag. Doch ihre Jeans, die flachen Schuhen und der Rucksack verraten sofort: Die Deutsche ist keine Luxusstudentin. Und wäre chancenlos bei der Wahl zur "Miss MGIMO", zum Covergirl des Uni-Hochglanzmagazins.
Dennoch hat das Schickimicki-Gehabe für Katharina seinen Reiz. Das Auslandssemester in Moskau verbucht sie als Feldforschung. Die Osteuropastudentin will herausfinden, "welcher Schlag von Russen in Zukunft die Außenpolitik bestimmen wird" - denn am MGIMO wächst die neue politische und wirtschaftliche Elite des Landes heran.
Die Erkenntnisse waren ernüchternd: Im Seminar über ethnische Konflikte und Sicherheitspolitik musste sie büffeln, wie viele russische Panzer in welchen Regionen stationiert sind. "Das Großmachtverständnis hat sich bis heute nicht geändert", sagt Katharina. Und auch politische Diskussionen mit ihren Kommilitonen gaben ihr Einblick in die politische Sphäre Russlands: "Es gibt zwar keinerlei offene Zensur, aber die Politik der Regierung zu kritisieren, steht einfach nicht zur Debatte."
Im Hörsaal mit Spionen
Die 28-Jährige, die sich später im Beruf hauptsächlich mit russischer Politik befassen will, will das Land besser verstehen. Dazu hat die Moskauer Eliteuni gewaltig beigetragen, an der auch Ministerpräsident Wladimir Putin schon so manche Rede hielt.
Das staatliche Institut untersteht bis heute dem russischen Außenministerium, seit 1944 hat die Großmacht hier ihre Diplomaten und Auslandsspione ausgebildet. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Schwerpunkt der Studiengänge sind Weltpolitik, internationales Recht und Wirtschaftsbeziehungen, außerdem Journalismus und vor allem Sprachen. Das Institut hat mehr als 50 davon im Angebot - von Deutsch über Chinesisch bis Khmer.
In der Zeit des Kalten Krieges pilgerten Studenten aus sämtlichen sozialistischen Staaten an das MGIMO, um sich für den Dienst im Ausland fit zu machen. Ein Abschluss gilt auch heute noch als Jobgarantie im Geheimdienst oder in den Botschaften. Entsprechend hoch sind die Studiengebühren: Umgerechnet 7500 bis 8000 Euro kostet ein Semester. Für den Oligarchennachwuchs mit Eltern in den Schaltzentralen der russischen Wirtschaftsriesen ist das ein Klacks. Studenten ohne reiche Eltern können sich mit Top-Noten um ein staatliches Stipendium bewerben.
Heute weder Sushi noch Törtchen: Überleben in der teuersten Stadt der Welt
Deutsche Studenten der Partnerunis zahlen keine Gebühren. Acht Deutsche von der Humboldt-Uni, der FU Berlin und der Uni Potsdam absolvieren an der MGIMO den Doppel-Master-Studiengang, der 2006 als deutsch-russische Kooperation startete. Gekoppelt mit Auslandsaufenthalten und Praktika erreichen die Studenten binnen von zwei Jahren den deutschen und russischen Abschluss auf einen Streich. Professor Klaus Segbers von der FU Berlin, der die Kooperation mit der MGIMO koordiniert, sieht vor allem das Netzwerkeknüpfen als größten Vorteil für deutsche Studenten.
Ein weiterer Weg: Mit dem "German Studies Russia"-Programm kann ein Masterabsolvent als Tutor einige Zeit an der russischen Kaderschmiede arbeiten. Thomas Köster aus Berlin unterrichtete dort zwei Monate lang europäisches Wirtschaftsrecht - "die Bezahlung hat zum Leben in Moskau ausgereicht". Er fand für 250 Euro Platz im internationalen Studentenwohnheim, ein WG-Zimmer kostet sonst schon mal das Dreifache.
Automatenkaffee statt Sushi-Bar
Katharina Hoffmann musste ohne Stipendium in der teuersten Stadt Europas über die Runden kommen. An der MGIMO konnte sie sich kein Mittagessen in der Sushi-Bar oder Latte mit Törtchen im teuren Schokoladnitza-Coffeeshop leisten. "Ich habe mir auf dem Flur den besten Automatenkaffee der Welt gezogen, statt gut gekleidet und geschminkt in der Cafeteria herumzulungern", sagt sie lachend. Auch die Moskauer Clubs waren für sie am Wochenende unerschwinglich - das machte Katharina "für meine Mitstudenten ganz schnell uninteressant".
Das von Berliner Studenten gegründete Netzwerk Trialog organisiert mehrmals jährlich einwöchige Austauschprojekte mit Hochschulen in Osteuropa, von Polen bis nach Sibirien. Auch das Russland-Studium von Johannes Kluba, 25, begann mit dem Trialog-Projekt. Er studiert nun im zweiten Semester an der staatlichen Universität St. Petersburg. "Ich will gar nicht mehr weg", bei den Petersburger Soziologen fühlt sich der Magisterstudent aus Magdeburg "pudelwohl".
Anders als seine russischen Kommilitonen kann er als Gaststudent die Kurse belegen, die ihn interessieren. "Die Betreuung ist gut, ich spreche meine Interessen mit den Dozenten ab", sagt er. Um in diesem Auslandsjahr auch ein paar Punkte sammeln zu können, hat er Kurse auf Englisch belegt. "Das macht es leichter, die Prüfungen zu bestehen." Im Nebenfach Slawistik hat Johannes Kluba nun ein Jahr gespart, weil er fleißig Russisch paukte. Nur den theoretischen Teil des Soziologiestudiums muss er in Magdeburg nachholen.
Dunkle Tage, weiße Nächte: Studieren im russischen Norden
"Der Unterricht war hier eher verschult und praktisch angelegt", sagt er. Umso fitter ist er in russischer Kultur und Geschichte: Direkt neben der Uni befindet sich das Smolny-Institut. Hier verkündeten Lenin und seine Mitstreiter 1917 den Sieg der Oktoberrevolution, danach wurde das Institut Regierungssitz. "In dieser wunderschönen Stadt wird man von Museen erschlagen", schwärmt Kluba. Und auch das Baltikum kann man von St. Petersburg aus gut erkunden: Ein Wochenende in Estland, das nächste in Finnland, in Litauen oder Lettland - von Petersburg lässt sich der ganze Ostseeraum mit dem Schiff oder per Eisenbahn bereisen.
Und im Winter, wenn der Newa-Fluss zugefroren ist und es nur noch drei Stunden am Tag hell wird? "Das habe ich mir alles schlimmer vorgestellt", sagt Kluba. Bei minus 15 Grad in dieser dunklen Zeit habe er eben mehr geschlafen als gebüffelt - und "als im Frühjahr die Sonne zum ersten Mal wieder durch die Wolken blinzelte, war ich sehr geblendet".
Umso mehr Genuss bedeuten die "Weißen Nächte" im Juni, wenn es in St. Petersburg kaum richtig dunkel wird. Dann können Studenten nach einer Party durch die helle Nacht ins Wohnheim zurückspazieren. Russland-Fan Kluba weiß: "Das erlebt man nicht überall."