AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 43/2012

Schavans umstrittene Doktorarbeit Gutachter war nicht erste Wahl der Uni Düsseldorf

In der Plagiatsaffäre um Annette Schavans Doktorarbeit richtet sich der Fokus nun auf den Sachverständigen, der eine "leitende Täuschungsabsicht" attestierte. Nach SPIEGEL-Informationen war der Gutachter nicht die erste Wahl der Uni Düsseldorf.

Annette Schavan beim CDU-Bezirksparteitag in Münsingen: Diskussion um den Gutachter
DPA

Annette Schavan beim CDU-Bezirksparteitag in Münsingen: Diskussion um den Gutachter


Hamburg - Der in die Kritik geratene Gutachter zur Dissertation von Bundesbildungsministerin Annette Schavan war offenbar nicht die erste Wahl der Universität Düsseldorf. Als Vorsitzender des Promotionsausschusses der Philosophischen Fakultät hatte Stefan Rohrbacher der CDU-Politikerin in einer akribischen Expertise eine "leitende Täuschungsabsicht" attestiert (SPIEGEL 42/2012).

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Heft 43/2012
Die undurchsichtigen Methoden eines übermächtigen Konzerns

Bevor Rohrbacher den Auftrag erhielt, hatte sich der Ausschuss für die Erziehungswissenschaftlerin und ehemalige Lehrstuhlinhaberin Christine Schwarzer entschieden. Im Gegensatz zu Rohrbacher gehört sie keinem der Gremien an, die über einen möglichen Entzug des Doktortitels von Schavan - und damit vermutlich über das Schicksal ihrer politischen Karriere - urteilen. Die Schavan-Arbeit sei ihr damals bereits in Kopie übermittelt worden, bestätigte die Professorin. Nach einer Bedenkzeit habe sie den Auftrag "aus persönlichen Gründen" wieder zurückgegeben.

Die Universität erklärte, für die Prüfung sollte "ein Mitglied oder Angehöriger der Universität gewonnen werden". Nach dem Rückzug von Schwarzer sei Rohrbacher beauftragt worden. Es handele sich um ein "übliches Vorgehen".

Schavan wird vorgeworfen, Zitate in ihrer Doktorarbeit nicht hinreichend kenntlich gemacht und dabei bewusst getäuscht zu haben. Die Ministerin bestreitet dies. Der SPIEGEL hatte vorige Woche berichtet, dass es ein internes Papier zu Schavans Doktorarbeit von 1980 gibt, in dem Rohrbacher Schavan eine Täuschungsabsicht unterstellt.

Düsseldorfer Uni-Rektor wehrt sich gegen Vorwürfe

Der Düsseldorfer Uni-Rektor Michael Piper versicherte, die Prüfung des Vorgangs laufe nach den üblichen Regeln ab, und setzte sich gegen Angriffe aus Politik und Wissenschaft zur Wehr. "Weil es um eine verdiente Ministerin geht, sind die Maßstäbe plötzlich andere. Das hat nichts mit wissenschaftlicher Aufklärung zu tun", beklagte Piper in der "Süddeutschen Zeitung".

Der Rektor wandte sich insbesondere gegen Äußerungen von Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU), der der Universität Verfahrensfehler vorgeworfen hatte - und Dilettantismus. Piper hob hervor, die Universität habe alles getan, um Rohrbachers Bericht vertraulich zu halten. Zum Beispiel sei dieser nicht elektronisch verschickt, sondern nur in Papierform persönlich übergeben worden, um die Verbreitung zu erschweren: "Wir sind bestohlen worden." Die Universität hat wegen der Verbreitung und Veröffentlichung des Gutachtens Anzeige gegen unbekannt erstattet.

Über den Stand des Verfahrens in der Affäre schweigt die Uni Düsseldorf derzeit. Ohne das Einverständnis der Politikerin dürfe man keine weitere Auskunft geben, hatte Piper unter Verweis auf Schavans Anwälte gesagt.

Einer Emnid-Umfrage im Auftrag der "Bild am Sonntag" zufolge sprechen sich 59 Prozent der Bundesbürger für einen Rücktritt Schavans als Ministerin aus, sollte ihr der Doktortitel aberkannt werden. 34 Prozent halten das nicht für notwendig. Selbst die Mehrheit der Unionsanhänger (54 Prozent) hält in diesem Fall den Rücktritt für geboten. Allerdings glauben 43 Prozent der Befragten Schavans Aussage, sie habe nicht bewusst getäuscht.

siu

insgesamt 196 Beiträge
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Seite 1
nettermensch 21.10.2012
1. Die Frau
---Zitat--- Nach einer Bedenkzeit habe sie den Auftrag "aus persönlichen Gründen" wieder zurückgegeben. ---Zitatende--- hat wohl geahnt, was auf sie zukommen wird. Es genügte ein fach(frau)männischer Blick und ihr war klar, dass sie Täuschungen der Ministerin aufdecken müsste. Gegen die unterirdischen Gepflogenheiten, der Spätzle-Connection muss man sehr viel Mut und Ausdauer besitzen. Die Nerven muss man erst mal haben. Prof.Rohrbacher ist dennoch eine sehr gute Wahl, was die Prüfung anbelangt.
legal_reval 21.10.2012
2. Dr.Grad per Volksabstimmung?
was sollen eigentlich solche Umfragen (wer wird hier eigentlich befragt?) zu einem diffizilen Thema einer geisteswissenschaftlichen Arbeit. Das Ziel einer solchen Befragung mag nachvollziehbar sein, das Ergenis ist allerdings blanker Unsinn!
sirisee 21.10.2012
3. Das war zu erwarten
... Jetzt geht man auf den Gutachter los, den "Professor für Judaistik", wie es immer heißt, also den an sich Ahnungslosen... Der kann froh sein, wenn nicht rauskommt, dass er eine Studentin irgendwann einmal blöd angemacht hat. Das Ende wird sein, dass seine Reputation zerstört ist, während Schavan weiter grinst. Die Kollegin war schon schlauer, als sie den Auftrag ablehnte ....
Medienkenner 21.10.2012
4. optional
Die Spon-Headline "Gutachter war nicht erste Wahl der Uni Düsseldorf" suggeriert eine minderwertige, quasi nur B-Kompetenz von Gutachter Rohrbacher. Im Text liest sich das anders. Aber die Botschaft der Headline verfehlt natürlich nicht ihre negative Wirkung. Eines läßt sich nicht wegdiskutieren und nicht mit voreingenommenen Headlines neutralisieren: Wer nur einen flüchtigen Blick auf die Plagiatsdokumentation (http://schavanplag.wordpress.com/) wirft, sieht sofort, daß in rabiater Weise plagiiert wurde.
janne2109 21.10.2012
5. !!!
wir sollten doch mal genau lesen... Zitate in ihrer Doktorarbeit nicht hinreichend kenntlich gemacht... also heißt- wohl kenntlich, aber nicht genügend, oder interpretiere ich falsch?? Das ist ja fann wohl ein kleiner Scherz wenn man die Dr. Arbeiten der andere Herrschaften anschaut.
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