Schilderklau Und plötzlich war der Dutschke futsch

Skurriles aus dem Berliner Schilderwald: Das Straßenschild des Rudi-Dutschke-Weges ist verschwunden. Halb so schlimm, mögen manche denken - es gibt ja bald die Rudi-Dutschke-Straße. Die Freie Universität, auf deren Gelände der Dutschke-Weg liegt, tippt auf Souvenirjäger.

Von Tobias Schreiter


DPA

Berlin - Als Marek Dutschke am Samstagnachmittag mit dem ehemaligen SPIEGEL-Redakteur Hans Halter zum Rudi-Dutschke-Weg spazierte, traute er seinen Augen nicht. Denn der nach seinem Vater benannte Weg war als solcher nicht mehr zu erkennen.

Dutschkes Bewerbung an der FU (1961): "Auf dem Gebiet des Sports sehr versiert"

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Das Straßenschild war entfernt worden. Der jüngste Dutschke-Sohn geriet ins Grübeln: Schmückt das Schild nun die vorher kargen Wände eines Berliner Studenten? Oder ist es im Keller eines Menschen gelandet, der es aus Protest gegen die geplante Dutschke-Straße in Berlin-Kreuzberg abmontierte?

Der Rudi-Dutschke-Weg gehört zum Gelände der Freien Universität (FU) Berlin. Dort hatte Dutschke, der zuvor aus der DDR geflüchtet war, 1961 ein Studium begonnen. 1998 beschloss der Akademische Senat anlässlich des 50-jährigen Bestehens der FU, einen Weg nach dem populären Studentenführer zu benennen. Im Frühjahr 1999 war es dann soweit: In Erinnerung an Dutschke, der 1979 in Dänemark an den Spätfolgen eines Mordanschlags starb, zierte fortan ein Straßenschild den Weg.

Ratlosigkeit an der FU Berlin

Nun ist das Schild weg - und an der FU herrscht Ratlosigkeit. Aufgefallen war der Verlust niemanden. Erst durch eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE kam das Thema auf den Tisch. Die Universität kennt das Problem aber schon - nach dem Motto "Ein bisschen Schwund ist immer". Die Hochschule teilte mit: "Die Straßenschilder des Rudi-Dutschke-Wegs sind offenbar begehrte Objekte von Souvenirjägern und wurden bereits mehrfach entwendet. Die Schilder werden von der Freien Universität stets ersetzt."

Ursprünglich wollte die FU eine Straße nach ihrem prominenten Ex-Studenten Dutschke benennen. Doch man scheiterte im damals von der CDU dominierten Bezirk Zehlendorf. Der kleine Weg, an dem die Mensa II liegt, war dann ein akzeptabler Ersatz. Doch jetzt, neun Jahre nach dem Vorstoß der FU, soll Berlin doch noch eine Dutschke-Straße bekommen. Die Tageszeitung "taz" und die PDS hatten sich für das Vorhaben stark gemacht, die Berliner Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße umzubenennen. Eine Volksabstimmung gegen die Umbenennung scheiterte - ebenso die Klage von 27 Anwohnern vor dem Verwaltungsgericht.

Das Gedenken an Rudi Dutschke spaltet die Nation. Für viele ist er die Symbolfigur der Studentenbewegung. Sohn Marek würde es bedauern, wenn die FU die Schilder nicht ersetzen würde: "Es ist schade, wenn man das Erinnern an meinen Vater dort nicht mehr ausüben kann."

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