Schimmelalarm Wie ein Fachbereich langsam verrottet

Gammelige Wände und zugige Hörsäle, marode Decken und Schimmelkulturen: Hamburger Sportstudenten müssen unter miserablen Bedingungen lernen. Die Studenten sind zornig, die Fakultät und die Universität ziemlich ratlos.

Von Britta Mersch


Eigentlich liegen die Unterrichtsräume der Hamburger Sportstudenten in einer tollen Umgebung. Bevor man links zum Sportplatz und zu den Unterrichtsräumen abbiegt, läuft man ein Stück über die Rothenbaumchaussee - eine bekannte Adresse in Hamburg, in der edle Häuser stehen und sich Ärzte, Kanzleien und Wirtschaftsprüfer niedergelassen haben.

In den Gebäuden des "Fachbereichs für Bewegungswissenschaft" ist das Ambiente dagegen überhaupt nicht edel. Besonders in einer alten Villa in der Mollerstraße 10, in der Vorlesungen und Seminare gehalten werden, herrscht Gammel-Alarm. Schon der Eingangsbereich des grünen Hauses lässt nichts Gutes ahnen: Die Fassade bröckelt, an der Wand klafft ein großes Loch. Im Hörsaal, in dem rund 100 Studenten Platz finden, machen sich an den Wänden dunkle Flecken breit. "Schimmel", diagnostiziert der Sportstudent Rami Ben Rached, der seit fünf Jahren an der Universität Hamburg Sport auf Lehramt studiert - "unter grenzwertigen Bedingungen", wie er sagt.

Die Mängelliste der Studenten ist lang: Durch die Fenster in den Seminarräumen zieht es. Die Wände im Keller sind verrottet, die Toiletten in schlechtem Zustand. In einem anderen Gebäude in der Feldbrunnenstraße, in dem sich die Turnhallen befinden, müssen die Studenten mit Schimmel in den Umkleidekabinen leben. "Wir machen uns Sorgen um unsere Gesundheit", sagt Annika Vollmer, die im sechsten Semester Sport auf Diplom studiert. Ein Studium sei unter den Bedingungen kaum zu bewältigen.

Der Universität fehlen die finanziellen Mittel

Besonders ärgerlich für die Studenten: Seit dem Sommersemester 2007 zahlen sie Studiengebühren von 500 Euro pro Semester. "Wir sehen es nicht ein, für solche Studienbedingungen viel Geld zu bezahlen", sagt Sportstudent Ralf Jettke, 32. Wofür die Campus-Maut überhaupt ausgegeben werde, können die Studenten nicht nachvollziehen. In Sanierungsarbeiten werde das Geld jedenfalls nicht gesteckt.

Darf es auch nicht. Laut Wissenschaftsbehörde sind die Hamburger Hochschulen verpflichtet, die Einnahmen vollständig für Studium und Lehre einzusetzen, um die Betreuung der Studenten, die Ausstattung der Hörsäle und die Serviceangebote zu verbessern. Sie dürfen dafür das Geld nur dafür verwenden, mehr Lehrkräfte und Tutoren einzustellen. Auch die EDV- oder Bibliotheksausstattung können verbessert werden - die Sanierung von Gebäuden ist dagegen nicht vorgesehen.

"Der Fakultät sind die Hände gebunden", sagt Reinhard Eckstein, Geschäftsführer der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft, die auch für die Sportstudenten verantwortlich ist. Die Mängel in diesem Fachbereich seien schon lange bekannt - und es habe auch schon zahlreiche Beschwerden bei der Uni-Verwaltung und der Baubehörde der Stadt Hamburg gegeben. Wie die Studenten hoffen auch die Professoren, dass die Sanierungsarbeiten bald beginnen. "Doch das liegt leider nicht in unserer Macht", sagt Reinhard Eckstein.

"Unter aller Kanone"

Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust hat sich von den Mängeln bereits selbst ein Bild gemacht - und zeigte sich schockiert. Die Situation bei den Sportwissenschaftlern sei "blamabel", sagte von Beust im Februar gegenüber dem Fernsehsender Hamburg 1. "Der Hörsaal war unter aller Kanone. Das waren Bedingungen, wo ich sage, das geht in Hamburg nicht."

Doch aus eigenen Mitteln kann die Hochschule den Umbau der maroden Gebäude nicht stemmen: "Der Sanierungsbedarf ist zu hoch", sagt Uni-Sprecherin Viola Griehl. Deswegen habe sich die Universität bereits an die Wissenschaftsbehörde gewandt. Die solle den Schaden beheben.

Die Hamburger Wissenschaftsbehörde kennt die Probleme der Sportstudenten. "Es gibt einen Masterplan für die städtebauliche Weiterentwicklung des Campus-Geländes, der auf europäischer Ebene ausgeschrieben wird", sagt Sprecher Janis Eitner - und bleibt in der Beschreibung ziemlich vage. Wie hoch die Investition sein wird, stehe zurzeit noch nicht fest. Wann es losgehen soll, sei ebenfalls noch unklar. Zunächst müssten die Koalitionsverhandlungen abgeschlossen werden.

Speerwerfen ist gestrichen

Bis zum Start des Bauvorhabens dürfte also noch einige Zeit vergehen. Solange müssen sich die Studenten wohl mit den maroden Gebäuden und Hörsälen abfinden. Keine schöne Aussicht: "Es muss doch möglich sein, gute Studienbedingungen zu schaffen", sagt Annika Vollmer. Sie hofft, dass sich bald etwas tut.

Die Sportstudenten sind leidgeprüft. Schon vor einiger Zeit mussten sie eine Enttäuschung verkraften. Sie sollten einen neuen Sportplatz bekommen - doch das Ergebnis ist alles andere als überzeugend. "Die Laufbahn wurde bei den Arbeiten zerstört und kann eigentlich nicht mehr genutzt werden", sagt Ralf Jettke. Und der neue Kunstrasen eigne sich nicht mehr für Sportarten wie Speerwerfen. Studenten wie Ralf Jettke haben bald keine Geduld mehr: "Wir fühlen uns mit unseren Problemen ziemlich allein."

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