Schlüsselqualifikationen Kultur der Kritik

Sie lernen zu moderieren, präsentieren, kritisieren. Studenten der Münchner Fachhochschule bekommen genau das vermittelt, was die Industrie unentwegt verlangt. Dafür sorgt Deutschlands erste Professorin für Schlüsselqualifikationen.

Von Alexander Stirn


Bewerbungstraining: Unternehmen fordern bessere Soft Skills

Bewerbungstraining: Unternehmen fordern bessere Soft Skills

Der Eintrag im Vorlesungsverzeichnis klingt wenig spektakulär. "Sachgerecht verhandeln - die Methode des win-win-Prinzips nach dem Harvard-Konzept", heißt es dort. Das hört sich an wie ein typisches deutsches Hochschul-Seminar, trocken und langweilig. Einer redet, viele schlafen, jeder will nur den Schein.

Doch in diesem und ähnlichen Seminaren möchte die Fachhochschule München genau das vermitteln, was Wirtschaft und Politik lautstark fordern: Soft Skills. Zuständig dafür ist Anne Brunner, seit Beginn des Wintersemesters Deutschlands erste Professorin für Schlüsselqualifikationen. Sieben Seminare bietet die promovierte Psychotherapeutin derzeit in München - zu Verhandlungsstrategien, Trainingsformen, Selbstmanagement. Doch die tatsächlich vermittelten Soft Skills gehen weit über die Einträge im Vorlesungsverzeichnis hinaus.

Niemand liest Zeitung

"Genug geredet!" Florian Mair wirft die Kärtchen mit den Notizen zur Seite - mitten in seinem Seminarvortrag über Verhandlungsmethoden. Der angehende Münchner Wirtschaftsingenieur blickt in die Runde und sieht viele interessierte Gesichter. Niemand liest Zeitung, niemand döst vor sich hin.

Wie auch? Bereits zum zweiten Mal während Mairs Vortrag müssen sich die Zuhörer selbst Gedanken machen - diesmal darüber, welche Interessen Mieter und Vermieter bei einem gemeinsamen Gespräch verfolgen könnten. Später dürfen zwei Seminarteilnehmer eine typische Verhandlungssituation nachstellen, einmal stur, einmal erfolgreich. Auch mit einem Rollenspiel werden die Kommilitonen in den Vortrag eingebunden. Und immer wieder wird aus dem Studenten Mair der Moderator Mair: "Noch irgendwelche Fragen? Gut, freut mich."

Lehren durch Zuhören

Dozentin Brunner genießt und schweigt. Während ihrer Seminare sitzt die zierliche Frau mit der strengen Frisur und den milden Gesichtszügen bewusst am Rande. Zu Wort meldet sie sich nur, wenn etwas gehörig schief läuft.

Anne Brunner: Impulse im rechten Moment

Anne Brunner: Impulse im rechten Moment

Brunner sieht sich selbst als "Facilitator", als jemand, der Lernprozesse erleichtert, der Experimente ermöglicht, der aber auch Rahmenbedingungen setzt. Der ebenso allwissende wie allmächtige Professor hat in ihren Augen ausgedient. "Die Studenten können sich selbst am besten unterrichten." Was den Dozenten nicht davon entbindet, aufmerksam zuzuhören und im richtigen Moment die passenden Impulse zu geben.

So auch bei der Feedback-Runde, einem Ritual am Ende jedes Seminars. "Eine negative Kritik wiegt so viel wie fünf positive Anmerkungen", weiß Brunner. Und so erzählen Referenten wie Zuhörer zuerst, was ihnen am Vortrag besonders gefallen hat. Erst dann kommen Verbesserungsvorschläge - das aber möglichst konkret, schließlich könnte ein pauschales Urteil, so Brunner, "wie eine bleierne Wolke" über der Gruppe hängen.

Dozenten müssen umdenken

"Wir nehmen sehr oft Dinge, die gut laufen, als selbstverständlich hin", erzählt die Professorin, "auch als Dozenten". Genau auf die aber kommt, sollte sich die neue Art des Lehrens durchsetzen, einiges zu. Denn Brunners Methode, zu einem großen Teil aus den USA importiert, lässt sich prinzipiell in jedem Fachbereich anwenden: Studenten, die sich in Gruppenarbeit ein Thema erschließen, die Ergebnisse pfiffig präsentieren, keine Monologe halten, Diskussionen anstoßen und eine Kultur der Kritik pflegen, haben überall Platz - in Soziologie- genauso wie in Physik-Seminaren.

"Viele Professoren akzeptieren das, machen letztlich aber doch ihre Fachveranstaltungen", klagt Eckart Koch, Dekan des für die Schlüsselqualifikationen zuständigen Fachbereichs Allgemeinwissenschaften der FH München. Die Zahl der Seminare, in denen quasi nebenbei Soft Skills vermittelt werden, sei noch immer sehr gering. "Wenn wir nur so weit kommen würden, andere dazu zu motivieren, wäre das schon sehr gut."

Dennoch experimentiert in München - wie auch andernorts - nicht nur die Fachhochschule mit den neuen Lehrformen: Bereits seit einiger Zeit arbeitet die medizinische Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität daran, zusammen mit der Harvard Medical School in Boston eine neue Lehr- und Lernkultur zu entwickeln. Die "München-Harvard-Allianz" möchte Studenten dazu bewegen, ihr seit Jahren antrainiertes passives Lernverhalten aufzugeben und sich aktiv mit dem Unterrichtsstoff auseinander zu setzen.

Fakten haben ausgedient

Der Hintergedanke: Gerade in der Medizin, wo sich die zu bewältigende Wissensmenge in immer kürzeren Zeitabständen verdoppelt, greift die reine Vermittlung von Fakten nicht mehr. Die Studierenden müssen lernen, passende Informationen schnell zu finden, zu analysieren und aufzubereiten. "Einen Dozenten, der ihnen dabei hilft, gibt es später auch nicht mehr", sagt Brunner.

Folglich stehen so genannte Tutorials im Mittelpunkt der Ausbildung, in denen die Studenten nach und nach Krankheitsfälle vorgelegt bekommen. Begleitet von einem Tutor entwickeln sie Diagnosen, diskutieren das weitere Vorgehen und erfassen so selbst komplexe Krankheitsbilder. "Es ist enorm, wie kompetent die Studenten dabei gemacht werden", meint Anne Brunner, die im Rahmen der München-Harvard-Allianz die Tutoren schult.

Die Vorlesung tritt dabei in den Hintergrund, sie gibt höchstens Anstöße und liefert den notwendigen Überblick. Die Studenten freut das, manche Kollegen reagieren dagegen eher skeptisch. "Vorlesungen sind für viele", sagt Brunner, "noch immer eine heilige Kuh."



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