Schmiergeld an der Uni Wie russische Professoren Studenten abzocken

Der Rubel muss rollen, am besten direkt in die Taschen der Dozenten: An Russlands Universitäten grassiert die Korruption. Von der Aufnahmeprüfung bis zum Examen nehmen die Professoren gern Bares - und bessern damit ihre kargen Gehälter auf.

Von Philip Kuhn


Wie korrupt manche Professoren in Russland sind, hat die Jurastudentin Maria Kitaithik früh erfahren. In ihrem Latein-Kurs an einem Moskauer Institut für Staat und Recht schrieb der Professor gleich seine Telefonnummer auf die ausgeteilten Hausarbeiten. Wer wollte, konnte anrufen und bekam dann gegen Zahlung von rund 100 Dollar die Lösung exklusiv vom Hochschullehrer. Der zahlungsunwillige Teil der Studenten hingegen quälte sich mit dem schwierigen Text, der ohne fremde Hilfe kaum zu übersetzen war.

Scheine für den Herrn Professor: Alltag an russischen Unis
[M];DPA.mm.de

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"Wir haben uns deswegen beim Professor beschwert. Aber als wir ihm gesagt haben, dass niemand 100 Dollar locker machen könne, hat er uns nur ausgelacht", klagt Kitaithik. Da die Professoren selbst umgerechnet nur etwa 60 Euro pro Monat erhielten, seien sie auf Bestechungsgelder der Studenten angewiesen und betrachteten das als Studiengebühren.

Schuld an der Situation seien aber nicht nur die Lehrenden: "Es ist ein Geben und Nehmen. Einige Studenten aus gut betuchten Familien haben genügend Geld und machen von dem Angebot gern Gebrauch", sagt die 19-Jährige, die kurz vor den Magisterprüfungen steht und schätzt, dass sich mindestens ein Viertel aller russischen Studenten Leistungen erkauft.

Jeder sechste Studienanfänger zahlt Schmiergelder

Das bestätigt auch eine aktuelle Untersuchung: Nach Angaben der Organisationen "Information für Demokratie" und "Transparency International" hat ein Sechstel aller russischen Studenten bereits für die Zulassung an der Universität Schmiergelder bezahlt.

"Bevor ich die Aufnahmekommission der Uni bestechen muss, habe ich mir lieber gleich ein privates bezahltes Studium gesucht", erzählt der 21-jährige Jurastudent Andrej. Dafür zahle er zwar 15.000 Euro in fünf Jahren. Das sei aber immer noch weniger, als eine Bekannte an Schmiergeld für die Aufnahme habe ausgeben müssen.

Um an einer renommierten russischen Universität angenommen zu werden, müssen die Studenten harte Aufnahmeprüfungen durchlaufen, die für viele ohne spezielle Vorbereitungskurse kaum zu schaffen sind. Für etwa 50 Euro pro Stunde hämmern deshalb Repetitoren der zahlenden Klientel den Stoff ein.

Wenn die Prüfungen schließlich näher rücken, der Unterricht schon tausende Rubel verschlungen hat und die Angst der Studenten wächst, bieten zahlreiche Repetitoren eine Aufnahme-Garantie an - gegen Schmiergeld. Warum das funktioniert, erklärt Wladimir Filippow: "Die Repetitoren sitzen in der Prüfungskommission der Universität und entscheiden damit über die Aufnahme jener, die sie bezahlt haben", so der russische Erziehungsminister in einem SPIEGEL-Gespräch.

Eine Hand wäscht die andere

Martin Fincke von der Universität Passau lehrt seit 1979 als Dozent an verschiedenen russischen Hochschulen. Das System der Korruption beruhe auf Gegenseitigkeit, hat der Strafrechts-Professor beobachtet. Dabei gehe es aber nicht immer nur um Geld.

Moskauer Universität: "Der Professor hat uns nur ausgelacht"
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Während ihrer Studienzeit werde von den Studenten erwartet, dass sie allerlei Dienste für die Professoren erledigten, sagt Fincke. "Hör mal, Du hast doch ein Auto, fahr mich nach Hause", sei eine durchaus übliche Aufforderung vom Dozenten an den Studenten. "Über die Gegenleistung braucht dann gar nicht mehr gesprochen werden. Der Student kann mit einer guten Benotung rechnen", so Fincke. Oft fehle Professoren und Studenten dabei schlicht die Einsicht, sich unrechtmäßig zu verhalten.

Inzwischen geht es auch noch einfacher: Über Zeitungen, das Internet oder beim Einkaufsbummel in der russischen Hauptstadt lassen sich die fehlenden Bescheinigungen problemlos besorgen. So stehen auf Moskaus Bürgersteigen und in den U-Bahn-Stationen Leute mit kleinen Schildern "Zeugnisse, Diplome". Wer bereit ist, dafür 5000 Dollar zu zahlen, kann sich den Gang an die Uni gänzlich sparen.



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