Schneller lesen Seiten fressen ohne Tempolimit

Die Bücherstapel sind hoch, der Abgabetermin rückt näher: Wie schön wäre es, könnte man Bücher in doppelter Geschwindigkeit durchackern. Schnelllese-Techniken können helfen, etwa optisches Lesen oder Wörter in Sinngruppen erfassen. Das Problem: Viele Studenten lesen noch wie kleine Kinder.

Kernkompetenz Schnelllesen: Read it, read it - no one wants to be defeated
TMN

Kernkompetenz Schnelllesen: Read it, read it - no one wants to be defeated


Wo soll ich bloß anfangen? Die Literaturliste ist lang, auf dem Schreibtisch stapeln sich die Bücher. Kein Wunder, dass viele Studenten in so einer Situation verzweifeln und befürchten: Ich schaffe das nie. Schnelllese-Techniken können helfen, um den Bücherberg besser in den Griff zu bekommen. Aber auch hier gilt: Übung macht den Schnellleser.

"Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass alles, was man schneller macht, deswegen auch schlechter wird", sagt der Lesetrainer und Autor Wolfgang Schmitz aus Eppstein. "Schnelleres Lesen kann auch heißen: intensiveres Lesen." Peter Rösler, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schnell-Lesen in München, ergänzt: "Wenn jemand nur schnell liest und damit einen Text auch nur überfliegt, dann hat die Sache wenig Sinn."

Data, der blass-schimmernde Star-Trek-Android, liest Tausende Seiten binnen Sekunden. Menschen bringen es hingegen nur auf 200 und 300 Wörter pro Minute, wie die Professorin Danielle S. McNamara von der Universität in Memphis in der "International Encyclopedia of the Social & Behavioral Sciences" schreibt. Anbieter von oft sündhaft teuren Schnelllese-Seminaren würden damit werben, dass ihre Teilnehmer danach bis zu tausend Wörter pro Minute schaffen - oder sogar mehr.

Tausend Wörter pro Minute? Wohl eher nicht

Ob das aber wirklich klappen kann, sei durch wissenschaftliche Studien kaum belegt, sagt Leseforscherin McNamara. Wahrscheinlicher sei, dass ein Text nur dann besonders schnell gelesen werden kann, wenn man ihn sowieso schon kennt. Sie kommt daher zu dem Schluss: "Lesen braucht Zeit."

Andere Fachleute schwören hingegen, es gäbe Methoden, mit denen sich die Lese-Geschwindigkeit steigern lässt. Dabei muss es nicht allein ums Tempo gehen - wichtiger sei vielmehr die Art und Weise wichtig, wie Menschen lesen, sagt Lesetrainer Wolfgang Schmitz. "Häufig sind wir beim Lesen unkonzentriert." Die Gedanken driften ab, und wir erwischen uns, wie wir an andere Dinge denken. Sein naheliegender Tipp: nur aufs Lesen konzentrieren und regelmäßig Pausen machen.

"Außerdem haben wir als Kinder das Lesen gelernt und seitdem nicht viel an unseren Techniken verändert", sagt Schmitz. Das heißt: Weil wir als Kind langsam Wort für Wort gelesen haben, tun das die meisten heute noch.

Text als Fläche: Lesen, als wäre man in der Gemäldegalerie

"So grenzen wir den Blickfokus aber zu sehr ein." Lesen bleibe zwar immer eine Aneinanderreihung von Blickstopps - aber wer nicht jedes Wort fixiert, die Fokussierung weitet um mehrere Wörter zu Sinngruppen ordnet, kann schneller werden.

Von heute auf morgen klappt das aber nicht. "Man muss lernen, seine Blicke anders als bisher zu steuern", sagt Schmitz. Außerdem wichtig: "Viele Menschen springen beim Lesen oft unabsichtlich zwischen den Sätzen hin und her", das gelte es zu vermeiden. Diese durcheinandergewürfelten Informationen könnten vom Gehirn nur schwer verarbeitet werden.

Eine andere Technik könne das optische Lesen sein, sagt Peter Rösler von der Deutschen Gesellschaft für Schnell-Lesen. Das sei wie beim Blick auf ein großes Gemälde. "Man schaut es flächig an und erfasst es als Ganzes." Bis zu zehnmal so schnell könne man damit werden, glaubt Rösler.

Wer sich teure Schnelllese-Seminare sparen will und auch keine Lust hat, allein zu Hause zu üben, dem rät Lesetrainer Wolfgang Schmitz, sich mit anderen zusammenzutun und gemeinsam verschiedene Methoden auszuprobieren - und es brauche Geduld: "Der Effekt stellt sich mit der Zeit ein - und das lohnt sich!"

Aliki Nassoufis, dpa/ cht

insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
mexi42 17.07.2011
1. Es gibt nichts ...
Neues unter der Sonne, außer das Vergessene. Schnell-Lese-Kurse gab es schon vor fünfzig Jahren.
autokrat 17.07.2011
2. Literaturhinweis
...und wer sich näher mit dem Thema befassen möchte, sollte im Gewirr der angebotenen Ratgeber-Literatur nicht den Überblick verlieren und lieber gleich zu dem hier greifen: http://www.amazon.de/Speed-Reading-Schneller-lesen-verstehen/dp/3478719607/ref=sr_1_6?ie=UTF8&qid=1310883367&sr=8-6
opriema, 17.07.2011
3. ...
Das ist wie mit dem Laufen, kann alles trainiert werden. Nur gehört zum Lesen auch noch Merken und Vernetzen dazu, damit man das Gelesene auch versteht. Das lässt sich sicher auch noch trainieren, aber ob Lesen dann noch Spaß macht... Das klingt dann wie Vier-Gänge-Menü in drei Minuten! Guten Appetit.
Peter Werner 17.07.2011
4. ...
Warum muss immer alles schneller gehen? Ich bin mit meiner Lesegeschwindigkeit zufrieden. Für ein gutes Buch nehme ich mir gerne Zeit, Lesen ist doch keine lästige Aufgabe sondern ein bisweilen sinnliches Erlebnis. Einen Kurs zum "spead reading" (welch ein Begriff) betrachte ich als ebenso sinnvoll als einen Kurs zum "Schnellessen". Es lebe die Langsamkeit.
TomBlatt 17.07.2011
5. Zwei Seiten der Medallie
Also ich bin kein Freund davon, so richtig funktionieren tut dies doch auch nur mit "minderwertigen" Texten à la SozPäd, aber wenn es an die Naturwissenschaften geht, können sie meiner Meinung damit einpacken. Wenn plötzlich Wörter wie Hypoxanthin-Guanin-Phosphorybosyltransferase ^^ etc. auftauchen, ist ein Fehler schnell gemacht und das endet schließlich damit, dass wieder von Vorn mit dem Lesenangefangen werden muss. Fazit: Für die Zeitung reichts, für wissenschaftliche "Papers" ist "Speed-Reading" wohl kaum empfehlenswert.
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