Schneller Lesen Zeilen-Turbo einschalten, Seiten fressen

Tolstois "Krieg und Frieden" zum Frühstück, den Brockhaus in der Mittagspause - das kann doch nicht so schwer sein. Spezielle Trainings sollen das Lesetempo verdoppeln. Dirk Engelhardt trat zum Selbstversuch an. Jetzt bitte nicht schwächeln: Turbo-Leser brauchen für seinen Text keine Minute.

Das normale Lesetempo liegt bei etwa 240 Wörtern pro Minute, behaupten Leseforscher. Zu den Analphabeten zähle ich mich nicht gerade, und zum Lesen eines Buches benötige ich selten länger als vier Monate. Doch die Werbung zog: "Im Durchschnitt verdoppeln unsere Kursteilnehmer ihre Lesegeschwindigkeit." Oder: "Im Durchschnitt erhöhen unsere Kursteilnehmer ihr Leseverständnis von 63% auf 82%."

Schließlich beseitigte der fettgedruckte Satz im Prospekt von "Improved Reading" letzte Zweifel. "Falls sich ihre effektive Leserate nicht mindestens verdoppelt, bieten wir eine kostenfreie Wiederholung des Kurses an", hieß es dort. Wer solche Versprechen macht, muss sich seiner Sache einigermaßen sicher sein.

Ein ganzes Wochenende sollte ich mich nun in einem abgelegenen Nebengebäude der Freien Universität Berlin im Affentempo durch dicke Bücher und dürre Wortkolonnen arbeiten. Um zwei Wochen später ein Zertifikat zu erhalten, auf dem schwarz auf weiß zu lesen ist, dass meine Lesegeschwindigkeit sich von anfänglichen 355 Wörtern pro Minute auf sagenhafte 722 Wörter pro Minute erhöht hat, und meine "effective reading rate" (dazu später) parallel von 142 Wörter pro Minute auf 439 Wörter pro Minute.

"Sehen Sie den Elefanten"

Der Kurs beginnt locker-flockig mit spielerischen Übungen, die "Das Zahlenspiel", "Augenübung" oder "Sehen Sie den Elefanten" heißen. Doch die unerbittliche Stoppuhr, die dem Spielvergnügen jedes Mal nach 30 Sekunden ein jähes Ende setzt, lässt mich kaum die ersten Schritte vollenden. In nur 30 Sekunden aus genau 125 Wörtern 25 Synonym-Paare herauszufiltern, damit habe nicht nur ich einige Schwierigkeiten. Meine Nachbarin ist clever: Statt die Wortpaare elegant einzukringeln, streicht sie sie einfach mit kleinen, flüchtigen Strichen durch - eine enorme Zeitersparnis ist das Ergebnis.

Doch die Schnelligkeitsspielchen sind nichts weiter als Vorgeplänkel. Der Kursleiter, der die Nervosität der Leseschüler mit stoischer Ruhe pariert, teilt nun echten Lesestoff aus: Jeder bekommt ein Exemplar des Romans "Cafe Berlin" von Harold Nebenzal. Dazu ein klobiges Gerät mit einer Zeitschaltuhr. Das nennt sich "Reading Accelerator", auf Deutsch Lesebeschleuniger.

Mit einem nonchalanten Lächeln stellt der Kursleiter die Zeitschaltuhr bei jedem Teilnehmer auf die doppelte Geschwindigkeit ein, die jeder für sich am Anfang des Kurses ermittelte. Ein dicker Balken läuft surrend von oben nach unten über jede Buchseite, und für langsame Leser gibt es kein Pardon mehr. "Wenn ihr am Anfang überhaupt nicht wisst, was ihr gelesen habt, macht das nichts", versucht der Lesemeister zu beruhigen.

Meine Nachbarin ist offenbar eine Kurs-Wiederholerin. Aus dem Augenwinkel beobachte ich, wie sie die Seiten des Taschenbuches schon nach ein paar Sekunden umblättert. Kann ein Mensch so schnell lesen? Nach dem erzwungenen Schnelllesen kommt der Zwischen-Test: Zehn Arbeitsfragen sollen klären, wie viel vom Inhalt hängengeblieben ist. Eine Formel aus dem Prozentsatz der richtigen Antworten und der Lesegeschwindigkeit errechnet dann die effektive Leserate.

Ein Hoch auf die gute, alte Bücherstütze

Mein Arbeitsspeicher ist anscheinend voll, bei den Multiple-choice-Fragen liege ich fast überall verkehrt. Die Übungskurve, die übrigens fast nie geradlinig ansteigt, zeigt bei mir eine besonders tiefe Delle. Vielleicht ist es auch nur der Espresso nach der Mittagspause, der mir fehlt... Zur Aufheiterung gibt es lustige Lehrsätze: "Gmäeß eneir Sutide eneir elgnichcesn Uvinisterät, ist es nchit witihcg in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wort snid..." Höhö.

Mittels der neuen Techniken wie "Chunking", "Peripheres Sehen", "Scanning" und "Skimming", die jeweils mit speziellen Übungen trainiert werden, kommt es nach einigen Seiten "Cafe Berlin" doch noch zu Erfolgserlebnissen. Meine Reading Rate steigt wieder. Zwischendurch streut der Kursleiter nützliche Tipps für das richtige Lesen ein - er erinnert zum Beispiel an die gute alte Bücherstütze, die das Buch in die richtige Leseposition bringt. Liegt ein Buch nämlich flach auf dem Tisch, knickt der Hals beim Lesen ein, und wichtige Nervenstränge, die die Wörter in die richtigen Gehirnwindungen flutschen lassen, sind in dieser Position eingezwängt.

Witzigerweise fand der Schnell-Lesekurs genau in jenem Universitätsgebäude statt, in dem ich vor 15 Jahren begann, Kommunikationswissenschaften zu studieren. Hätte es damals diesen Kurs schon gegeben, hätte ich vielleicht die Literaturempfehlungen meiner Professoren gewissenhafter befolgen können...

(631 Wörter ohne Überschriften und Vorspann: Für Durchschnittsleser in knapp drei Minuten zu schaffen, für flinke Leser deutlich unter einer Minute)

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