Schöner schummeln Die Trickkiste der Anfänger und Fortgeschrittenen

Studenten schummeln nicht weniger als Schüler. Höchstens anders. An Deutschlands Unis wird gespickt und getäuscht, dass es die Prüfer schaudert - ein Überblick über moderne und traditionelle, dreiste, elegante und riskante Schummeltechniken.

Von Carsten Heckmann


"Wer sich beim Schummeln erwischen lässt, wird wie in der Schule mit einer '5' bestraft", warnt der Fachschaftsrat Maschinenbau an der Uni Rostock die Erstsemester in einer Broschüre. Dann folgt der Rat an die Neuen: "In Anbetracht dieser Tatsache solltest Du Deine Schummeltechnik ein wenig verfeinern."

Prüfung: Wörterbuch erlaubt, andere Hilfsmittel meist nicht
GMS

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Sollte Berndt Ostendorf vom Amerika-Institut der Uni München etwa Recht gehabt haben, als er sagte: "Im Hörsaal kann man nicht so leicht schummeln"? Nein, so schwer kann es nicht sein. Und so fein muss es nicht sein. Bei den Seminararbeiten wird ohnehin schon via Internet abgekupfert, was der Rechner hergibt. Und auch bei schriftlichen oder mündlichen Prüfungen mogeln, betrügen, täuschen, gaunern, schummeln, tricksen Studenten nach Kräften.

"Das Problem ist groß", weiß Alf Hammelrath, langjähriger Leiter des Staatlichen Prüfungsamtes für Lehrämter in Münster. "Welches Problem?", würden da wohl viele Studenten entgegnen. Petra Manig (Name geändert) hatte jedenfalls kein Problem damit, in ihren BWL-Klausuren regelmäßig auf den Spicker zu schauen. "Das machen doch alle. Ist ja auch klar, wenn diese ganzen Formeln einfach nicht in den Kopf gehen und das gesamte Studium von einer bestimmten Prüfung abhängt", sagt die Absolventin der Uni Leipzig.

In der entscheidenden Abschlussprüfung lag ihr Spickzettel ganz unkompliziert unterm Klausurpapier auf dem Tisch. Von wegen verfeinert: "Wie in der Schule halt." Damit wäre die wohl immer noch am stärksten verbreitete Masche angesprochen...

Das traditionelle Schummeln

Der Spickzettel im Hemdsärmel (bei Profis auch gern auf Selbstklebefolie am Müsliriegel), die Notizen auf dem Klo, die Formel auf der Hand, das Abschreiben vom Nebenmann - nicht neu, aber meist effektiv.

Notengebung: Wie Studenten in Prüfungen abschneiden
Wissenschaftsrat Köln

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Und wenn's nur in dem Sinne ist, den Prüfungsexperte Alf Hammelrath beschreibt: "Ein Pfuschzettel wird auf einem hohen Abstraktionsniveau angefertigt, es passt ja nicht viel drauf. Dabei entsteht ein unheimlicher Lerneffekt." Wer kennt das nicht: Genau das, was auf dem Zettel steht, fällt einem in der Prüfung auch so ein.

Welcher Grund für den Einzelnen auch entscheidend sein mag - Spickzettel und Abschreiben stehen hoch im Kurs. In Deutschland lässt sich nur über Dunkelziffern spekulieren. Österreichische Studenten gaben an, diese beiden Methoden ausgiebig zu nutzen, als sie 1999 für eine Studie der Uni Salzburg zum Thema "Pfuschen an der Universität" anonym befragt wurden.

Aber im Computerzeitalter geben sich viele ihrer Kommilitonen nicht mehr mit Papier ab. Ihr Ersatz:

Das technisierte Schummeln

Palm Pilot: Kann mehr, als viele Prüfer ahnen
REUTERS

Palm Pilot: Kann mehr, als viele Prüfer ahnen

Ein Handy hat heute fast jeder, die Lösung per SMS hätte bestimmt gern jeder. Dumm nur, dass das mobile Mogelgerät meist vor der Prüfung abgegeben werden soll. Muss man natürlich nicht machen. Doch es gibt Geräte, die die Benutzung des Handys zwar nicht verhindern, es aber aufspüren können. Andererseits werden die von Prüfern kaum genutzt "So etwas hat so ein Stasi-Gechmäckle - und die Geräte sind teuer", weiß Alf Hammelrath.

Sonstige Technik: Palm Pilots für Prüfungen, in denen die Aufsicht keinen Schimmer davon hat, was die Dinger können. Und: Die 007-Methode mit einem winzigen Funkgerät, das für eine Verbindung zum allwissenden Fachmann sorgt. Dessen Ideen bekommt man über einen kleinen Empfänger geflüstert, der ins Ohr passt. Voraussetzung sind gute Beziehungen zu einer skrupellosen Detektei.

Eine Alternative ist...

Das dreiste Schummeln

Viele träumen davon, die Prüfung gar nicht erst selbst abzulegen. Die Umsetzung: Man schickt einen so genannten Schlepper hin, von dem man weiß, dass er mehr weiß. Einziges und kaum überwindbares Problem: Findet eine Gesichtskontrolle anhand eines Ausweises statt, hat man verloren. Der gern zitierte Fall der eineiigen Zwillinge ist davon natürlich ausgenommen.

Manche Studenten brüsten sich auch gern damit, vor der Prüfung im Sekretariat ein paar der Blätter geklaut zu haben, die während der Prüfung ausgeteilt werden. Die tragen den Stempel der Uni und sind damit der Täuschung unverdächtig. Ein Spicker, der relativ sicher ist - aber ebenso sicher nur mit echter krimineller Energie zu realisieren.

Lesen Sie im zweiten Teil:



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