Schwer von Begriff Was ist eigentlich... die Hochschulrektorenkonferenz?

In der Bildungspolitik wimmelt es von Begriffsungetümen. SPIEGEL-Autor Thomas Darnstädt kennt sie alle, auch den Achtsilber mit der Abkürzung HRK: Dieser Rektoren-Verein ist älter als das Grundgesetz, hat aber keine Kompetenzen und kann auch kein Geld vergeben.


In der Weltpolitik haben Abkürzungen einen ordentlichen Klang. Wenn die Nato sich mit der Opec anlegen würde, könnte man das immerhin fließend aussprechen, wenn sich führende Vertreter der Unesco mit solchen der Efta treffen, weiß man schon, wer als Sieger herausgeht, einfach, weil Unesco schöner klingt.

Sie kann nichts dafür, sie will nur mitreden: Die HRK darf froh sein, dass gegen sie demonstriert wird
DPA

Sie kann nichts dafür, sie will nur mitreden: Die HRK darf froh sein, dass gegen sie demonstriert wird

Nun aber zur deutschen Bildungspolitik. Alles abgehackt, tonlos, unaussprechlich. Wie soll das jemals etwas mit euch werden, KMK, wer mag schon wissen, was herauskommt, wenn sich WR mit DFG über die künftige Rolle der BLK streiten?

Was war an einem Donnerstag Anfang Mai in Gießen los? HRK. Polizeihundertschaften umstellten das Stadttheater, Walkie-Talkies knarzten. HRK. Studentendemos rotteten sich vor der kleinstädtischen Pralinenschachtel zusammen, Absperrgitter knallten aufs Pflaster. Wasserwerfer? Na ja, fast.

Im Stadttheater gab es die Jahresversammlung der HRK. Und die HRK ist schuld an den Studiengebühren. So jedenfalls sahen es die Studenten, die in Gießen protestierten.

Hinter der kryptischen Abkürzung verbirgt sich die ebenso unaussprechliche Hochschulrektorenkonferenz, die bundesweit gebündelte "Stimme der Hochschulen" (Eigenwerbung). Tatsächlich hat die illustre Vereinigung der Chefs von 257 deutschen Bildungsanstalten 2005 in einer mutigen Stellungnahme die von der Politik längst beschlossenen Studiengebühren begrüßt: Mit dem vom Bundesverfassungsgericht gekippten "Gebührenverbot", freuten sich die Rektoren und Präsidenten, "ist ein internationaler Wettbewerbsnachteil für die deutschen Hochschulen gefallen". Ebenso deutlich hatte die Stimme Jahre zuvor verkündet: "Nach Abwägung der Vor- und Nachteile lehnt das Plenum der HRK die Einführung von Studiengebühren ab. Sie würden negative Folgen für die soziale Gerechtigkeit und den Generationenvertrag haben."

Der Wille ist gebündelt, aber folgenlos

HRK, HRK. Wer seine unaussprechliche Abkürzung so nach dem politischen Wind hängt, kann sich nicht wundern, wenn er an einem sonnigen Maitag die Studenten an den Hals kriegt. Dabei ist es so ungerecht. Denn, liebe Studenten, die HRK kann nichts dafür. Es ist gut, von der Demonstrationsfreiheit Gebrauch zu machen, aber noch besser, sich vorher über geeignete Adressen zu informieren.

Bei den Adressen mit den hässlichen Abkürzungen unterscheiden wir grundsätzlich zwei machtvolle Demo-Ziele. Da sind die Institutionen, die zwar Kompetenzen haben, aber kein Geld geben, die KMK zum Beispiel, die Kultusministerkonferenz. Zweitens die Institutionen, die keine Kompetenzen haben, dafür aber Geld, die DFG zum Beispiel, die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Dann aber gibt es eine Organisation, die weder Kompetenzen hat noch Geld vergeben kann. Das ist die HRK.

Die Hochschulrektorenkonferenz ist ein Verein, der von Bund und Ländern finanziert wird: im Wesentlichen die Kosten für eine Generalsekretärin in Bonn, die einen Stab von Leuten unterhält, der eine unglaubliche Menge von Stellungnahmen fast im Tagesrhythmus an alle Abkürzungsträger der deutschen Bildungspolitik versendet.

Die HRK gibt es schon länger als das Grundgesetz. Schon als 1955 die Rektorenrunde mit "Entsetzen" die Gefahren eines Atomkriegs enthüllte, wagte keiner die Frage, was einen Verein von zu Verwaltungsaufgaben abkommandierten Wissenschaftlern dazu legitimiert, seinen Senf zum drohenden Weltuntergang zu geben.

Der Geist spricht mit sich selbst

Doch seit damals führt die Rektorenkonferenz mit ihrer gewählten Präsidentin samt sieben Vizepräsidenten das schlechte Gewissen der bundesdeutschen Bildungspolitik an. Und das war auch sinnvoll, solange es jemanden im Lande gab, der sich für derart zentral und bundesweit organisierte Gewissensfragen zuständig fühlte. Doch seit der Föderalismusreform im vergangenen Jahr sind die Hochschulen fast vollständig in der Hand der 16 Bundesländer.

Die Bundesbildungsministerin hört sich zwar gern an, was die Bundes-HRK auf ihren Vollversammlungen an machtvollen Beschlüssen beschließt. Aber der ganze gebündelte Wille der Hochschul-Chefs bleibt folgenlos, weil die Bundesregierung und der Bundestag mit der Abschaffung des Hochschulrahmengesetzes fast nichts mehr zu sagen haben im Bildungswesen.

Viele Uni-Präsidenten bleiben den Versammlungen der HRK fern. Nicht mal für Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, der jetzt unter Polizeischutz in Gießen sprach, interessierte sich die Runde noch wirklich. Zwar hat Peer Steinbrück zurzeit Geld wie Heu. Aber er darf es - Föderalismusreform! - seinem verarmten Publikum nicht mehr geben.

Wer hört noch die Stimme der Hochschulen, die sich gern auf den Geist Humboldts beruft? "Die Hochschulen müssen in Forschung und Lehre hohe Qualität sicherstellen", forderte in Gießen die Präsidentin. Wir ahnten es. An wen richtet sich diese Forderung? An den Bund? An die Länder? An die Studenten? An die Hochschulen natürlich. So ist das, wenn keiner mehr zuhört: Der Geist spricht mit sich selbst. Noch Fragen?



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