Schwuso-Bürgermeister in Bayern "Mei, könntst du es schön haben"

Eine kleine Sensation: Michael Adam ist 23, Student, Sozialdemokrat, evangelisch, schwul - und trotzdem Bürgermeister im niederbayerischen Bodenmais. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview zieht er eine Bilanz der ersten Monate: Wie tolerant ist die Provinz? Und wie wichtig ist Anzapfen?


SPIEGEL ONLINE: Herr Adam, im März wurden Sie zum Bürgermeister des bayerischen Ortes Bodenmais gewählt. Was glauben Sie, würden Ihre Eltern sagen: Wie hat sich ihr Michael verändert?

Adam: Meine Eltern würden sagen: Wir können nur beurteilen, wie er sich im Amt macht, denn privat sehen wir ihn nicht mehr. Ich wohne zwar noch bei meinen Eltern, war aber, seit ich im Amt bin, höchstens zweimal zu Hause zum Essen. Ich gehe eben morgens um sieben aus dem Haus und komme abends um elf, halb zwölf zurück.

SPIEGEL ONLINE: Ein straffes Programm für einen 23-Jährigen ...

Adam: … ich war vorher ja schon neben meinem Studium stark in Parteiarbeit und Ehrenämter eingebunden, aber wenn ich mal alle Fünfe gerade lassen wollte, ging die Welt deshalb nicht gleich unter. Dann ist man plötzlich Bürgermeister, hat Verpflichtungen, ist jeden Tag gefordert - und die ganze Unbeschwertheit ist weg. Es rufen schon immer wieder mal Freunde aus Regensburg an und wollen mit mir ein Bier trinken gehen. Ich muss dann meistens absagen, weil ich bei einem Festumzug mitgehen muss oder so was. Das sind Situationen, bei denen ich denke: Mei, könntst du es schön haben. Aber ich wollte es ja so!

SPIEGEL ONLINE: Bereuen Sie manchmal, zur Wahl angetreten zu sein?

Adam: Ich kann jetzt schon Erfahrungen machen, die andere nicht einmal mit 40 machen können. Vielleicht sitze ich doch mit 40 einmal zu Hause und denke mir: Ich habe meine Jugend versaut. Aber das Gefühl habe ich momentan nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie studieren in Regensburg Politik und Volkswirtschaftslehre. Hat Ihnen das Studium etwas für das Amt gebracht?

Adam: Nein. Es liegen Welten zwischen Tagespolitik und Politikwissenschaft: Politische Theorie, Platon und Co. haben mit Kommunalpolitik gar nichts zu tun. Aber ich habe im Studium gelernt, mich zu organisieren und selbständig zu arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrer Wahlkampf-Homepage haben Sie geschrieben, dass Sie Ihr Studium voraussichtlich 2008/2009 beenden werden. Schaffen Sie das wirklich?

Adam: Das dachte ich. Aber da wusste ich noch nichts von den Zuständen in der Bodenmaiser Verwaltung. Dieses und nächstes Semester wird da also nicht viel passieren. Dann muss ich aber zusehen, fertig zu werden, denn mein Magisterstudiengang wird in wenigen Semestern abgeschafft.

SPIEGEL ONLINE: Und bleibt noch Zeit für eine Beziehung?

Adam: Ich habe mittlerweile wieder einen Freund. Wir sehen uns unter der Woche kaum, auch sonst ist es schwierig. Am Wochenende sind viele repräsentative Anlässe, da kommt er manchmal mit.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind offen homosexuell und bei den Schwusos in der SPD aktiv. Wie reagieren die Bodenmaiser?

Adam: Ich habe im Ort keine Probleme mit meiner Sexualität. Zumindest sagen die Bodenmaiser nichts darüber. Bodenmais ist einfach ein Ort, in dem offen Schwule bisher eher nicht zum Alltag gehört haben. Ich glaube, dass ich Vorurteilen am besten begegnen kann, indem ich das lebe und die Leute sehen: Er ist zwar schwul, aber doch ein völlig normaler Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Wie läuft es im Amt?

Adam: Es haben sich nach der Wahl sehr viele Probleme aufgetan: hoher Schuldenstand, katastrophale Situation in der Verwaltung, in der die Organisationsstruktur weitestgehend zusammengebrochen ist. Da sieht's im Moment noch vernichtend aus.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie sehen es nun als Ihre Aufgabe, die Altlasten Ihres CSU-Vorgängers zu beseitigen?

Adam: Ja, unter anderem.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist denn das Verhältnis zum Vorgänger?

Adam: Wir haben uns seit dem Tag der Amtsübergabe nicht mehr gesprochen. Die Schlüsselübergabe war auch eher ein Unfall: Mein Vorgänger wollte die Schlüssel im Rathaus hinterlegen, und ich war zufällig da. Er sagte, ich könnte mich melden, wenn ich einmal Hilfe bräuchte.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass er es als persönliche Niederlage empfunden hat, von so einem Jungspund aus dem Amt geworfen zu werden?

Adam: Das war für ihn schon eine ziemliche Ohrfeige, ja.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn für Sie das Schönste am Amt?

Adam: Was wirklich toll war: Als ich zum Volksfest als Bürgermeister einmarschiert bin, die Kapelle gespielt hat und alle im Zelt laut gezählt haben, wie viele Schläge ich zum Anzapfen gebraucht habe.

SPIEGEL ONLINE: Und wie viele Schläge waren es?

Adam: Drei. Das war wichtig, es wird in Bayern unheimlich viel Wert darauf gelegt, wie viele Schläge der Bürgermeister braucht. Das steht in der Lokalzeitung am nächsten Tag auf dem Titelblatt.

SPIEGEL ONLINE: Wie lebt es sich als Lokalprominenz?

Adam: Anfang August war ich beim Christopher Street Day in Nürnberg auf dem Wagen der SPD, am Tag darauf war ein Bild davon in der Lokalzeitung mit der Überschrift: Bürgermeister Adam beim CSD. Das hat mich nicht erschüttert. Ich habe ja nichts zu verbergen. Aber in diesem Moment habe ich gemerkt, dass ich genau beobachtet werde.

SPIEGEL ONLINE: Nach Ihrer Wahl im April wurde deutschlandweit berichtet: Der jüngste Bürgermeister, dazu noch aus der SPD und schwul - und das im tiefsten Bayerischen Wald. Wie haben Sie den Rummel wahrgenommen?

Adam: Mich erschreckt es, wie bekannt ich offensichtlich geworden bin. Ich war neulich in Berlin bei einer Parteiveranstaltung und habe einen Tag dran gehängt. Abends, vor einem Club sagte der Türsteher zu mir: "Herr Adam, Sie hier?" Ich war einfach froh, dass ich da rein durfte.

Das Interview führte Birger Menke

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