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"Science Slam"-Finale Große Show mit Schlaumeiern

Hier wird das Referat zum Event: Beim "Science Slam" wetteifern Studenten und Doktoranden darum, wer besonders amüsant über Exotisches sprechen kann - von Quantenwissenschaft bis zur Stringtheorie. Das Deutschland-Finale bestritten Protonenbefreier und Energieverschwender.

Knapp anderthalbtausend Kilometer ist der Freiheitskämpfer mit dem Zug gereist - seine Flüge wurden gestrichen, wegen Schnee und Eis. Aber vom Winter lässt sich ein echter Freiheitskämpfer nicht stoppen. Morgens um halb sechs stapfte er zum Bahnhof in Nantes, Frankreich, sein MacBook in der Tasche, darauf die Rede gespeichert. Er löste ein Karte nach Berlin, fuhr 14 Stunden lang durch halb Europa und kam gerade noch rechtzeitig nach Kreuzberg.

Jetzt steht Sascha Vogel, 28, promovierter Physiker, Brille, Kinnbart, auf der Bühne des "Festsaals Kreuzberg". Hier feiern sonst Abiturienten den Abschlussball und die Macher der sehr linken Wochenzeitung "Jungle World" ihre Weihnachtsfeier. Die Wände sind rot gestrichen, es gibt Bier aus Flaschen.

Vogel hat eine Mission: die Botschaft der "Vereinigten Protonen Befreiungsfront" in die Welt tragen, der VPBF, wie er sagt. Nicht zu verwechseln mit der "Vereinigten Front zur Befreiung der Protonen".

Das Publikum johlt, jemand ruft "Spalter", immer wieder gibt es Applaus.

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Battle der Super-Hirne: Trivial oder genial?

Foto: Michael Setzpfandt, Haus der Wissenschaft Braunschweig

Es ist die Belohnung für Vogels Darbietung, hier beim Deutschland-Finale des "Science Slam". Der junge Wissenschaftler hält zehn Minuten lang seine VPBF-Rekrutierungsrede, schaut besorgt und fragt: "Was für Leute sind das, die in der Schweiz systematisch Protonen quälen?" Es geht um die Experimente am Europäischen Kernforschungszentrum in Genf, wo Forscher im Teilchenbeschleuniger LHC mit bislang unerreichter Energie Protonen aufeinanderschießen.

Grausam sei das für die Teilchen, sagt Vogel, "das tut denen doch weh". Der Protonenbefreier ist seine neueste Rolle.

"Science Slam", das funktioniert so ähnlich wie ein "Poetry Slam": Man bekommt ein Mikrofon und ein paar Minuten auf der Bühne. Was der Slammer daraus macht, bleibt ganz ihm überlassen. Hinterher vergibt das Publikum Punkte, der Gewinner bekommt als Trophäe ein Plastikhirn unter einer Glasglocke.

"Sendung mit der Maus für Erwachsene"

Der Vortragswettbewerb ist das Gegenteil der meisten Uni-Referate - hier geht es darum, möglichst verständlich, informativ und vor allem unterhaltsam zu sein. Auch bei Themen wie "tiefengeothermische Energieerzeugung" oder Stringtheorie. Im Zweifel geht Entertainment vor Exaktheit. "Sendung mit der Maus für Erwachsene", so nannte es die "FAZ". Ein Wettstreit von Schlaumeiern, die sich als Showmaster versuchen.

Allerdings gelingt das den neun Finalisten dieses "Science Slams" mit recht unterschiedlichem Erfolg. Sie alle haben sich bei regionalen Vorrunden durchgesetzt, sie alle sind Ingenieure oder Naturwissenschaftler. Denn dieses Finale ist thematisch auf das Thema "Energie" beschränkt, heißt deswegen "Energy Slam". Er ist auch gedacht als Werbeveranstaltung für das Wissenschaftsjahr 2010 mit dem Motto "Die Zukunft der Energie".

Geübte studentische Entertainer kommen hier auf die Bühne, ebenso wie Doktoranden, bei denen man sich fragt, wie sie je eine mündliche Prüfung überstanden haben. Sie hoffen auf den großen Triumph durch Jubel, Lacher und Applaus, dafür riskieren sie es, im Pfeifkonzert unterzugehen.

Wer was weiß, muss sich doch nicht verstecken

Da ist ein junger Physiker, der in einen Dialog tritt mit einem fiktiven Freund, also auf der Bühne mit sich selbst spricht. Und der sich verhaspelt beim Reden über Biomasse, "hydrothermale Karbonisierung" und ein Verfahren, mit dem sich Energie aus der Flatter-Binse gewinnen lässt, einer Pflanze, die "an nassen Standorten" wächst, wie er sagt. Es kommen viele Formeln vor. Im Publikum schlagen einige die Hände überm Kopf zusammen.

Einem Verfahrenstechniker fällt das Mikrofon runter, bei einem Physiker funktioniert der Ton in der Powerpoint-Präsentation nicht. Dafür schafft es ein anderer, einen launigen Vortrag über die Erkennung von Krebstumoren mit Antimaterie zu halten. Er baut Exkursionen in die "Star Trek"-Welt ein, schließlich funktioniert auch der Warp-Antrieb des Raumschiffs Enterprise mit Antimaterie.

Erst seit etwas über zwei Jahren messen deutsche Studenten und Doktoranden bei solchen Veranstaltungen ihre Entertainer-Qualitäten. Die TU Darmstadt beansprucht für sich, das erste Turnier ausgerichtet zu haben. Mittlerweile gibt es Slams in Hamburg, Chemnitz, Bonn, Berlin, Braunschweig und vielen anderen Städten.

Solche Veranstaltungen verraten einiges über das Selbstbild dieser Akademikergeneration, die in Kneipen, Bars und auf Bühnen zeigen will: Wer etwas weiß, muss sich nicht verstecken. Auch ein Physiker, der drei Stipendien bekommt, kann ein guter Unterhalter sein.

Dafür stehen auch andere Formate, die sich in deutschen Uni-Städten etabliert haben. Beim "Pub-Quiz" treten meist junge Akademiker gegeneinander an und beantworten Fragen zur deutschen Teilung und zur Wiedervereinigung von Take That. Beim "Powerpoint-Karaoke" betexten sie zufällig ausgewählte Präsentationsfolien. Bei "Elevator Pitch Nights" präsentieren sie eine Geschäftsidee in 30 Sekunden - falls man den Chef mal im Fahrstuhl trifft und nur kurz Zeit hat, ihn von sich zu überzeugen. Und "Poetry Slams" werden manchmal schon zu "Experimental-Slams" ausgebaut - weder Zuschauer noch Slammer wissen, was sie erwartet: Gedichte im Dunkeln? Über ein Kunstwerk sprechen, das man bis vor zwei Minuten nicht kannte?

Die Hirn-Trophäe beim "Energy Slam"-Finale nimmt schließlich Martin Buchholz, 34, mit nach Hause, der als Favorit gestartet war - Jubelrufe schon, als der Moderator ihn vorstellt. Und auch einige andere Finalisten mutmaßen bereits vor dem Turnier, dass Buchholz wohl siegen wird. Denn er hat bereits Bühnenerfahrung, spielt seit der Grundschule Theater, und sein Job ist es, Thermodynamik-Vorlesungen an der TU Braunschweig zu halten. Dort steht er dann vor bis zu 700 Studenten. "Das unterscheidet mich von vielen Jüngeren", sagt er. Seinen Vortrag mit dem Titel "Energie - Wie verschwendet man etwas, das nicht weniger werden kann" hatte er schon bei anderen Slams gehalten. Und dort ebenfalls gewonnen.

Protonenbefreier Vogel, der extra aus Frankreich angereist war, wo er arbeitet, landet nur auf dem vierten Platz. Aber zufrieden ist er trotzdem. Immerhin konnte er seine Botschaft loswerden: "Die Vereinigte Protonen Befreiungsfront bekennt sich zu den drei Dimensionen, die wir haben." Die Zuschauer lachen. Es sind viele Physiker da an diesem Abend.

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