Selbstmordwelle an US-Unis Tödlicher Stress

Auf 27 Millionen Dollar Schadenersatz haben die Eltern der 19-jährigen Studentin Elizabeth Shin, die Selbstmord beging, das berühmte MIT verklagt. Suizide sind die zweithäufigste Todesursache bei College-Studenten - und viele zerbrechen offenbar am Druck in den US-Eliteschmieden.
Von Jochen A. Siegle

Elizabeth Shin war eine ebenso aufgeweckte wie intelligente und fleißige Studentin - bis die Tochter koreanischer Einwanderer im April 2000 einen grausamen Tod fand: Die 19-Jährige setzte sich in ihrem Wohnheimzimmer am Massachusetts Institute of Technology (MIT) selbst in Brand und erlag wenig später ihren schweren Verbrennungen. Nicht nur am Campus in Cambridge war die Erschütterung über ihren Tod groß, der Fall sorgte auch landesweit für Schlagzeilen.

Zwei Jahre danach bewegt Shins Selbstmord nun erneut die amerikanische Öffentlichkeit: Ihre Eltern verklagen die Universität auf 27 Millionen Dollar Schadenersatz. Das Elite-College habe sich weder ausreichend um Elizabeth gekümmert noch die Familie von ihrem desolaten psychischen Zustand unterrichtet, so der Vorwurf der Eltern.

Steigende Zahl labiler Studenten

Noch einen Tag vor Shins Freitod hatten sie den Teenager besucht und keinerlei Verdacht geschöpft. Dabei hatte die Studentin im zweiten Jahr schon Monate vorher versucht, sich das Leben zu nehmen - ohne dass die Eltern davon erfahren hatten.

Elizabeth Shin ist alles andere als ein Einzelfall. Schon seit Jahren nimmt die Zahl psychisch labiler US-Studenten stetig zu. Wie Studien der International Association of Counseling Services zeigen, mussten im akademischen Jahr 2000/2001 fast alle der 274 psychologischen Uni-Beratungsstellen mindestens einen Studenten in die Psychiatrie einweisen. Jedes dritte Beratungszentrum berichtete über einen Selbstmord. Damit sind Suizide nach Unfällen die zweithäufigste Todesursache von College-Studenten.

Wie können Universitäten mit diesem Problem fertig werden? Und: Sollen Eltern über Auffälligkeiten unterrichtet werden? Gesetzlich gibt es dazu keine Verpflichtung. Im Gegenteil, die Privatsphäre volljähriger Studenten ist wie auch in Deutschland geschützt, die Herausgabe von Zeugnissen oder Gesundheitsakten also verboten. Es sei denn, die Person ist eine Bedrohung für sich selbst oder die Umwelt - eben dies richtig einschätzen zu können, ist das größte Problem der Campus-Psychologen. 

Ratlos suchen sie nach den Ursachen für die desolate Psyche so vieler US-Studenten. Allgemeiner "Stress" und "chaotische Familienverhältnisse", so lautet häufig die diffuse Diagnose.

Auch der familiäre Erwartungsdruck hat sich Fachleuten zufolge deutlich verstärkt: Weil die Studiengebühren in den letzten Jahren drastisch stiegen, müssen Mittelklasse-Familien mittlerweile Großteile ihres Einkommen für horrende tuitions aufbringen. So überwiesen Shins Eltern pro Jahr rund 34.000 Dollar an das renommierte Tech-College in Cambridge.

Leistungs- und Konkurrenzdruck, vor allem an Elite-Hochschulen, steht ganz oben auf der Ursachenliste der Suizid-Experten. Oftmals beginnt dieser Leistungsstress schon in den High Schools, die begabte Schüler auf Uni-Level drillen - so auch im Fall Shin.

Die Campus-Psychologen sind überfordert

"Vor 20 Jahren war es noch wesentlich einfacher, Student zu sein", meint Mark Reed vom psychologischen Beratungszentrums am Darthmouth College in Hanover, New Hampshire. Inzwischen sucht jeder fünfte Student dort Hilfe. Die Colleges sind mit diesem enormen Zulauf schlicht überfordert: In den letzten Jahren wurden die Warteschlangen bei den Uni-Psychologen immer länger, die Beratungszeiten deutlich kürzer.

Viele Colleges empfehlen labilen Studenten zwar dringend Therapien, doch das Gros schlägt diesen Rat in den Wind. Berichten von Harvard-Psychologen zufolge erscheint kaum ein Student nach einem gescheiterten Selbstmordversuch bei einem Therapeuten.

Ein schwerer Fehler, wie sich bei Elizabeth Shin zeigte. Schon mehrfach wollte sich die 19-Jährige am MIT das Leben nehmen - eine Therapie hatte sie dennoch nie begonnen. Und obwohl gleich mehrere Uni-Psychologen und Dekane um ihren kritischen Zustand wussten, waren die Eltern ahnungslos.

"Hätten wir gewusst, was los ist, hätten wir unsere Tochter nach Hause geholt", erklärte Chon Hyun Shin. "Das MIT hat uns jedoch die Chance geraubt, uns um unsere Tochter kümmern zu können."

Die Uni-Verwaltung bedauert in Statements zur 27-Millionen-Klage den Selbstmord der Studentin als "tragisch", lehnt jedoch jede Verantwortung für den Freitod ab. Sie verweist auf Gutachten, denen zufolge Shin schon zur Schulzeit als mental instabil auffiel: Die stets Jahrgangsbeste hatte bereits nach einer verpassten High-School-Abschlussprüfung einen Selbstmordversuch unternommen.

Wie viel Einmischung darf und muss ein?

Das MIT bangt um seinen guten Ruf. Die Kaderschmiede ist auffällig häufig Schauplatz von Suiziden: Seit 1990 haben sich dort zwölf Studenten das Leben genommen. Nach Recherchen der Zeitung "Boston Globe" soll zudem die MIT-Selbstmordrate unter Studienanfängern fast dreimal so hoch liegen wie an anderen Colleges. Und auch bei Vergleichen psychologischer Beratungsangebote schloss das MIT im letzten Jahr schlechter ab als andere Unis.

Wie auch immer der Millionen-Rechtsstreit Shin versus MIT ausgehen wird - die Uni-Psychologen stehen von beiden Seiten unter Druck. "Einerseits beschweren sich Eltern, dass wir zu wenig unternehmen", klagt Rick Olshak von der Rechstabteilung der Illinois State University, "andererseits wettern Studenten, wir würden uns zu viel einmischen."

Viele Uni-Beratungsstellen versuchen daher ihre studentischen Patienten davon zu überzeugen, die Eltern einzuschalten. Gelingt das nicht, stehen die Psychologen vor der schwierigen Entscheidung, ob sie die Familie gegen den Willen des Klienten kontaktieren sollen. Dabei riskieren sie, das Vertrauen des Studenten zu verlieren - sicher kein Ausweg aus der Suizidgefahr.

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