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Selbstversuch Model werden: "Das hat mehr harrr zu sein!"

Foto: Bernd Weissbrod/ dpa

Selbstversuch Model werden "Mach mal ein bisschen mehr sexy"

Jenna Behrends, 20, schaut jede Woche Heidi Klum und fragt sich: Warum noch kellnern, wenn ich Model werden könnte? Sie startete einen Selbstversuch und stellte sich bei Agenturen vor. Ein Traumberuf im Realitätscheck.

Wunderschöne Kleider tragen, ein wenig über den Laufsteg schlendern und so das Studentenleben ohne Geldsorgen genießen: Jede Woche schauen meine Mitbewohnerin und ich wieder "Germany´s Next Topmodel".

23.000 junge Frauen oder auch "Mädchen", wie Heidi Klum sie konsequent nennt, haben sich für die aktuelle Staffel beworben. Mehr denn je. Dabei waren die Quoten im vergangenen Jahr miserabel: Um rund ein Viertel sind sie eingebrochen.

Wir bleiben Heidi trotzdem treu und rätseln, wie schwer es wirklich ist, als Model Geld zu verdienen. Warum noch hart ackern, wenn ich einfach vor der Kamera posieren könnte? Meine Maße sollten stimmen: Supermodel Julia Stegner hatte mit denselben zumindest Erfolg.

Ich habe mich entschlossen, es auszuprobieren: In München, Frankfurt, Stuttgart, Berlin und Köln habe ich mich bei Agenturen vorgestellt, die junge Frauen in Internetforen angepriesen haben. Ich tauchte ein in eine andere Welt und stellte fest: Sie ist nur selten so märchenhaft wie bei Heidi und ihren Mädchen.

Meine Reise durchs Modeland bei SPIEGEL ONLINE.

München - Suche nach dem Modepüppchen

Hohe Absätze aktivieren mein Tollpatschigkeitsgen, mutig stöckele ich dennoch über das Münchner Kopfsteinpflaster auf dem Weg zu meinem ersten Bewerbungsgespräch. Eine renommierte Agentur hat zum offenen Casting eingeladen. Dank intensiven Unterrichts von meiner Mitbewohnerin bin ich bestens vorbereitet: Ich könnte - falls gewollt - meinen Namen tanzen und auch meinen Gesichtsausdruck kann ich blitzschnell ändern.

Als ich die Agentur betrete, steht niemand auf, um mir die Hand zu geben. Ich versuche es mit einem zaghaften "Hallo". Weiter: "Ich bin hier wegen des Castings." Vier Personen sitzen an einem Schreibtisch, niemand hebt den Blick. Ich huste, sage lauter: "Wir haben telefoniert." Endlich sieht jemand vom Bildschirm auf, vermutlich eine Praktikantin, nicht älter als ich. "Füll das Blatt da mal aus", sagt sie.

"Stell dich mal da rüber, weg von der pinken Wand und guck in die Kamera", sagt ein Fotograf. Endlich schenkt mir jemand Aufmerksamkeit. Übermütig geworden wage ich zu fragen, wie ich denn gucken solle. Ernst, vielleicht mit einem Lächeln? Seine Antwort: "Guck einfach in die Kamera." Klick, zur Seite drehen, klick, fertig. Sofort springt ein weiterer Mann von seinem Stuhl und deutet in Richtung Tür. "Wir gucken uns die Bilder im Team an und melden uns dann bei dir", sagt er.

Schon stehe ich wieder draußen und friere mit meinen Mantel in der Hand. Noch am selben Tag der erlösende Anruf: Ich passe nicht zu ihren Kunden, mir fehle das "Puppengesicht". Über die Absage freue ich mich.

Frankfurt und Berlin - Schnipp, schnapp, Haare ab

Zu alt, mit 20! Ihre ältesten Bewerberinnen seien 18, lässt mich eine Berliner Agentur wissen. Auch eine Frankfurter Agentur will mich nicht: "Eigentlich bist du mit 20 fast noch zu jung für richtige Werbeaufnahmen und Editorials machen wir hier nicht." Deren Modelagent hat mich trotzdem zu einem Vorstellungstermin eingeladen. "Warum bist du hier?", fragt er. "Weil ich Model werden möchte." Ich bin mir nicht sicher, ob er mir glaubt.

Laufstegjobs wären eine Option für mich, denkt er laut, vielleicht für C&A oder das Kaufhaus Adler. "Wir können dich aber nicht aufbauen, wir vermitteln nur." Selbst die Bilder für meine Sedcard, meine Bewerbungsmappe, müsse ich selbst beschaffen, auf eigene Kosten. "Sobald du beim Fotografen warst, nehmen wir dich dann in die Kartei auf", verspricht der Booker mir, "aber eine Jobgarantie können wir dir nicht geben." Am häufigsten gebucht würde nun einmal blond und blauäugig.

Trotzdem bot mir die Agentur sofort einen Job an. Auf einer Haar-Moden-Messe als "Schnitt- und Farbmodel". Lang, glatt und naturrot wären meine Haare danach sicherlich nicht mehr gewesen. Schnipp, schnapp, Haare ab. Dankend verzichte ich auf 750 Euro Schmerzensgeld.

Stuttgart - Ein Crashkurs in Selbstvermarktung

Lässig, eine unangezündete Zigarette in der Hand, blickt der Inhaber der nächsten Agentur in Richtung Couch. "Habt ihr Bücher dabei?", fragt er mich und ein andere Bewerberin. Ich krame in meiner Handtasche. "Zum Lesen?", frage ich.

Er geht lachend nach draußen. "Ach, ihr seid neu im Business? Nehmt die Frage als Kompliment, ich hätte euch Fotobücher zugetraut." Peinlich berührt stecke ich meinen Roman wieder ein und konzentriere mich weiter auf den Fragebogen der Stuttgarter Agentur: Werbung für Pelze? Nein. Moderationserfahrung? Auch nicht.

Mit einem Maßband in der Hand begrüßt mich ein Mitarbeiter, man duzt sich. Bevor er meine Beinlänge notiert, streicht er "Fußmodel" vom Bogen. "Zeig mir noch einmal deine Hände." Ein Haken, dann überfliegt er nickend meine Antworten. "Du hast gar nicht erwähnt, wie oft du Sport machst." Ich hasse joggen und vor fliegenden Bällen habe ich Respekt, tapfer behaupte ich: "Regelmäßig". Ein musternder Blick. "Wir kümmern uns auch um einen Fitnesscoach für die Mädchen, die wir für besonders förderungswürdig halten", sagt er.

Im Nebenraum macht er danach Polaroids, um festzustellen, ob ich dazu gehören könnte. "Knie anwinkeln, jetzt ernst, Mund leicht öffnen". Während ich mich nur darauf konzentriere, auf einem Bein stehend nicht umzukippen, quasselt er auf dem Fotografenpodest: "Endlich einmal eine, die in echt so aussieht, wie auf den Bewerbungsfotos."

Kurz darauf unterschreibe ich stets "ausgeschlafen, gefrühstückt und gut gelaunt" bei möglichen Jobs zu erscheinen. Im Vertrag steht, die Agentur würde die Kosten der Erstellung einer Sedcard vorstrecken und mit Jobs verrechnen. Mein erstes Angebot als eine der besonders geförderten Neueinsteiger, im Vokabular der Agentur "Les Futurettes", ist jedoch unbezahlt: ein Spot für Markenrasierer, gedreht von der Filmakademie Stuttgart.

Köln - Das hat "harrr" zu sein

"Muss ich dir etwa vormachen, wie sexy geht?" Ich fühle mich nackt, dabei trage ich mein luftiges Lieblingskleid. "Das hat mehr harrr zu sein", sagt der Inhaber einer etwas dubiosen Agentur. Er will, dass ich mich endlich vor seinem Objektiv räkele. Angeekelt fliehe ich in die kleine Toilette des für wenige Stunden angemieteten Studios und schlüpfe in meinen wärmenden Pullover. Ob ich denn nicht noch den Vertrag unterschreiben wolle, er könne sich mich sehr gut in seiner Kartei vorstellen. Ich will nicht. "Das geht so nicht, das ist meine Arbeitszeit", ruft er in Richtung Toilette. "Das hier ist kein Einfach-so-mal-Ausprobieren."

Tatsächlich nehmen meine Nachfolgerinnen, eine Lehramtsstudentin und ihre Freundin aus dem Hotelmanagement, die Bewerbung sehr ernst. Sie, beide unter 1,70 m, braungebrannt, frisch gefärbtes Haar, haben sich stylen lassen und dafür 40 Euro bezahlt. Denn es gilt: Ohne dicke Schicht Schminke im Gesicht kein Casting. Die Ehefrau des Inhabers hat noch am Vorabend gegen 23 Uhr Vorher-Nachher-Werbebilder verschickt, um zu zeigen, wie viel "das perfekte Styling" ausmacht. Ich entschied mich für die 20-Euro-Variante - und wurde von der Visagistin mit knallroten Wangen bestraft.

Bald reist das Familienunternehmen mit einer Digitalkamera in das nächste angemietete Studio. Wer Fotodrucke und Bildrechte für seine Sedcard möchte, muss extra zahlen. Wahrscheinlich wäre der Aufwand für die Fotografen, an die diese Agentur auf Nachfrage behauptet zu vermitteln, gar nicht erforderlich. Labels arbeiten mit der Agentur jedenfalls nicht zusammen. Ich hätte mich auch nicht gebucht, wenn jedes Bild schreit: "Nimm die Kamera da weg!"

Wieder zu Hause antworte ich einer Stuttgarter Agentur am letzten Tag meines Versuchs schon gar nicht mehr, als sie mich um Ganzkörperaufnahmen in Wäsche bittet. Das Kapitel "Modeln" ist für mich geschlossen, ich habe genug gesehen von "Heidi Klums Märchenwelt". Zufrieden lümmeln meine Mitbewohnerin und ich uns ins Sofa, denn eigentlich haben wir es ja bereits geahnt: Märchenfiguren müssen vollkommen sein - vollkommen überzeugt davon, auf dem Weg zu ihrem wirklichen Traumjob zu sein.