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Selbstversuch Ost Sächsisch für Anfänger

Seit einem Monat lebt Autor Maximilian Popp, 24, in Sachsen. Und hat ein Problem: Er spricht die Sprache nicht. Also meldete er sich zum Sächsischkurs an der Universität Leipzig an - und lernte Vokabeln wie "Motschegiebschen" oder "Wanstrammeln".

Die Sprachtrainerin nickt mir aufmunternd zu: "Motschegiebschen", sagt sie. "Mo-tsche-gieb-schen". Bitte? "Marienkäfer. Das lernst du auch noch", sagt die Trainerin.

Ich zucke die Schultern. Seit einem Monat lebe ich in Dresden. Ich komme aus Bayern und war zuvor nie länger als ein Wochenende im Osten. Aber ich bin voller guter Absichten: Ich möchte mich integrieren.

Deshalb sitze ich jetzt mit 30 Studenten in einem viel zu engen Seminarraum der Universität Leipzig und pauke Sächsisch: ährlisch, Offe, Blerre. Ehrlich, Affe, dünnes Bier. "Nischt so schüchdorn!", ruft die Trainerin. Sie steht vor einer Schiefertafel und schwenkt Schilder: "Gonsonanden" und "Wogahle" steht darauf.

Für die Uni-Leipzig ist der Sprachkurs ein Marketing-Gag, für Wessis wie mich ist er Überlebenshilfe. In der Werbebroschüre heißt es: "Die Diskrepanz in der innerdeutschen Kommunikation abbauen".

"Wir machen hier keine Comedy", sagt die Trainerin. Jetzt trägt sie Goethes Zauberlehrling auf Sächsisch vor. Goethe geht immer. Das Mädchen neben mir lächelt ratlos. Auf ihrem Pullover klebt ein Button: "Studieren in Fernost". Vor ihr auf dem Tisch liegt ein Block: "Sächsisch lernen". "Ich versteh kein Wort", klagt eine Austauschstudentin aus Amerika. "Ich auch nicht", sagt ihre deutsche Freundin. "Könnten Sie das wiederholen?", fragt ein Fernsehreporter.

"Subba seid ihr!"

Wie gesagt, wir machen hier keine Comedy. Zwei Dutzend Journalisten sind nach Leipzig gereist, um über den Sächsisch-Kurs zu berichten. Kommt schließlich nicht so oft vor, dass Studenten aus dem Westen versuchen, sich im Osten zu integrieren.

Ich male Strichmännchen auf meinen Ordner und hoffe, dass ich nicht aufgerufen werde. Aber es ist wie früher in der Schule: Wer besonders beharrlich auf den Boden starrt, den erwischt es garantiert. "Also", sagt die Trainerin, "jetzt sprechen Sie mir doch mal nach: Sässelfursser. Sä-ssel-fur-sser". Die anderen Studenten lachen sich tot. Immerhin lerne ich ein tolles, neues Wort: Wanstrammeln, also Bauchschmerzen. "Crazy Germans", sagt die amerikanische Austauschstudentin.

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Wir erfahren auch noch etwas über die Sachsen. Sie sind, sagt die Trainerin, selbst Leipzigerin, "gemüdlisch", "distanzlos" und "gaffen gerne". Dann müssen wir aufstehen zur Abschlussprüfung. Wir singen die Säk'sche Lorelei von der Leipziger Heimatdichterin Lene Vogt. "Subba seid ihr!", ruft die Trainerin. Nischt?