Seltsame Studiengänge Runter mit dem Abschluss-Lametta! 

Muss ein Event-Manager studiert haben? Und was soll ein Master-Studium über die Beatles? Kleinststudiengänge und Scheinqualifikationen machen es Firmen schwer, die richtigen Bewerber zu finden, sagt Wirtschaftsingenieur Jörn-Axel Meyer. Mehr Fachkräfte sind zwar nötig - aber bitte nur echte.

Medizin-Vorlesung in Leipzig: Wer hier abschließt, ist Arzt - so einfach kann das sein
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Medizin-Vorlesung in Leipzig: Wer hier abschließt, ist Arzt - so einfach kann das sein


Der Fachkräftemangel ist als Floskel allgegenwärtig - und sie legt nahe, dass es einfach zu wenig gut ausgebildete Menschen in Deutschland gibt. Gerade in wirtschaftlich erfreulichen Zeiten taucht das Wort in jeder zweiten Rede auf: Soll der Aufschwung bestand haben, brauchen wir Fachkräfte, argumentieren Politiker und Wirtschaftsvertreter unisono. Und darum sollen immer mehr Studenten an die Hochschulen strömen und ausländische Abschlüsse leichter anerkannt werden.

Weitere Vorschläge aus dem Repertoire der Fachkräfte-Suchenden: Senkung der Fachanforderungen für bestimmte Berufe, die Akkreditierung weiterer, auch kommerziell ausgerichteter Bildungseinrichtungen für die Vergabe geschützter Grade oder das Ersetzen wissenschaftlicher Vorbildung durch Praxiserfahrung, etwa für den Zugang zu wissenschaftlichen Hochschulen oder zur Promotion.

Den Forderungen ist eines gemein: Dem Mangel soll damit abgeholfen werden, dass möglichst viele Menschen zu Fachkräften werden. Sie sollen möglichst schnell und leicht Abschlüsse und Grade erlangen und die Durchlässigkeit im Bildungssystem soll verbessert werden. Man könnte auch sagen: mehr Schein als Sein.

Bewerber gibt es viele - aber wo sind die guten?

Was wäre die Konsequenz? Unser Land würde mit Titeln, Graden und Abschlüssen überschüttet, die am Ende nicht die erwarteten Fachkompetenzen repräsentieren und zudem kaum mehr zu differenzieren sind. Denn nicht der Titel, sondern Kompetenz und Qualität der Ausbildung machen die Fachkraft, so abgenutzt das Wort auch ist.

Und hier liegt auch das größte Problem des Fachkräftemangels: Wie viele Unternehmer aber auch Personalberater derzeit bemängeln, leiden Unternehmen nicht unter zu wenig Bewerbern für ihre Stellen, sondern es fehlt an guten, geeigneten Kandidaten - der Fachkräftemangel ist qualitativer Natur.

Dieses Klagelied über ach so unfähige Bewerber ist überhaupt nicht neu, bekommt aber in Zeiten der Kommerzialisierung der Ausbildung und dem Druck durch den Fachkräftemangel neue Nahrung.

Das Streben der Hochschulen nach schnellerem Studium, mehr Studenten und damit vereinfachtem Zugang lässt manchen Studiengang zu verschulter, fachlich enger und ausschließlich auf die Wissensvermittlung ausgerichteter Ausbildung mutieren, statt Denken, Urteilskraft und akademische Grundwerte zu vermitteln, die heute wichtiger sind denn je.

Von Beatles-Diplom bis Acupressure-Master

In letzter Zeit wurden immer wieder einige der im Zuge des Bologna-Prozesses eingerichtete Master- und Bachelor-Studiengänge kritisiert - aber wo die neuen Abschlüsse gut gemacht sind, stellen sie kein Problem dar.

Unmöglich sind dagegen neue Studiengänge und Abschlüsse, deren akademischer Anspruch a priori hinterfragt werden muss und die teils nach bloßen Fantasieabschlüssen klingen: etwa der Master-Studiengang "The Beatles, Popular Music and Society" der privaten Liverpool Hope University für ein 4000 Euro teures Zwölf-Monats-Studium. Es geht aber auch weniger versponnen - und die Frage muss erlaubt sein: Erfordert die Ausbildung zum Event-Manager ein wissenschaftliches Studium?

Auf anderen Ausbildungs-Ebenen jenseits der Hochschulen finden sich ebenso sonderbare Titel, die zudem eine Nähe zu den Uni-Abschlüssen vorgaukeln: wie der Diplom-Freizeitbetreuer oder Master of Accupressure. Hinzu kommen noch unzählige Abschlüsse und Titel, die im Ausland vergeben werden und bei denen uns die Bedingungen ihres Erwerbs noch weniger bekannt sind als bei unseren. Besondere Sorgfalt ist also bei deren Anerkennung geboten, ein weiteres Problem.

Zu diesem Wildwuchs kommt es, weil viele gewinnorientierte Ausbildungsstätten oder auch Privatpersonen vermeintliche Abschlüsse und Grade vergeben, die nicht geschützt sind, aber den Eindruck einer Fachkraft vermitteln sollen.

Mehr Schein als Sein

Der "Betriebswirt" etwa ist nicht geschützt, der Diplom-Betriebswirt schon. Auch hübsch und oft bedeutungslos: die kleinen Wörtchen "anerkannt" und "zertifiziert", etwa beim zertifizierten Knigge-Trainer. Wer da geprüft oder zertifiziert hat, wer "diplomiert" oder gar den "akademisch geprüftem Kaufmann" abgesegnet hat, bleibt meist undurchsichtig.

Das ist zuerst ein Problem für Unternehmen, die mitunter die Qualität der Bewerber nur schwer beurteilen können. Aber es stellt auch jeden Bürger vor die Schwierigkeit, weil er den Fachmann vom Schaumschläger und Scharlatan unterscheiden muss. Nicht zuletzt leidet aber auch der mit einem ambitionierten Titel gesegnete Absolvent, wenn er sich selbst überschätzt. Was nützt es denn, wenn in Deutschland Schulen, die bereits ihre Schüler "Students" nennen, bei Erlangen des Schulabschlusses Talare verteilen? Ein schönes Brimborium sicherlich, aber es ist andererseits doch einfach nur der Schulabschluss.

Was tun? Wir brauchen nicht mehr und keine neuen Grade, Abschlüsse und Titel. Die bisherigen müssen vielmehr eindeutiger und besser differenzierbar sein. Es ist sinnlos, viele unterschiedliche Ausbildungsniveaus unter einem gemeinsamen oder ähnlichen Begriff zu verpacken, aus dem die Unterschiede nicht ersichtlich werden. Statt die Zugangsbedingungen und das Ausbildungsniveau zu senken, um höhere Absolventenzahlen zu erreichen, sollten die darunter liegenden Bildungsebenen gestärkt und Bewerber dorthin geleitet werden. Aufeinander aufbauende Bachelor- und Master-Studiengänge, wie auch die Förderung der Handwerksberufe sind da die richtigen Schritte.

Darunter soll auf keinen Fall die Durchlässigkeit des Bildungssystems leiden und niemand darf in seine Ambitionen oder Wünschen gebremst werden. Allerdings sind allgemein verbindliche, auch inhaltlich definierte Zugangsvoraussetzungen für jede Ausbildung unerlässlich.



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