Seltsame Terror-Folge Run auf die Islamwissenschaften

An den Hochschulen boomen im Wintersemester Islamwissenschaften und Arabischkurse. Viele Studienanfänger scheitern jedoch an den Sprachanforderungen. Wer bis zum Examen durchhält, hat gute und vielfältige Jobchancen - zum Beispiel beim Geheimdienst.
Von Marion Schmidt

Seit dem 11. September ist vieles anders, und eine Frage, sagt der Student Christian Saßmannshausen, wird ihm und seinen Kommilitonen im Fach Islamwissenschaft seitdem nicht mehr gestellt: Was willst Du mit diesem Studium bloß machen?

Das Orchideenfach liegt im Wintersemester plötzlich im Trend: Die Institute werden von Erstsemestern geradezu überrannt, an einigen Hochschulen hat sich die Zahl der Studienanfänger gar verdoppelt. Nach den Terroranschlägen in den USA und mit dem Krieg in Afghanistan ist das Interesse am Islam auch in Deutschland gewachsen. Und nicht nur Eltern erkennen jetzt, wie wichtig ein Islam-Experte mit Examen sein kann.

Christian Saßmannshausen schrieb sich vor fünf Jahren an der Mainzer Uni für Islamwissenschaft ein - gegen den Widerstand seiner Eltern, die ihren Sohn schon als diplomierten Taxifahrer sahen. Doch der heute 27-Jährige hatte sich schon immer für Geschichte interessiert und mit dem Nahost-Konflikt beschäftigt. Er wollte einfach mehr wissen über Palästina und die Region.

Erstsemester rechnen sich gute Chancen aus

Über einen Job hat er damals nicht nachgedacht. Jetzt braucht sich Saßmannshausen, der mittlerweile an der FU Berlin studiert und dort als Tutor arbeitet, darum wohl auch keine Gedanken mehr machen. In seinem Tutorium hat er überrascht festgestellt, dass die meisten Erstsemester jetzt mit ganz konkreten beruflichen Vorstellungen an die Uni kommen. "Viele meinen, dass in Wirtschaft, Politik und Medien aufgrund des aktuellen Interesses mehr Bedarf besteht," sagt er. "Und sie glauben, sich mit ihrem Wissen dort einbringen zu können."

Tatsächlich haben Islam-Experten offenbar bessere Berufschancen als Absaolventen anderer philologischer oder kulturwissenschaftlicher Studiengänge. "Die Arbeitsmöglichkeiten sind gut", sagt die Islamwissenschaftlerin Monika Gronke von der Uni Köln, "es gibt kaum Arbeitslose." Das mag jedoch auch an der - noch - geringen Anzahl von Absolventen liegen: Bundesweit nur 57 Islamwissenschaftler schlossen im letzten Wintersemester ihr Studium ab, weitere 29 waren es im Fach Orientalistik, 23 in der Arabistik.

Der Schwund in den Fächern ist sehr hoch, mitunter schafft gerade mal einer aus einem Jahrgang den Studienabschluss. Die Hamburger Absolventin Katrin Nesemann erzählt, sie habe 1992 mit 35 Kommilitonen das Studium begonnen, nur vier hätten schließlich das Examen gemacht. Und das oft auch erst nach langem Studium: Die Hälfte aller Studierenden braucht 16 und mehr Semester bis zum Abschluss, ein Drittel sogar über 18 Semester, wie eine Studie des Wissenschaftsrates zeigt.

Bald wird das Vokabelpauken anstrengend

Das liegt vor allem an den Fremdsprachen. Arabisch ist Pflicht für alle Studenten; wer Islamwissenschaft im Hauptfach studiert, muss zudem meist Persisch oder Türkisch lernen. Viele Studienanfänger, fast die Hälfte muslimischen Glaubens, sind aber reichlich ahnungslos, nur oberflächlich interessiert und unterschätzen die hohen Anforderungen, weiß die Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer. Wenn ihnen das Vokabelpauken zu anstrengend wird oder sie merken, dass im Fach nicht nur aktuelle Themen behandelt werden, werfen viele das Handtuch.

Wer jedoch bis zum Examen durchhält, hat gute und vielfältige Jobaussichten. Die Sprach- und Kulturkenntnisse, oft verbunden mit Auslandserfahrung, sind besonders bei internationalen Unternehmen, Hilfsorganisationen und im diplomatischen Dienst gefragt. Politische Stiftungen, Verlage und neuerdings auch Schulen suchen ebenfalls Islam-Experten.

"Der Berufseinstieg läuft meist über Kontakte, die man während des Studiums im Ausland und bei Praktika geknüpft hat", erzählt Katrin Nesemann. Sie ließ sich zunächst beim Deutschen Institut für Entwicklungspolitik zur Projektleiterin bei internationalen Hilfsorganisationen ausbilden und arbeitet jetzt in Berlin bei der weltgrößten Kommunikationsberatung. "An der Uni", sagt die 29-Jährige, "wird man auf das Berufsleben überhaupt nicht vorbereitet, die Professoren sind völlig weltfremd."

Wenig Interesse am Schlapphut-Job

Ohne Eigeninitiative hätte auch Nadia Romani ihren Job nicht gefunden, obwohl sie immerhin Wirtschaft und Arabistik studiert hat. Ihre Diplomarbeit schrieb die 29-Jährige in Ägypten. Und dort blieb sie auch gleich hängen. Drei Jahre lang war sie als Projektleiterin bei der Deutsch-Arabischen Handelskammer in Kairo: "Wer in der Region arbeiten möchte, muss auf jeden Fall dorthin gehen und sich vor Ort um einen Job kümmern."

Für Berufsanfänger, zumal als Frau, ist das in einigen arabischen Ländern nicht gerade einfach. Aber: "Die Chancen sind gut und werden noch steigen", ist Gudrun Krämer von der FU überzeugt, "die Sprach- und Kulturkompetenz ist gefragt."

Sogar der Bundesnachrichtendienst habe sich schon bei ihr gemeldet. Die Geheimdienstler suchen - ähnlich wie in den USA - jetzt verstärkt Islam-Experten zur Auswertung von Informationen. Aber bei den Absolventen gebe es eine "gewisse Abwehr gegen dieses Gewerbe", sagt Gudrun Krämer, "die haben sich schließlich aus anderen Gründen für ihr Studium entschieden."

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