Semesterstart des Uni-Losers Leistungsverweigerer, vereinigt euch

Zweimal ist er gescheitert, jetzt traut sich Felix Dachsel, 26, zum dritten Mal an eine Uni. Wenigstens braucht er keinen Psychologen mehr, denn Netz-Kommentatoren raten dem Uni-Loser: Sei endlich ein wertvoller Teil der Gesellschaft!


An diesem Montag geht das Semester los: Die Universität ist mir täglich näher gekommen, ohne dass ich das Gefühl hatte, ihr ausweichen zu können. Mein dritter und letzter Versuch. Vor ein paar Nächten hatte ich einen Traum: Ich stand in einer Bibliothek und musste ein Buch ausleihen, Habermas. Ich ging über Emporen bis ich in einen Lesesaal kam.

An kleinen Tischen saßen Studentinnen, die ihre Köpfe über Bücher gebeugt hatten. Wie zum Kommando hoben sie ihre Köpfe. Sie hatten übergroße Volvic-Flaschen neben sich stehen. Auf den Etiketten las ich zwei Sätze: Für gesunde Menschen, für ein gesundes Leben. Ich rannte weiter, in den nächsten Saal.

Dort saßen Studenten an kleinen Tischen, sie gabelten Nudeln mit Ketchup aus kleinen Tellern, sie sahen mich herausfordernd an. "Ich suche Habermas", sagte ich. "Erläuterungen zur Diskursethik." Doch sie antworteten nicht.

Ich flüchtete mich in eine Kammer, in der Männer in Roben saßen, sie hielten Holzhämmer in ihren Händen. "Zu befinden ist über den Antrag des Volkes, den Angeklagten von der Universität auszuschließen", sagte einer der Richter. Während er seinen Holzhammer auf den Tisch sausen ließ, wachte ich auf.

Sobald ich am Rechner saß, ergriff mich die Trägheit

Beim Frühstück erinnerte ich mich an einen Tag im Winter 2009. Ich studierte damals Politik- und Islamwissenschaft, mein zweiter Versuch an einer deutschen Hochschule. Ich saß in der Uni-Bibliothek Freiburg und musste eine Hausarbeit abgeben. Doch statt zu schreiben, sah ich zu, wie sich hinter den Fenstern eine Regenwolke im Schwarzwald verfing. Im 15-Sekunden-Takt aktualisierte ich auf meinem Notebook SPIEGEL ONLINE. Doch die Nachrichten blieben dieselben. Sie bewegten sich nicht.

Die Welt stand still.

Ich ging vor die Tür und rauchte, ich holte mir Kaffee. Doch sobald ich mich wieder gesetzt und das Notebook aufgeklappt hatte, sobald der Cursor wieder blinkte, ergriff mich wieder die Trägheit. Ich saß dort fünf Stunden, vielleicht sechs, ohne ein Wort, ohne nur einen Buchstaben zu tippen. Ich nahm mein Handy und vereinbarte einen Termin beim Uni-Psychologen. Zwei Wochen später hatte ich die Hausarbeit fertig.

Neuerdings brauche ich keinen Uni-Psychologen mehr, es gibt ja die Leser von SPIEGEL ONLINE, und es gibt die Nutzer von Twitter. Sie haben starke Meinungen. Sie kommentieren von morgens bis abends, auch unter meiner letzten Kolumne haben sie das intensiv getan. Dafür will ich danken. Ich lese diese Kommentare. Zum einen, weil es eine weitere Beschäftigung ist, die mir dabei hilft, Dinge nicht zu tun, die ich eigentlich tun sollte. Zum anderen, weil diese Beratung kostenlos ist.

Leser "barney 9" empfiehlt zum Beispiel: "Lerne einen ordentlichen Handwerksberuf oder werde Kaufmann, dann bist du auch ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft und leistest deinen Beitrag zum Bruttosozialprodukt." Ich habe diese Möglichkeit erwogen. Aber es gibt Einwände, zum Beispiel die des Lesers "al2510", der schreibt: "An der Uni ist er harmlos, im Krankenhaus und an der Werkbank wird er für sich selber und für die Anderen zum Risiko."

Lasst uns eine Partei der Leistungsverweigerer gründen

Leser "outwiper" hingegen empfiehlt mir die Werkbank. Er kommentiert: "Gehen Sie lieber wieder arbeiten und blockieren sie nicht einen Platz." Der Leser "deutscher_demokrat" erkennt ein systemisches Problem: "Was ich weiß, dass es tatsächlich Hunderttausende solcher Dachsels gibt und die Gesellschaft für deren Lebensweg tatsächlich mit verantwortlich ist, weil sie es duldet."

Diesem Leser will ich danken: Ich weiß jetzt, dass ich nicht allein bin. Und die Hunderttausende solcher Dachsels rufe ich auf, sich bei mir zu melden. Wir sollten eine Partei der engagierten Leistungsverweigerer gründen. Die FDP ist am Boden, das ist jetzt unsere Epoche.

Ich war inzwischen mal an der Leipziger Uni. Eine Freundin zeigte mir die Bibliothek. Wir gingen durch eine Drehtüre, schritten unter einer majestätischen Kuppel in das Gebäude. Ich sah Wandgemälde, Skulpturen, hohe Türen. Links saßen einige Studenten und tranken Kaffee, sie sahen entspannt aus.

Alles war hell und freundlich. "Alles gut?", fragte meine Begleiterin, und ich nickte: Alles gut.

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Leser161 14.10.2013
1. Was ist die Message?
Lieber Autor, was ist die Message? Sollen wir Sie lieb haben? Wollen Sie allen Leistungsgläubigen zeigen das Sie etwas Besseres sind? Wollen Sie allen, die Ihr Problem haben Mut machen? Wollen Sie mit Ihrem trollen nur 'Klick-Quote' machen? Unabhängig davon was Ihre Message ist, schlage ich vor, dass Sie in sich gehen und überlegen, was Ihnen Freude bereitet und sich dann eine entsprechende Tätigkeit/Ausbildung suchen. Falls trollen Ihnen Freude bereitet, Glückwunsch, Sie haben Ihre Berufung gefunden. Überreissen Sie s aber nicht, sowas wird schnell ignoriert.
Xeno87 14.10.2013
2. Was soll man dazu sagen?
Die Uni ist keine Schule, wo man Sachen macht, die man nicht will, weil man muss. Die Uni ist für die Dinge, die man tun will. Wenn jemand an der Uni nicht zurechtkommt, liegt das daran, dass er es nicht will. Wer nicht weiß, was er will, sollte sich darüber klar werden, auf welchem Weg auch immer. Denn sonst ist man nur der Spielball für (Berufs-)Wünsche anderer.
TangoGolf 14.10.2013
3. Fast unverschämt
Es ist eine echte Qual, diesen Beitrag zu lesen. Ich freue mich aber sehr, wenn Sie alle Kommentare dazu durchgehen, also auch diesen hier. Es gibt tatsächlich Leute, die müssen ihr Studium weitgehend selbst finanzieren, teilweise zahlen sie (oder haben es zumindest mal) Studiengebühren. Wie können Sie in diesem doch arg süffisantem, fast arrogantem Ton hier so daherschwafeln, wobei man merkt, dass Sie das in irgendeiner Weise auch noch "toll" zu finden scheinen? Wenn Sie nicht eine Politikerkarriere bei den Grünen beginnen möchten, dann sollten Sie sich schon in gewisser Weise schämen, zumindest aber nicht einen solchen Artikel schreiben, in dem sie sich über "hunderttausende" Leistungsverweigerer freuen. Ich kenne aus meiner Studienzeit genügen Kommilitonen, die wirkliche Probleme vom Lernen abgehalten haben - Sie hingegen scheinen keine echten Probleme zu kennen und daher wohl auch keinen Druck zu verspüren. Das ist toll für Sie. Aber bitte nicht auf Kosten derer, die Ihren Studienplatz finanzieren - übrigens auch der Steuerzahler.
LinkesBazillchen 14.10.2013
4. Er soll sein was er will, aber...
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEZweimal ist er gescheitert, jetzt traut sich Felix Dachsel, 26, zum dritten Mal an eine Uni. Wenigstens braucht er keinen Psychologen mehr, denn Netz-Kommentatoren raten dem Uni-Loser: Sei endlich ein wertvoller Teil der Gesellschaft! http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/semesterstart-uni-loser-felix-dachsel-beginnt-das-studium-a-927299.html
Er soll sein was er will, aber er soll später andere mit seinem Quatsch nicht belästigen, wenn seine Loser-Ausbildung abgeschlossen hat, um dann sein Loser-Leben beginnt. Jammern für Master-Loser nicht erlaubt.
mariowario 14.10.2013
5. Die Gesellschaft hat ihn nicht verdient - den Dachsel, Felix
Mittlerweile bin ich selbst 50 und wurde von meiner Bank gegen Abfindung ausgebotet, daher sehe ich die Sachlage zwiespältig: a) Die Universität fördert keine konstruktiven Denkprozesse und sollte eigentlich nur bis zum 14. Lebensjahr besucht werden (vermutlich sah das zu Heisenberg's Zeiten noch anders aus). b) Die Leistung ist in jedem Fall unabhängig vom Verdienst - ist man von Beruf Sohn, dann sollte man sich damit zufrieden geben und die Lebenszeit mit der Erforschung der eigenen Interessen 'vergeuden' (es gibt genug Leute die einem erzählen wollen was man zu tun hat). c) Die Reproduktion der eigenen Gene ist schon wichtiger als irgendwelche abstrakte Aufgabenstellungen zu erfüllen (oder sich in Lebensgefahr zu bringen wie diese Brausetrinker die sich mit großen Windjacken von den Bergen herabstürzen).
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