Seminarrauswurf an Unis Das Studium als Lotterie

Frech und konstruktiv zugleich wehren sich Studenten gegen Radikalauslese in der Lehre. Bei Seminarrauswurf.de kann man sich einen "Rauswurfschein" holen. Alexander Vasil vom Gießener Asta erklärt im Interview, was die Homepage bewirkt. SPIEGEL ONLINE ist einigen Fällen nachgegangen.


Die "Reise nach Jerusalem" ist Kinderkram gegen die Zustände an deutschen Unis. Mehr als 250 Interessenten für ein Seminar mit 40 oder 50 Plätzen - das ist an vielen Hochschulen längst normal. "Alle unter dem sechsten Semester mussten gehen", beschreibt eine Teilnehmerin auf der Seite www.seminarrauswurf.de die Praxis der Radikalauslese. Andere Professoren setzten auf Losverfahren oder monatelang vorher ausgehängte Anmeldelisten. Trotzdem müssen Einführungsvorlesungen für die ersten Semester manchmal noch mit mehreren hundert Zuhörern abgehalten werden.

Studentenvertreter Vasil: "Ein Fall für die Geld-zurück-Garantie"

Studentenvertreter Vasil: "Ein Fall für die Geld-zurück-Garantie"

Alexander Vasil, 29, studiert Philosophie und Politologie. Beim Asta der Uni Gießen ist er Projektleiter für die Rauswurf-Webseite. Anmeldelisten, Losverfahren, elektronische Buchungssysteme für die Seminarteilnahme - die Liste der Rausschmiss-Möglichkeiten an den vollen Unis ist groß. Auf der bundesweiten Protest-Homepage werden solche Fälle gesammelt - bei zwei davon hat SPIEGEL ONLINE nachgehört und weitere Fälle gesammelt (siehe unten).

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrer Homepage kann man Seminarrauswürfe melden, und sich einen "Rauswurfschein" zuschicken lassen. Ist das nicht ein zynischer Trost für Studenten, die an der Uni nicht ins Wunschseminar gekommen sind?

Alexander Vasil: Gar nicht, das hat sogar einen praktischen Wert. Wer Bafög bekommt oder Studiengebühren bezahlt, muss ja in bestimmten Zeiträumen sein Studium absolvieren. Das geht aber nicht, wenn man aus einem Seminar fliegt, weil es zu voll ist. Mit dem Rauswurfschein kann man sich genau das bescheinigen lassen - und damit etwa gegenüber dem Bafög-Amt nachweisen, dass man die Verzögerungen nicht selber zu verantworten hat. Das könnte aber auch ein Fall für die Geld-zurück-Garantie sein, wie sie etwa im nordrhein-westfälischen und hessischen Studiengebührengesetz vorgesehen ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollte ein Dozent einen solchen Rauswurfschein unterschreiben?

Vasil: Weil er dadurch keine Nachteile hat, sondern nur dokumentiert, dass es in seinem Seminar eine viel zu große Nachfrage gibt. Es gefällt den Professoren ja auch nicht, wenn da in einer Veranstaltung ein paar hundert Leute auf den Fensterbänken und dem Boden hocken. Und wir wollen mit unserer Aktion niemanden persönlich angreifen, sondern die strukturelle Unterfinanzierung und gleichzeitige Überfüllung der Hochschulen dokumentieren, damit die Studentenvertretungen vor Ort besser mit ihren Rektoraten verhandeln können.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Hochschulen machen schon mit?

Vasil: Seit diesem Semester können Studierende aus über 300 deutschen Hochschulen ihre Rauswürfe bei uns melden. Und in den ersten Wochen des Wintersemesters sind auch schon weit über 1000 Einträge von über 50 Hochschulen eingegangen. Das ist also wirklich kein vereinzeltes Problem mehr, sondern zeigt, dass wir es mit einem grundsätzlichen und flächendeckenden Systemfehler zu tun haben, unabhängig vom Bundesland. Da muss die Bildungspolitik endlich reagieren.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich wie?

Vasil: Zum Beispiel mit mehr Geld für die Hochschulen, anstatt immer nur die sinkende Studienquote zu beklagen, ohne etwas für die bessere Ausstattung der Unis und Fachhochschulen zu tun. Denn wenn die Studienordnung bestimmte Veranstaltungen vorschreibt, dann sind die Unis auch verpflichtet, diese Veranstaltungen oder einen gleichwertigen Ersatz anzubieten. Dazu muss man sie aber auch in die Lage versetzen. Wir wissen, dass meist nicht die Rektoren oder Dekane für die Probleme verantwortlich sind. Mit denen wollen wir lieber konstruktiv diskutieren und nach Lösungen suchen.

SPIEGEL ONLINE: Und die diskutieren auch mit ihnen?

Vasil: Aber klar doch. Nicht mit uns persönlich natürlich, aber mit den Asten und Studentenvertretern vor Ort. An manchen Unis wurden schon ganz brauchbare Zwischenlösungen gefunden, so dass die jetzigen Studenten zumindest kein Semester verlieren. Aber das ändert natürlich nichts an der Ursache des ganzen Ärgers: Wir haben in Deutschland rund eine Million Studienplätze, aber zwei Millionen Studenten. Und es sollen in den nächsten Jahren ja noch mehr werden, bis zu 2,7 Millionen - da müssen dann theoretisch auch ein paar hunderttausend neue Studienplätze her. Und um das auch gleich ganz klar zu machen: Studiengebühren sind keine geeignete neue Geldquelle für die Hochschulen - das sind schlicht Steuererhöhungen für Familien mit Kindern.

Das Interview führte Armin Himmelrath


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