Seminartexte im Netz Unis einigen sich mit VG Wort

Es bleibt dabei: Digitale Seminartexte können auch weiterhin im Netz zur Verfügung gestellt und von Studenten heruntergeladen werden. Hochschulen, Länder und Urheber haben das jetzt offiziell beschlossen.

Studentin am Kopierer
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Studentin am Kopierer

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Texte auf der Uni-Lernplattform im Netz suchen, runterladen, ausdrucken oder bearbeiten - bisher war das der Normalfall für Studenten. Und rechtlich auch kein Problem: Durch eine Pauschalvereinbarung zwischen den Ländern und der VG Wort, die die Rechte der Urheber vertritt, war die digitale Nutzung legal.

Rund 2,1 Millionen Euro pro Jahr überweisen die Bundesländer dafür an die VG Wort - unabhängig davon, wie viele Texte tatsächlich von Dozenten hochgeladen und von Studenten genutzt werden. Doch der Bundesgerichtshof hatte diese Pauschale beanstandet und eine Einzelregelung gefordert.

Wie die aussehen könnte, darum hatte es monatelangen Streit gegeben. Der Plan, pro Student, Textseite und Semester 0,008 Euro abzurechnen, war von Unis und Fachhochschulen boykottiert worden - die Erfassung sei zu teuer und umständlich. Zwischenzeitlich sah es sogar so aus, als müssten die Studenten ab Januar 2017 wieder verstärkt Texte aus Büchern herauskopieren.

Nach heftigen Protesten von Studenten und einer Online-Petition mit fast 90.000 Unterschriften zeichnete sich dann vergangene Woche eine Lösung ab - und wurde nun, gewissermaßen als Weihnachtsgeschenk an die Studenten, auch offiziell besiegelt. Hochschulrektorenkonferenz, Kultusminister und die VG Wort unterzeichneten eine Grundsatzvereinbarung, nach der es für die ersten neun Monate des Jahres 2017 letztmalig eine Pauschalzahlung für digitale Seminartexte gibt.

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Studenten können damit alle Texte auch nach dem 1. Januar weiterhin digital nutzen. Die Empfehlung etwa der Uni Köln, "vorsorglich alle Dokumente, die für Ihre Arbeit wichtig sind, bis zu diesem Datum auf Ihre Rechner herunterladen", ist damit hinfällig.

Außerdem wird eine kleine Arbeitsgruppe ein neues Verfahren entwickeln, um die Abrechnung auch in Zukunft juristisch wasserdicht zu gestalten. Dafür gibt es einen ambitionierten Zeitplan: Bis Ende Januar wird bereits ein Grobkonzept entwickelt, Mitte März soll die neue Regelung endgültig stehen. Ausdrücklich betont wird in der Vereinbarung, dass auch Studenten in dieser Arbeitsgruppe mitwirken können.

Holger Burckhart, Rektor der Uni Siegen und Vize-Präsident der HRK, zeigte sich erleichtert: "Damit haben wir die notwendige Zeit gewonnen, um einen guten Kompromiss zu finden."

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insgesamt 6 Beiträge
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midnightswim 23.12.2016
1. Eine Posse sondergleichens
Im 21. Jahrhundert sowas lesen zu müssen, macht mich sprachlos. Da haben sich ein ganz paar Leute tüchtig blamiert.
mcbarby 23.12.2016
2. Abstrus
Schon die gerichtliche Beanstandung der bisherigen Verfahrensweise ist eine Farce. Die Behauptung, es gehe um Urheberrechtsschutz ist m.E. schlichtweg falsch. Es geht ausschließlich um Verwerterrechtsschutz! Die Urheber (Autoren), sehen doch von derlei Geldern wenig bis nichts. Ich verstehe auch nicht, warum man überhaupt auf einen Gerichtsentscheid reagiert - so hat doch z.B. das Bundesverfassungsgericht schon vor Jahren festgestellt, dass das bei der Bundestagswahl angewendete Wahlverfahren nicht verfassungsgemäß und somit illegal ist. Das stört doch auch niemanden!
kpfeilst 23.12.2016
3. Ein 'freedom' of information act'...
würde da helfen und! was die VG Wort dabei zu sagen hat ist mir schleierhaft, denn als wissenschaftliche Authoren bezahlen wir (bzw. der Steuerzahler) ja für das Publizieren (auch bei open access Journalen). Jedenfalls wenn man in und zu Vorlesungen und Seminaren, bzw. in den Arbeitsgruppen nicht mehr elektronisch verfügbare Publikationen verteilen darf, können wir Dozenten und die Studenten gleich einpacken.
spmc-12355639674612 23.12.2016
4. Haben wir im Prinzip doch
Zitat von kpfeilstwürde da helfen und! was die VG Wort dabei zu sagen hat ist mir schleierhaft, denn als wissenschaftliche Authoren bezahlen wir (bzw. der Steuerzahler) ja für das Publizieren (auch bei open access Journalen). Jedenfalls wenn man in und zu Vorlesungen und Seminaren, bzw. in den Arbeitsgruppen nicht mehr elektronisch verfügbare Publikationen verteilen darf, können wir Dozenten und die Studenten gleich einpacken.
Das nennt sich "Freiheit der Wissenschaft". Ich persönlich habe für das Publizieren bisher nie etwas gezahlt, sondern höchstens Honorare erhalten. Wenn ein Verlag involviert ist, treten die Autoren ihr Hauptrecht an ihrem Werk i.d.R. per Vertrag an den Verlag ab, der ihnen einmal jährlich die Abrechnung präsentiert. Natürlich sind die meisten Bücher (besonders die wissenschaftlichen) keine Bestseller und man erhält vom Verlag relativ wenig. Daher ist man "Wahrnehmungsberechtigter" bei der VG-Wort, von denen man pro Buch (oder pro Seite eines Papers) einen bestimmten Betrag erhält, wenn es ausreichend verbreitet (d.h. in mehreren Bibliotheken verfügbar) ist. An die VG-Wort tritt man das Recht ab, die Rechte zu verwerten, die nicht beim Verlag liegen (also Kopien, Bibliotheksausleihe, Verfilmung etc.), sonst müsste man das Geld ja selbst eintreiben, was de facto unmöglich ist. Was Sie selbst geschrieben und wofür sie das Urheberrecht haben, dürfen Sie übrigens immer kopieren und verteilen. Wie sich aber das Gericht eine nutzungsabhängige Abrechnung vorgestellt hat, würde mich auch brennend interessieren. Ich glaube jedenfalls nicht, dass eine allgemeingültige Lösung in ein paar Monaten auf die Beine zu stellen ist. Ich glaube aber, auch der VG-Wort wäre eine pauschale Lösung wesentlich lieber, weil unkomplizierter. Aber kommen Sie doch einfach zur nächsten Wahrnehmungsberechtigtenversammlung und fragen Sie nach!
whentheygetlowwegethigh 25.12.2016
5. Keine Einigung nur vertagt ...
Eine Einigung ist leider nicht in Sicht - für 2017 dürfen zwar wie gehabt Veröffentlichungen (sofern Lehrende selber Zugang haben) Studenten und Schülern auch elektronisch zur Verfügung gestellt werden. 2018 ist dann alles wieder wie gehabt - es sei denn die VG-Wort läßt sich wieder auf eine Pauschale ein, was rechtlich schwierig ist. Wir brauchen einen freedom-of-Information-act wie in den USA, der es Lehrenden grundsätzlich ermöglicht Studenten und Schülern urheberrechtlich geschütztes Material innerhalb eines Kurses oder einer Klasse zur Verfügung zu stellen.
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