Seniorenstudenten Immer pünktlich und immer in der ersten Reihe

Die Zahl der älteren Semester an deutschen Hochschulen ist in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen. Der Ansturm der Alten führt häufig zu Konflikten mit regulären Studenten - vor allem die ewige Besserwisserei nervt.


Wissbegierig: Rüstige Rentner
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Der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel hat es vor, und TV-Moderator Michel Friedman ist schon eifrig dabei: Sie verwirklichen einen alten Traum und drücken nach vielen Berufsjahren noch einmal die harte Hörsaalbank. Die beiden sind keine Einzelfälle: Rund 38.900 Gaststudenten waren im vergangenen Wintersemester in den deutschen Hochschulen eingeschrieben - rund ein Fünftel mehr als noch vor zehn Jahren.

Vor allem bei Senioren ist das Gaststudium, für das keine Hochschulreife nötig ist, sehr beliebt. Mit mehr als 18.000 Studierenden machen die über 60-Jährigen mittlerweile fast die Hälfte aller Gaststudenten an deutschen Unis und Fachhochschulen aus. Und sie werden im Durchschnitt immer älter: Lag das Durchschnittsalter vor zehn Jahren noch bei 43 Jahren sind es mittlerweile 51.

Beliebt ist vor allem der Fachbereich Geschichte mit 5100 Belegungen im vergangenen Wintersemester, gefolgt von Wirtschaftswissenschaften mit 3900 und Rechtswissenschaften mit 2800 Belegungen.

Bei jüngeren Kommilitonen nicht unumstritten

Bei Professoren und "normalen" Studenten stößt das Phänomen angesichts klammer Kassen und überfüllter Unis nicht immer auf Zustimmung. Und auch auf den ausbleibenden volkswirtschaftlichen Nutzen wird immer wieder verwiesen, da die Studenten ihr Wissen beruflich ja nicht mehr verwerten können.

Füllen die Hörsäle: Senioren bei einer Vorlesung
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Auch das Auftreten einiger Senioren sorgt bei jüngeren Kommilitonen zum Teil für Unmut, wie Mechtild Kaiser von der Kontaktstelle Studium im Alter an der Universität Münster berichtet. So gebe es immer wieder Klagen über Senioren, "die meinen, während der Veranstaltungen ihre Erfahrungen kundtun zu müssen, obwohl dafür nicht der Raum ist", sagt Kaiser.

Und auch der Studieneifer ihrer älteren Kommilitonen wird von manchem jüngeren Student mit Unmut beäugt. Weil sie oft jede Menge Zeit haben, kommen die Senioren nämlich oft schon sehr früh zu den Vorlesungen und richten sich dort - nach dem Motto "wer zuerst kommt, mahlt zuerst" - in den ersten Reihen ein. Pech für die anderen Studierenden, die wegen ihrer engen Stundenpläne oft deutlich später kommen und dann mit den "billigen Plätzen" vorlieb nehmen müssen.

Mehr Zeit zur Vorbereitung

Und auch bei der Vorbereitung auf Referate haben die Älteren sowohl zeitlich als auch im Hinblick auf Material und finanzielle Ressourcen häufig bessere Karten, was das Niveau mancher Veranstaltungen bestimmt hebt. Bei den anderen Studenten, die jedes Semester eine Vielzahl von Seminaren zu absolvieren haben, weckt die Konkurrenz jedoch nicht immer Begeisterungsstürme.

Computer-Kurs: Nur wenige Alte schreiben sich regulär ein
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Völlig kostenlos ist der Traum vom Studium für die Senioren in den seltensten Fällen: In Bayern müssen Gaststudenten zwischen 50 und 100 Euro pro Semester berappen, in Baden-Württemberg sind es je nach Uni zwischen 25 und 150 Euro. In Frankfurt werden für die erste Vorlesung 100 Euro und für jede nächste 50 Euro fällig - bis zu einem Maximalbetrag von 500 Euro.

In Münster wurde die Semestergebühr für das Studium im Alter vor einiger Zeit von 37,50 Euro auf nun 75 Euro erhöht. Dass die Gebühren - neben Fahrt- und Materialkosten - für die Älteren durchaus ein Kostenfaktor sind, zeigte die Entwicklung in Münster. Nach der Verdoppelung der Gebühr ging die Zahl der Gasthörer um rund 500 Personen zurück, wie Kaiser berichtet.

Knick durch erhöhte Gebühren

Auch bundesweit war im vergangenen Jahr nach längerem kontinuierlichen Anstieg ein Knick bei den Gasthörerzahlen zu verzeichnen: So sank die Zahl der Gaststudenten von 44.800 im Wintersemester 2003/2004 auf 38.900 im vergangenen Jahr. Grund dafür war nach Experten-Einschätzung unter anderem die Einführung oder Erhöhung von Studiengebühren an vielen Universitäten.

Die Zahl der Studierenden, die es im Alter noch einmal richtig wissen wollen und sich für ein reguläres Studium einschreiben, ist im Vergleich zu den Gaststudentenzahlen gering: So waren in Münster im vergangenen Wintersemester rund 440 Studierende über 50 Jahren eingeschrieben. In Baden-Württemberg gab es gerade einmal rund 300 Studenten im Alter über von 65 Jahren.

Von Mirjam Hecking, AP



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