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22. Mai 2001, 13:10 Uhr

Serie "Schimpf & Schande"

Habe nun, ach... Chemie studiert

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Weißer Kittel, klobige Schutzbrille plus aufdringlicher Gestank nach Schwefel- oder Buttersäure: Fertig ist der Chemiker - mit der Lizenz zum Zündeln. Wer der Tradition von Emil Erlenmeyer und Robert Bunsen folgt, riskiert bleibende Schäden.

Chemiker riskieren Kopf und Kragen, und viele tun es gern
DPA

Chemiker riskieren Kopf und Kragen, und viele tun es gern

"Chemie? Das ist, wenn ein Gabelstapler umstürzt und dann ganz giftige Sachen auf den Boden fallen", erklärte kürzlich ein sechsjähriger Berliner Steppke dem verdutzten Präsidenten der Gesellschaft Deutscher Chemiker. Und wer den stechenden Gerüchen im naturwissenschaftlichen Labortrakt deutscher Hochschulen folgt, ahnt: Der junge Mann hat Recht. Der Professor schwafelt, und unterdessen schwefelt, knallt, raucht und zischt es im Erlenmeyerkolben über dem Bunsenbrenner - ein echter Traum für Pyromanen und alle, die es werden wollen.

Der Weg zur Lizenz zum Zündeln führt über den "Dipl.-Chem.", neuerdings auch über den Bachelor und Master. Und er verspricht viele Experimente, Explosionen und Exenterationen*. Satte 300.000 Mark Schaden verbuchten zum Beispiel Konstanzer Chemiker, als ihnen Ende 1998 das Labor um die Ohren flog und 19 (!) andere Räume gleich noch mit verwüstet wurden. Alles nur übel riechende Nachrede, entgegnen die Betroffenen, so schlimm kann ein pro Kopf mehr als 200.000 Mark teurer Ausbildungsgang gar nicht sein.

Doch eine Studie der Universität Bochum hat gezeigt, dass Chemiker fast komplett an den Erfordernissen des Berufslebens vorbei ausgebildet werden. Zwar seien sie hochqualifiziert, aber inkompetent "im Hinblick auf die geänderten Anforderungen des Marktes", heißt es darin.

Weil die Naturwissenschaften sich - naturgemäß? - wenig reformfreudig geben, wird vielerorts an einem althergebrachten Dogma festgehalten: "Jeder Chemiker muss promoviert und intensiv wissenschaftlich gearbeitet haben, sonst taugt er nichts." Fehlanzeige dagegen bei den zukunftsträchtigen Feldern soziale, kommunikative, kulturelle oder betriebswirtschaftliche Kompetenz.

Den weißen Kittel für immer an den Nagel hängen?

Nach unablässiger Schufterei in stinkenden Labors und mit unsinnigen Denksportaufgaben zum Periodensystem der Elemente ("Zu welchen Alkalimetallen komme ich im Rösselsprung vom Cadmium aus?") treten viele Chemiker nach Examen und Doktorarbeit erstmals seit Jahren wieder an die frische Luft: den Dr. rer. nat. in der Tasche, leicht vernarbt von vorwitzigen Säurespritzern, die klobige Schutzbrille in den Fingern.

Ratlos drehen sie dann den Inbegriff unmodernen Designs in den Händen: Sollen sie ihren weißen Sprechstundenkittel etwa für immer an den Haken hängen (oder ihm, echte fachliche Herausforderung, mit kochendem Wasserstoffperoxid zu Leibe rücken)?

Nein, nein, winken Arbeitsmarktexperten ab, so schlimm stehe es doch gar nicht um den Berufsstand der Knall&Rauch-Experten. "Chemiker auf Jobsuche haben die Qual der Wahl", säuselt Stefan Marcinowski vom Kuratorium des Fonds der Chemischen Industrie. Anders als noch vor ein paar Jahren würden die Absolventen regelrecht umworben, nicht nur von der Chemiebranche, sondern auch von Beratungsunternehmen. Und auch Gerhard Erker, Präsident der Gesellschaft Deutscher Chemiker, befürchtet schon, es werde "in wenigen Jahren einen Mangel an Nachwuchschemikern geben".

Bald könnte die Durststrecke vorüber sein, noch allerdings gibt es mehr Absolventen als freie Stellen. Und deshalb lösen stechende Labordämpfe mitunter offenbar Sinnestrübungen bei der Jobsuche aus: Die Universität Nürnberg schrieb eine Vollzeitstelle für einen diplomierten Chemiker im Institut für Gerontologie aus, befristet auf ein Jahr, Monatsgehalt 1000 Mark brutto. Das Interesse war "rege", meldete die "Stuttgarter Zeitung" fassungslos - und die Stelle im Handumdrehen vergeben.

* Mediziner-Terminus (gr.-lat.) für die Entfernung des Augapfels oder der Eingeweide

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