Serie "Schimpf & Schande" Habe nun, ach... Lehramt studiert

Nach dem drögen Studium treten Lehramt-Absolventen voller Elan vor die Klasse. Doch im Referendariat lauert das Grauen: Zwei Jahre lang werden sie auf Linie getrimmt, bis sie so verbittert wie ihre älteren Kollegen sind - und das "Burn-out-Syndrom" auch die Junglehrer kalt erwischt.

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Verbittert, verunsichert, bar jeder Kreativität: Bald nach Arbeitsbeginn naht pädgogische Katerstimmung
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Verbittert, verunsichert, bar jeder Kreativität: Bald nach Arbeitsbeginn naht pädgogische Katerstimmung

Was glauben Sie, welcher Beruf hinter diesem prototypischen Arbeitsunfall steckt? Es war ein Donnerstag nach dem Mittagessen, und Gregor F. aus Wermelskirchen im Bergischen Land verschnaufte die "Zeit" lesend auf dem Sofa. Da nahm das Unheil seinen Lauf: Der Mann nickte ein, das Feuilleton sank nieder. Und landete mit der Papierkante genau im linken Auge des Akademikers. Hornhautschnitt, Sehstörungen, Ambulanz - na klar, Gregor Fels ist Lehrer.

Nach dem genesenen Gregor Fels würden viele Kollegien sich die Finger lecken. Gerade 48 geworden, geht er glatt noch als junger Hüpfer durch. Denn nachdem die Länder jahrzehntelang beim Nachwuchs sparten, beträgt der Altersunterschied zwischen Schülern und Lehrern nicht selten drei Dekaden und mehr - und das an weiterführenden Schulen.

Als Konsequenz zeichnet sich nach der Lehrerschwemme ab Anfang der achtziger Jahre nun eine Paukerdürre ab. Und plötzlich soll alles anders werden. Schon wildern die Bundesländer in fremden Revieren und werben sich ohne Rücksicht auf Verluste im laufenden Schuljahr gegenseitig die Pädagogen ab. Sie locken mit Verbeamtung bis zum Alter von 45 Jahren und richten eine Überholspur vorbei am Beförderungsstau ein: Wer jetzt unterschreibt, bekommt sofort eine A13-Stelle, kollegialen Neid der länger Dienenden inklusive.

Mit den Lehrern kann man's ja machen, werden sich die Minister denken. Schließlich gibt es kaum einen Studiengang, der so kompromisslos auf einen einzigen Berufsweg ausgerichtet ist wie das Lehramtsstudium: Zwei halbe Fächer, ein paar Trümmer Pädagogik, und fertig ist der Schulmeister. Fast - denn damit hat der Kandidat ein de facto wertloses erstes Staatsexamen, aber nahezu null Erfahrung mit erziehungsresistenten Kids aus zerrütteten Familien.

Deshalb merken die meisten Pädagogiker auch erst während des Referendariats, auf was sie sich da eigentlich eingelassen haben: Der Nervenabrieb vor der Klasse ist das eine, die dauerhafte Schädigung des Rückgrats im Ausbildungsseminar das andere. Gefragt sind nämlich nicht Kreativität und neue pädagogische Ideen. Bei den Lehrproben und Unterrichtsbesuchen punkten Referendare nur mit brav apportierenden Klassen. "Das haben wir schon immer so gemacht", mit diesem soliden Didaktik-Grundkonzept werden Querdenker in zweijähriger Psychofolter auf Linie getrimmt.

"Faschistoide Tendenzen" attestiert folglich eine Kölner Psychoanalytikerin den Ausbildungsstätten. Wer sich trotzdem nicht entmutigen lässt, darf nach dem zweiten Staatsexamen allein vor die Schüler treten. Und so allein wird er auch bis zur Pensionierung bleiben: Teamarbeit unter Lehrern hat bis heute Seltenheitswert, die Kooperation beschränkt sich auf Klassen- und Zeugniskonferenzen. Freilich: Auch der Ausstieg aus der Paukerkarriere lässt die Persönlichkeit nicht zwangsläufig reifen. Oder hätten Sie gedacht, dass Unsympathen wie Christoph Daum, Jürgen Möllemann und Volker Rühe allesamt ein Staatsexamen in Sachen Lehramt in der Tasche haben?



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