Sieche Mediziner-Ausbildung Bitte machen Sie sich frei

Um die Ausbildung künftiger Mediziner steht es schlecht. Dass Reformen bitter nötig sind, wissen Politiker und Ärzte, Professoren und Studenten. Aber der große Wurf will nicht gelingen, wie eine Diskussion in Berlin zeigte.
Von Cordula Mahnkopf

Für den ersten Patienten kommt jede Hilfe zu spät - es handelt sich um eine Leiche. Bis Medizinstudenten nach Jahren echte Patienten zu Gesicht bekommen, müssen sie stumpf für Multiple-choice-Klausuren bimsen. Bei Umfragen zur Studienzufriedenheit verweisen sie ihr Fach regelmäßig auf die hinteren Ränge. Der Befund ist kaum umstritten: Das Medizinstudium krankt an Praxisferne und wuchernder Theorie.

Die medizinischen Fakultäten können auch anders. Zum Beispiel in Witten/Herdecke: Die kleine Privatuniversität hat die strikte Trennung zwischen Vorklinik und Klinik schon lange aufgeweicht und setzt auf "problemorientiertes Lernen". Zum Beispiel in Berlin: Die Humboldt-Universität startete 1999 ihren Reformstudiengang und schickt ihre Studienanfänger seitdem zum Beispiel regelmäßig in Arztpraxen, später dann in die Charité.

Bislang allerdings wagen nur wenige Medizinfakultäten solche neuen Ansätze, die sonst recht zuverlässig durch ein starres, bundesweites Regelwerk verhindert werden. Eine Gesetzesnovelle sollte 1997 für eine neue Approbations- und Bundesärzteordnung sorgen, passierte aber nie den Bundesrat. Falls sie endlich durchgesetzt wird, gehört auch der "Arzt im Praktikum" als Praxisphase nach dem Studium der Vergangenheit an.

Der Mediziner der Zukunft ist damit noch lange nicht geschaffen. Zu unterschiedlich sind die Positionen, wie eine Diskussion am Montag in Berlin zeigte. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt und Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer, hatten ins Abgeordnetenhaus eingeladen. Auf dem Podium saßen auch Vertreter des Medizinischen Fakultätentages, der Fachtagung Medizin sowie der Gesundheits- und der Kultusministerkonferenz.

Schon bei der Bewertung des Berliner Charité-Modells traten die Differenzen zutage: Während Ministerin Schmidt und Ärzte-Chef Hoppe dafür nur einen Nebensatz übrig hatten und den Studiengang einen "durch eine Gesetzesänderung legalisierten Vorgang" nannten, lobte Bildungsministerin Edelgard Bulmahn die Humboldt-Universität in den höchsten Tönen. Beifall erntete sie allerdings nicht.

Langfristig soll das konventionelle Medizin-Curriculum entmüllt und die Prüfungsordnung verändert werden. Die Studenten sollen viel früher und viel intensiver mit Patienten in Kontakt kommen als bisher. Das wissen alle. Aber das zu erreichen, scheint so schwierig zu sein wie die fehlerlose Bearbeitung eines Multiple-choice-Tests.

Die Gräben zwischen den Lobbyisten sind groß. Jeden Reformwillen erstickte stets die Verringerung der Studentenzahlen, die bereits der frühere Gesundheitsminister Horst Seehofer geplant hatte: weniger Studenten, besser ausgebildet. Ein politisches Fanal, das die Verbände eine neue Klageflut befürchten ließ. Bei der Berliner Debatte deutete Jörg-Dietrich Hoppe allerdings an, seinerseits per Klage überprüfen zu lassen, in welchem Umfang im Krankenhausalltag etwa gegen die festgelegten Arbeitszeiten verstoßen wird.

Gesundheitsministerin Schmidt befürchtet unterdessen, dass es bald zu wenige Mediziner für die Patientenversorgung geben wird. Zu verlockend seien die Angebote, in der Biotechnologie oder im Controlling angenehmer Geld zu verdienen.

Weil die deutschen Mediziner keinen Ausweg aus der Sackgasse finden, könnte es letztlich beim Status quo bleiben: Den Hochschullehrern fehlt es an Motivation für die Lehre, die Absolventen starten schlecht vorbereitet in den Beruf, junge Ärzte leiden weiter unter chronischer Überarbeitung. Und so schielen die Reformwilligen neidisch nach Amsterdam und neuerdings nach Wien - dort sorgten konsequente Reformen für eine praxisnahe Ärzteausbildung und nebenbei auch noch für eine Studienverkürzung.

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