Engagierte Doktoranden So verbessern wir die Welt

Sie helfen Schlaganfallpatienten mit Musik und entwickeln Super-Suchmaschine: Fünf Doktoranden erzählen, warum ihre Forschungsprojekte alles andere als reiner Selbstzweck sind - und wie sie die Welt ein kleines bisschen besser machen wollen.
Von Birk Grüling und Hinnerk Heuerburg
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Junge Doktoranden: So verändern wir die Welt

Foto: FABIAN BIMMER/ AP

Jahrelang ziehen sie sich zurück, hocken in Bibliotheken, wälzen Studien, ersinnen Experimente, verwerfen Ideen, führen Interviews, formatieren Fußnoten - und am Ende dürfen sie sich, wenn es gut geht, zwei Buchstaben vor den Namen schreiben. Dann nicken die Verwandten anerkennend, auch wenn kaum einer versteht, was der junge Akademiker da eigentlich erforscht und herausgefunden hat.

Unzählige Doktorarbeiten verstauben anschließend in den Bibliotheken, und zwar nicht nur die von Karriere-Doktoren, die allein auf ein bisschen Titel-Lametta aus waren. Auch für die Dissertationen von talentierten und ernsthaft arbeitenden Jungforschern interessieren sich häufig kaum mehr jemand - dabei schlummert in den Regalreihen und auf Hochschulservern so mancher Schatz.

Hier zeigen wir aktuelle Arbeiten von Doktoranden, die mit ihrem Projekt vielleicht nicht die Welt retten, sie aber ein Stück besser machen wollen.

Die Denker und Tüftler erzählen, was sie vorhaben und wem das weiterhilft: Zum Weiterlesen klicken Sie auf die Überschriften.

Der Körper als Instrument - Daniel, 28, will Schlaganfälle mit Musik bekämpfen

Foto: Erwin Schoonderwaldt

Daniel Scholz, 28, ist nicht nur Neuropsychologe, sondern auch leidenschaftlicher Musiker. In seiner Promotion verbindet er beides - und zwar zur Behandlung von Schlaganfallpatienten.

Musik und Medizin? Auch wenn das erst eher nach Esoterik klingt, ist die Anwendung sehr sinnvoll. Viele Schlaganfallpatienten verlieren im Zuge ihrer Erkrankung den Lagesinn, das heißt: Körperteile und ihre Stellung können nicht mehr richtig wahrgenommen werden. Um diesen Verlust auszugleichen, versucht Daniel Scholz die Armstellungen mit verschiedenen Klängen zu unterfüttern und so dem Patienten zu helfen, das Körpergefühl neu zu entwickeln.

"Jede Armstellung bekommt einen eigenen Klang. Anhand von Eigenschaften wie laut - leise, grell - dumpf, hoch - Ttef kann der Patient eine Assoziation zwischen Armposition und Klang bilden. Das funktioniert auch ganz ohne musikalische Vorkenntnisse", erklärt er. In der Therapie selbst sollen die Patienten dann einfache Stücke wie zum Beispiel bekannte Volkslieder durch die Bewegung des Arms nachspielen. "Den Körper als eine Art Musikinstrument einzusetzen, kommt bei den Patienten häufig sehr gut an und ist eine zusätzliche Bewegungsmotivation." In den kommenden Wochen sollen erste Tests in einer Reha-Klinik starten.

Daniel Scholz, 28, promoviert an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover

Schlaue Rechner - Annemarie, 25, bastelt an der intelligenten Super-Suchmaschine

Foto: Annemarie Friedrich

Im Kampf Mensch gegen Computer läuft es schlecht für den Menschen. Er unterlag bereits im Schach, und vor gut einem Jahr unterlag er auch beim US-Quizklassiker "Jeopardy": Eine Maschine mit dem schönen Namen "Watson" schlug ihren menschlichen Gegner. Die Informatikerin Annemarie Friedrich, 25, hat während eines Praktikums in New York bei dem Forscher-Team gearbeitet, das "Watson" gebaut hatte. Was sie dort lernte, ist die Grundlage ihrer Promotion.

Es geht grob gesagt darum, in einer großen Datenmenge schnell und zuverlässig die richtige Antwort zu finden. Das Ziel ist eine Suchmaschine, die nicht nur passende Ergebnisse liefert, sondern auch Kernaussagen zusammenfassen kann. Allerdings muss der Computer dafür Sinnzusammenhänge verstehen. Bei der Frage "Welcher Fluss beginnt seinen Lauf im Schwarzwald?" muss er nicht nur nach Schlagworten "Fluss" und "Schwarzwald" suchen, sondern auch verstehen, dass Synonyme wie "entspringen" dasselbe meinen wie "beginnt seinen Lauf".

Friedrich will mit ihrer Doktorarbeit helfen, dem Computer genau das beizubringen. Das könnte es auch Schülern und Studenten leichter machen: "Bisher muss man ganz verschiedene Quellen lesen, um sich ein umfassende Meinung zu bilden. Oder es gibt so viele verschiedene Textquellen, dass es zeitlich gar nicht möglich ist, sie alle selbst zu lesen", sagt sie. Eine Bedeutungssuchmaschine, die sinnvoll paraphrasieren kann, würde da enorm helfen.

Annemarie Friedrich, 25, promoviert an der Universität des Saarlandes

Anstoß für den Aufstieg - Johannes, 30, erkundet, wie Hinterhofsport Jugendlichen hilft

Foto: Johannes Müller

Skaten auf dem Parkplatz, kicken im Hof, Frisbee im Park - viele Jugendliche treiben Sport, brauchen dafür aber keinen Verein. Sozialwissenschaftler Johannes Müller, 30, nennt es "informelle Freizeitsportgestaltung" und hat festgestellt: Das Thema ist kaum erforscht. Auch weiß die Wissenschaft nicht so genau, was den Sport außerhalb der Vereine so attraktiv macht.

Müller konzentriert sich vor allem auf Hauptschüler und deren Sportgestaltung. "Gerade Kinder aus bildungsfernen Familien sind in den Vereinen unterrepräsentiert. Das liegt sicherlich zum Teil an finanziellen Aspekten, aber auch an einer mangelnden Attraktivität der etablierten Strukturen", sagt er. Er möchte herausfinden, ob auch der Sport außerhalb von Vereinen, Schulen und Jugendzentren den gesellschaftlichen Aufstieg und die Integration der Jugendlichen fördern kann.

"Aus den Aussagen der Jugendlichen lassen sich möglicherweise auch pädagogische Handlungsempfehlungen generieren", hofft Müller. Die Jugendlichen werden durch Sport nämlich nicht nur fitter und leben gesünder, sie könnten auch gesellschaftlich profitieren. "Einige Studien belegen, dass sich Sporttreiben mitunter positiv auf den Spracherwerb von Jugendlichen mit Migrationshintergrund auswirkt", sagt Müller.

Als ein Wundermittel für die Integration sieht Müller den Sport trotzdem nicht. "Man muss auch realistisch bleiben. Ob das informelle Sportengagement überhaupt ein Integrationspotential für die Jugendlichen aufweisen kann, muss ich in meiner Arbeit erst mal herausfinden."

Johannes Müller, 30, promoviert an der Universität Göttingen

Machtfaktoren - Wenke, 31, will das Scheitern der Klimakonferenzen verstehen

Foto: Wenke Wegner

Wie lässt sich das Klima retten? Auf Gipfeltreffen und in Hinterzimmern streiten die Mächte der Welt immer wieder um CO2-Ziele, Selbstverpflichtungen, Verträge. Oft mit mäßigem Erfolg. Die Wirtschaftsmathematikerin Wenke Wegner, 31, will erklären helfen, warum es nur so langsam vorangeht - und woran Verhandlungen immer wieder scheitern.

"Stark vereinfacht könnte man sagen, ich messe und bewerte die Macht und den Einfluss der verschiedenen Länder bei den Entscheidungsprozessen während der Klimakonferenzen", sagt sie. Die Mathematik ist dabei ihr wichtigstes Instrument, denn Wegner greift auf die Spieltheorie zurück. Mit ihr lassen sich komplexe Entscheidungen und der Einfluss der Beteiligten modellieren. "Wir simulieren zum Beispiel ganz unterschiedliche Abstimmungskoalitionen während eines Klimagipfels und ziehen daraus Rückschlüsse über die Entscheidungstauglichkeit des Systems", sagt sie.

Im Jahr 2009 ist sie selbst nach Kopenhagen zum Klimagipfel gefahren, um ein Gespür für die Atmosphäre zu bekommen. "Vielleicht würde mehr in Sachen Klimaschutz passieren, wenn die Abstimmungsprozesse effizienter wären", sagt sie. So gibt es zum Beispiel immer wieder Diskussionen um die Gewichtung der Länderstimmen. Sollte jedes Land gleich viel zu sagen haben? Oder sollten die Stimmen großer Player wie China, Indien, USA oder auch Europa stärker gewichtet werden?

Auch die Vortreffen, bei denen sich Machtkonstellationen bilden, sind umstritten. Ob ihre Empfehlungen solche Probleme lösen können, kann Wegner nicht sagen. Doch ihr Modell soll Denkanstöße liefern. "Jetzt, am Ende meiner Promotion, liegt darauf auch meine Hoffnung, denn eine gründliche Überarbeitung haben die Entscheidungsprozesse ohne Frage nötig", sagt Wegner.

Wenke Wegner, 31, promoviert an der Uni Hamburg

Frühlingserwachen statt Terror - Thorsten, 30, spürt dem politischen Islam nach

Foto: Thorsten Hasche

Bürgerkrieg in Syrien, Atomprogramm im Iran, Anschläge in Afghanistan und die Nachwehen des Arabischen Frühlings - und alles hat irgendwie mit dem Islam zu tun. Aber wie?

"Das Thema politischer Islam ließ mich einfach nicht mehr los", erzählt Thorsten Hasche, 30. "Die Ereignisse des Arabischen Frühlings haben das Interesse der Öffentlichkeit und die Relevanz meines Themas sicherlich noch einmal befeuert." Seit Ende 2008 promoviert er zu dem "Demokratisierungspotential von islamistischen Bewegungen".

Es geht ihm darum, die verschiedenen Strömungen des Islam herauszuarbeiten, denn allzuoft ist auch der wissenschaftliche Blick im Westen verengt auf al-Qaida und ähnlich Radikale. Nach dem 11. September sei sein Thema oft unter dem Schlagwort "Terror Studies" gelaufen, sagt Hasche. "Seit dem Arabischen Frühling kippt diese Einordnung etwas."

Den einen Islam gibt es aber nicht, auch nicht den einen politischen Islam. Aus den vielen Ideologien und Schriften könne sich jeder sein Weltbild zusammenzimmern. "Die Kluft zwischen den Ideologien ist enorm. Deshalb muss man auch klar zwischen den radikalmilitanten Vertretern des Islamismus und den institutionell agierenden Bewegungen des politischen Islam trennen", so Hasche. Eine Trennung, die oft auch in den Medien nicht funktioniert. Grenzen zwischen politischen Parteien wie der Freiheits- und Gerechtigkeitspartei der Muslimbrüder aus Ägypten und die radikalen Vertreter aus Somalia verschwimmen schnell.

Ein gutes Beispiel dafür ist aus Sicht von Hasche der Arabische Frühling. Auch wenn viele Medien das Bild von jungen liberalen Protestlern gezeichnet haben, war der Anteil der konservativen Kräfte innerhalb der Bewegung sehr groß. "Mit meiner Arbeit will ich deshalb auch einen sensibleren Blick für die einzelnen Regionen anregen und mehr Verständnis für die Heterogenität der Weltreligion schaffen."

Thorsten Hasche, 30, promoviert an der Uni Göttingen

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