Skurrile Forschung Genies am Rande des Wahnsinns

Sie beschallen Mäuse auf Ecstasy mit Techno, testen die Saugfähigkeit von Frühstücksflocken oder lassen Fische im Urin schwangerer Frauen Eier legen. Bei solchen Experimenten schlagen englische Forscherherzen höher - die Nobel-Uni Cambridge ist berühmt für ihren Auswurf an spleenigen Studien.
Von Benedikt Mandl

"Es ist schrecklich schwer, die Wahrheit zu erkennen: Die meisten von uns haben stets in dem Irrglauben gelebt, dass der Tod unausweichlich sei", sprach Dr. Aubrey de Grey und fuhr sich mit einer Hand durch den rotbraunen Rauschebart, während er Flugblätter an Interessenten verteilte. Im letzten Herbst saß er inmitten eines emsigen Gewühls von Studenten in Cambridge, um auf "CULERS" aufmerksam zu machen, einen Verein für Lebensverlängerung und Verjüngung. "Zusammenfassend kann man sagen, dass uns innerhalb der nächsten 20 bis 50 Jahre die medizinischen Fortschritte erlauben werden, die Effekte des Alterns rückgängig zu machen. Eine Lebenserwartung von vielen hundert Jahren ist dann realistisch." So sprach der Genetiker von der englischen Eliteuni und wagte damit den großen Schritt an die Öffentlichkeit.

Ein halbes Jahr später ist "CULERS" eifrig dabei, Diskussionsgruppen zu organisieren, Nachrichten über Fortschritte bei der Forschung an Stammzellen zu verbreiten und die Beziehungen zum "Unsterblichkeitsinstitut" auszubauen. Von Werbeplakaten lächelt Aubrey de Grey wie ein indischer Guru in den sechziger Jahren und stilisiert sich selbst zur Kultfigur: der Verschrobene, der Abgehobene, der Spinner in seinem Elfenbeinturm. Image ist alles. Und so lange es hilft, die Botschaft vom Jungbrunnen aus dem Labor zu verbreiten, scheint de Grey alles recht zu sein.

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Forscher in Cambridge: Genies am Rande des Wahnsinns

Foto: Benedikt Mandl

Wissenschaft, die auf Kopfschütteln stößt - wie so vieles in Cambridge hat auch dies eine lange Tradition. Viele der begnadetsten Denker der Universität wären außerhalb der schützenden Colleges nur bedingt lebensfähig gewesen. Selbst vom Jahrhundertgenie Isaac Newton werden noch zahlreiche Anekdoten erzählt, die ein sehr exzentrisches Bild des Physikers zeichnen: So habe er etwa stundenlang über den Plänen des Tempels von Jerusalem gebrütet, um mit Hilfe der Geometrie des Gebäudes die Dreifaltigkeit Gottes zu widerlegen - und darüber stunden- oder tagelang triviale Kleinigkeiten vergessen, wie etwa sich anzuziehen oder zu essen.

PhD = "Permanent head Damage"

Einmal soll Newton getestet haben, wie lange man eigentlich in die pralle Sonne starren kann: Der Physiker verbrachte mehrere Tage in einem abgedunkelten Raum, ehe er wieder ungetrübt sehen konnte. Eine der populärsten Geschichten über Newton berichtet von seinem Versuch, sich eine Ahle, eine lange, stumpfe Nadel, zwischen Augapfel und Backenknochen zu stechen - um auszuloten, wie tief er dabei in seinen Schädel vordringen konnte. Vom Physiker mit dem offensichtlichen Interesse an Anatomie wird heute vermutet, dass er an einer Sonderform des Autismus, dem Asperger Syndrom, litt.

Die Tradition kurioser Experimente indes lebt fort in der Stadt an der Cam: Da wurden Fische beforscht, die im Urin schwangerer Frauen begannen, Eier zu legen. Der Nobelpreisträger Professor Josephson studiert die Fähigkeit eineiiger Zwillinge zur Telepathie und komponiert in seiner Freizeit gerne Technomusik, um Gehirnströme zu stimulieren. Und Biologen untersuchen die Muskulatur um die Analöffnung von Fruchtfliegenlarven. Das Doktorat englischer Unis wird als "PhD" abgekürzt und von Studierenden gerne als "Permanent head Damage" verhöhnt - als bleibender Schaden im Kopf.

Die schillernden Blüten der Wissenschaft haben längst das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit geweckt. Spätestens seit 1991 am MIT im anderen Cambridge (das in den USA die Universität Harvard beherbergt) die Ig-Nobel Preise als Auszeichnung für skurrile Studien erfunden wurden, sind britische Wissenschafter zumindest in dieser Kategorie stets für Spitzenleistungen gut.

Bei den Ig-Nobel-Preisen immer vorn

Dazu zählen etwa jene unerschrockenen Forscher aus East Anglia, die das "Paarungsverhalten von Straußen (Struthio camelus) gegenüber Menschen in landwirtschaftlicher Haltung in Britannien" untersuchten: ein Dienst an der Wissenschaft, dessen Wert sich nur schwer abschätzen lässt. Oder Dr. Len Fisher von der Universität Bath, der jenen Winkel berechnete, in den man einen Keks optimal in Tee zu tunken vermag. Forschung, die englische Herzen höher schlagen lässt.

Als die "British Standards Institution" eine sechsseitige Norm (BS-6008) für die korrekte Zubereitung von Tee verfasste, wurde auch sie dafür mit einem Ig-Nobel-Preis belohnt. Harold Hillman von der Universität Surrey reflektierte dagegen in einer Studie über die mögliche Schmerzbelastung bei verschiedenen Exekutionstechniken und erhielt dafür den Friedens-Ig-Nobelpreis. Ein weiterer Ig-Nobel ging an Forscher der Uni Norwich für eine Analyse der Saugfähigkeit von Frühstücksflocken.

Bei all der Anerkennung für englische Spitzenforschung regte sich aber auch schon Argwohn. Als vor einigen Jahren gar zu viele Ig-Nobel-Preise an Angelsachsen verliehen wurden, meldete sich Sir Robert May zu Wort. Der ehemalige Hauptregierungsberater für Wissenschaftsfragen forderte vom Komitee des Satirepreises, künftig Forscher aus Großbritannien von der Vergabe auszuschließen. Und zog damit prompt den Zorn der britischen Forschergemeide auf sich: Ein Wissenschaftsjournal nannte ihn einen "aufgeblasenen Spielverderber", und schon im Folgejahr bewiesen neuerlich britische Preisträger ihren Sinn für Unsinn.

Mäuse unter dem Joch einer herzlosen Forschung?

Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit als gewollt bekamen Dr. Jenny Morton samt Arbeitsgruppe in Cambridge für eine Studie, die sie 2001 an Mäusen durchführte: "Wir untersuchten den Effekt eines bedeutenden Aspektes von Nachtklubs, kontinuierlicher, lauter Musik, auf die Toxizität von Methamphetaminen." Im Klartext: Mäuse auf Ecstasy wurden mit dröhnender Diskomusik beschallt. Die Effekte, von den Wissenschaftlern als "lang anhaltende Stereotypie und veränderte Ortspräferenz" zusammengefasst, führten zum Tod von sieben Mäusen und bei mehreren anderen zu "permanenten Gehirnschäden".

Doch sie sollten nicht umsonst gelitten haben. Denn unverzüglich traten die Tierschützer der "Britischen Union zur Abschaffung von Vivisektion (BUAV)" auf den Plan. Für sie waren die Nager zu Märtyrern unter dem Joch einer herzlosen Wissenschaft geworden. Die Aktivisten lieferten sich nach der Veröffentlichung des Versuchs einen Kleinkrieg mit der Universität, mit Regierungsbehörden und jener Arbeitsgruppe, die das "geschmacklose und schreckliche" Experiment durchgeführt hatte. Und das mit Erfolg: Die zuständige Behörde entschuldigte sich für die Genehmigung der Studie und entzog der Arbeitsgruppe die Lizenz für weitere Tests.

Das als eine Öffnung des Elfenbeinturmes in Richtung "echte Welt" zu werten, dürfte aber verfrüht sein. Im Hinblick auf Aubrey de Greys Bestrebungen, bald "Verjüngungsexperimente" in Cambridge zu starten, sollten die Ig-Nobel-Juroren auch in Zukunft nicht die Spinner von der Cam vergessen.

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