Skurrile Forschung Sechs Affen, ein Computer und keine Spur von Shakespeare

"Gebt unzähligen Affen unendlich viele Schreibmaschinen, und sie bringen irgendwann ein Shakespeare-Sonett zu Papier", besagt eine alte Theorie. Studenten aus Plymouth haben es ausprobiert - ihr Primaten-Experiment geriet zu einem wissenschaftlichen Fiasko, aber auch zu einem hübschen Zeugnis britischen Humors.

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Makaken: Lausige Literaten, null Faible für Hochkultur
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Makaken: Lausige Literaten, null Faible für Hochkultur

Der Astrophysiker Arthur Eddington schrieb 1928 in der Fachzeitschrift "The Nature of the Physical World": "Wenn eine Armee von Affen auf Schreibmaschinen herumtippen würde, könnten sie alle Bücher des Britischen Museums schreiben." Dass Affen Werke höchster literarischer Qualität produzieren, wenn man ihnen nur lange genug Zeit lässt, schreiben manche Wissenschaftler auch Thomas Huxley zu, einem Forscher des 19. Jahrhunderts, der die Evolutionstheorie Charles Darwins unterstützte.

Kneipenphilosophen jedenfalls reden sich über das Thema die Köpfe heiß: Kann der Primat an sich wirklich per Zufall zum schriftstellerischen Genius mutieren? Streng nach Wahrscheinlichkeitsrechnung kennen Mathematiker nur eine Antwort - ja. Aber Studenten der Universität Plymouth wollten es genauer wissen.

Natürlich stieß ihr Experiment an gewisse Grenzen: Die Studenten konnten weder Millionen Affen auftreiben noch hatten sie endlos Schreibmaschinen. So begnügten sie sich mit einem halben Dutzend Makaken, spendierten ihnen einen Computer und sperrten Tiere und Technik in einen Raum. Vier Wochen hatten sie Zeit, um ihre Kreativität zu beweisen.

Die Tastatur als Toilette willkommen

Die Affen namens Elmo, Gum, Heather, Holly, Mistletoe und Rowan tobten sich zwar gleich gründlich aus. Und sie produzierten auch immerhin fünf Seiten Text. Literatur brachten sie allerdings nicht zustande - kein einziges Wort menschlicher Sprache, geschweige denn "Sein oder nicht sein" oder "Es ist etwas faul im Staate Dänemark". "Offenbar ist Englisch nicht ihre Muttersprache", scherzte der Forscher Mike Phillips, der das Institut für digitale Kunst und Technologie an der Universität Plymouth leitet.

William Shakespeare: Bleibt vorläufig unerreicht
AP

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Das Projekt im Zoo von Paignton im Südwesten von England begann bereits ernüchternd. "Als erstes schnappte sich der männliche Affenchef einen Stein und schlug wild um sich ", berichtet Phillips. "Affen langweilen sich schnell und scheißen lieber auf die Tastatur als zu tippen", ergänzt Geoff Cox, der den Test an der Universität Plymouth entwickelte.

Den Computer selbst hatten die Studenten mit einem Kasten geschützt. Bald begannen die Affen doch zu tippen und entwickelten eine seltsame Vorliebe für den Buchstaben S, bevor sie auch die Tasten A, J, L und M entdeckten. Doch nichts davon erinnerte auch nur entfernt an ein Wort. "Nach wissenschaftlichen Maßstäben war es ein hoffnungsloser Reinfall, aber darum ging es auch nicht", so Geoff Cox.

Affen-Sixpack mit Hang zur Zerstreuung

Worum es dann ging? "Genau genommen war es mehr eine Performance als ein Experiment", sagt Cox. "Wir wollten zeigen, dass man Tiere nicht auf die Ebene eines Zufallsgenerators oder eines Computers reduzieren kann." Der Test in Plymouth ist Teil des Vivaria-Projekts, bei dem überall in Europa Computer in Zoos installiert werden sollen, um die Grenzen zwischen tierischem und künstlichem Leben zu zeigen.

Er kostete 2000 Pfund (knapp 2800 Euro), die zwar aus öffentlichen Mitteln, aber aus einem Kunstfonds und nicht aus dem Budget der Naturwissenschaften bestritten wurden. Und vielleicht haben Steuerzahler sogar einen Gewinn davon: Die Ergebnisse der literarischen Anstrengungen des Affen-Sixpacks werden jetzt veröffentlicht - in limitierter Auflage mit dem schönen Titel "Anmerkungen zu den gesammelten Werken von Shakespeare". Kostet auch nur 25 Pfund (knapp 40 Euro).

Trotz des nicht wirklich überraschenden Fehlschlags gelten Makaken als ideale Tiere für solche Versuche. "Sie handeln sehr zielgerichtet und überlegt, sind sehr geschickt und wollen etwas mit dem Zeug machen, das man ihnen gibt", sagt Vicky Melfi. Die Biologin im Zoo von Paignton weiß aber auch, wie leicht Primaten sich ablenken lassen - Klettertaue und Spielzeuge interessieren sie bisweilen einfach mehr als Schreibwerkzeug. Und so entwickeln die Affen am Ende doch Gemeinsamkeiten mit Schriftstellern, die bekanntlich ebenfalls jede Möglichkeit der Zerstreuung nutzen, um sich vor der zermürbenden Arbeit am Werk zu drücken.



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