So funktioniert Yale Falsch verbunden

Seine Freunde hatten ihn gewarnt. Aber Yale-Student Thomas König, 20, wollte unbedingt herausfinden, ob es auch bei einer "Frat", der US-Version der Studentenverbindung, nur um Alkohol und Brustgeklopfe geht. Hätte er mal auf seine Freunde gehört.


Die College-Zeit ist eine Zeit der Selbstfindung und Selbstreflexion, eine Zeit der verrückten Experimente und auch eine Zeit der dummen Entscheidungen.

Die ehrwürdige Yale-University: Hier ist die hohe Wissenschaft zu Hause - und sektenartige Studentenverbindungen
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Die ehrwürdige Yale-University: Hier ist die hohe Wissenschaft zu Hause - und sektenartige Studentenverbindungen

In einer Art Selbstversuch wurde ich, erklärter Nichtalkoholiker und Freund der Frauen, ein Fratboy.

Was das ist? UrbanDictionary.com definiert einen fratboy als "the quintessential college-aged male usually found wearing abercrombie and fitch while getting drunk and acting like an ass".

Zur Erklärung: Abercrombie and fitch ist eine hippe Modemarke, Frat kommt von Fraternity und bedeutet Studentenverbindung. Normalerweise zeichnet sich eine solche Verbindung dadurch aus, dass sie für ihren Namen wahllos griechische Buchstaben aneinanderreiht und auf dem College-Campus ein Haus hat, das von meist muskulösen Sportlern bewohnt wird, die jedes Wochenene "fette" Parties schmeißen.

Einmal ein Frauenheld sein, wie die Verbindungs-Jungs

Eines Freitagabends schaute ich mit ein paar Freunden bei der Frat meines Vertrauens vorbei, ich nenne sie einfach mal Alpha Beta Gamma. Wir durften miterleben, wie sich eine leicht bekleidete Dame eine Bierdose zwischen die Brüste schob und dann einen glücklichen Herren darum bat, die Dose auszutrinken. Ich fragte mich, was wohl das Geheimnis dieses anscheinend überaus erfolgreichen Frauenhelden sein mag.

Wie konnten die Mitglieder von Alpha Beta Gamma nur so furchtlos, so forsch sein? War es individuelle Stärke, oder war es vielleicht das Ideal der Bruderschaft und Freundschaft, das ihnen ihre breiten Rücken stärkte? Warum bestand der Footballspieler, der meine Freundin die ganze Zeit belästigte, eigentlich darauf, ihr sein Schlafzimmer zeigen zu wollen? Welch' Gastfreundschaft!

Auf dem Nachhauseweg überlegte ich: Wäre es nicht interessant zu sehen, was es bedeutet, ein Fratboy zu sein? Ich meine - was wäre das Schlimmste, das passieren kann? Massenweise Sweatshirts von "Abercrombie and fitch" in meinem Kleiderschrank? Das dachte ich. Ich hatte ja keine Ahnung.

Meine Freunde sagten: "Just be careful!"

Ein paar Tage nach der Party wurde ich zu einem Dinner bei Alpha Beta Gamma eingeladen. Am Tisch saßen die derzeitigen Brothers, also die Mitglieder, und die potentiellen "Neuen", die sogenannten Pledges.

Da hockten sie in ihren Anzügen, nippten Wein und diskutierten über die Situation in Pakistan. Ja, Pakistan. Alle schienen furchtbar freundlich zu sein. Eigentlich wollte ich nur eine Stunde bleiben, am Ende wurden es knapp drei. Ich gebe es zu: Das Dinner war wirklich klasse, das hatte ich nicht erwartet. Und das Steak war famos!

Wir tauschten Nummern, kurz danach prasselten bei "Facebook" die Friend requests auf mich ein: lauter neue Brothers. Ich änderte schnell meine Meinung: Alpha Beta Gamma gefiel mir. Meine alten Freunde schauten mich ungläubig an, halb zweifelnd, halb besorgt. Sie sagten: "Just be careful."

Ich konnte es selbst nicht glauben, aber ich fand die meisten Jungs bei Alpha Beta Gamma einfach interessant. Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie mehr soffen als die anderen Yalies. Und mir, dem Nichtalkoholiker, fällt so etwas sofort auf. Ich erwartete natürlich dumme Kommentare von den Jungs von ABG. Sie fanden mich wohl irgendwie nett - aber würden sie auch akzeptieren, dass ich der Hauptaktivität eines Fratboys, dem Saufen, nicht nachgehen will?

Du musst sofort das Haus putzen!

Es schien so. Nach zwei Wochen nahmen sie mich offiziell zum Pledge auf: Eine schwarze Kerze haltend stand ich da mit verbundenen Augen, umringt von den Brothers, und akzeptierte. Ohne zu zögern.

Mittwoch- und Sonntagabend waren ab jetzt Alpha Beta Gamma-Tage. Ich nenne die Verbindung ab jetzt der Einfachheit halber nur noch ABG. Wir trugen immer einen Anzug, wenn wir uns trafen. Wir bekamen einen Pin, mit dem Symbol von ABG - wir sollten ihn unter keinen Umständen verlieren und immer tragen.

Vier Tage später wusste ich nicht mehr, wo ich meinen Pin hatte. Ich dachte mir zwar, dass es nicht sonderlich löblich war, den Pin verloren zu haben, aber erwartete keine Scherereien - bis ich zufällig in einen Brother lief.

Er: Hey Thomas, how are you ... WHERE'S YOUR PIN?
Ich: Ähm ... I lost it?
Er: Oh. Bye.

Weg war er. Zehn Minuten später rief mich ein anderer Brother an. Ich müsse SOFORT das Haus putzen, da ich ohne Pin erwischt wurde. Ich hatte keine Zeit, ich sagte ab. Das hörte mein Brother nicht gerne.

Drei Stunden später hatte ich in meinem Postfach eine Hass-E-Mail á la: "Wage es noch einmal, deinen Pin zu verlieren, und wir verkloppen Dich." Auf dem nächsten Treffen bei ABG wurde der Verlust des Pins bis ins kleinste Detail besprochen. Ich sei eine Schande für meine gesamte Pledge Class, durfte ich mir anhören.

Plötzlich ließ die Qualität der Gespräche nach. Ich erzählte, dass ich dieses Jahr für die Security Council Simulation at Yale (SCSY) Vorsitzender bin. Das ist so eine Art Weltsicherheitsrats-Simulation. Wir würden uns auch mit Pakistan beschäftigen, sagte ich. Die Antwort? War eigentlich keine. "Pakistani girls are SO hot, dude". Unsere Pledge class meetings verkamen immer mehr zu Brustgeklopfe wie "und dann schlief ich mit X gefolgt von Y".

Der Sauf-Schlaf-sauf-Schlaf-kotz-Rhythmus

Dann kam die Sache mit dem Alkohol. Niemand hatte ein Problem damit, dass ich Nichtalkoholiker war - solange ich für ABG mit dem Saufen anfangen würde. Auf der ersten Party kam ich noch mit einer Pepsi davon. Doch danach wurden mir andauernd Becher mit Alkohol entgegengestreckt, die ich dann ex runterschütten sollte. Ich wollte nicht. Kurz danach kam der nächste Becher.

Kurze Zeit später begann die Security-Council-Simulation, ich war vier Tage am Stück durchgehend eingespannt. Am gleichen Wochenende feierte ABG seine "Lick, Suck and Dirty"-Party. Sollte ich zwei Monate Vorbereitung für die Simulation einfach in den Wind schießen? Nur um bei der Party leicht bekleidete Mädels mit Sahne zu besprühen und sie dann sauber zu lecken? Nein. (Ich gebe zu: Ich musste ein paar Sekunden darüber nachdenken).

Was dann passierte, hatte ich nicht erwartet: Während die Simulation lief, kam ein Brother in meine Sitzung gestolpert und schrie, ich sollte sofort zum ABG-Haus kommen, zur "Lick, Suck and Dirty"-Party! Er konnte das tatsächlich sagen, ohne zu lachen.

Ich dachte: Diese Jungs mögen ganz nett sein, aber im Endeffekt geht es ihnen um hirnloses Gesaufe. Die ganze Freundlichkeit am Anfang war dazu gut, potentielle Mitglieder anzuwerben. Ist man einmal dabei, wird es nicht wirklich gern gesehen, wenn man Aktivitäten jenseits von ABG hat. Das stört nur den Sauf-Schlaf-sauf-Schlaf-Kotz-Rhythmus.

Noch am selben Abend schickte ich eine Rundmail an alle Brothers, um ihnen zu sagen, dass ich kein Interesse mehr an ABG habe. Am Sonntagabend saß ich endlich wieder entspannt mit meinen Freunden beim Abendessen und erzählte, was ich erlebt hatte.

ABG gelte noch als eine der harmlosesten Frats auf dem Yale-Campus, sagte eine Freundin. Ich nickte vorsichtig. Und dachte mit Schrecken an die armen Teufel, die in diesem Moment irgendein Frat-Haus putzen mussten oder in purer Paranoia über den Campus zu huschten, weil sie ihren Pin in der Vorlesung liegen gelassen hatten.

Gerade erhielt ich eine SMS - "Do you want to go to ABGs 'dirty whore'-party on friday with me?"

No, thanks.

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