Social Networks im Echttest Eine Nacht im Badezimmer von Stalin

Christine Neder, 25, feiert Bergfest: Über die Hälfte der 90 Tage, die sie durch Berliner Wohnungen tourt, hat sie hinter sich. Sie sucht sich für jede Nacht einen neuen Gastgeber in Social Networks. Im dritten Teil erzählt sie auf SPIEGEL ONLINE, wie Berliner Kosenamen sie in die Irre führten.

Christine Neder

Man ist so alt, wie man sich fühlt und manchmal richtet sich das Gefühl nach den Menschen, mit denen man zusammen ist. Ich war zu Gast bei zwei 20-jährigen Mädels, Susi und Eveline, die gerade frisch aus Ingolstadt nach Berlin gezogen sind. Als ich in Pankow an der Tür klingelte, hat mir Susi im Leoprint-Kleid, rosa Hauspuschen und mit Dutt aufgemacht, hat zu reden angefangen und damit den ganzen Abend nicht mehr aufgehört.

Susi hat einen Spiele-Abend für mich organisiert und dazu noch fünf Mädels eingeladen. Nach der kalorienreichsten Quattro-Formaggi-Sauce meines Lebens haben wir Pokémon-Monopoly gespielt und dabei ausführlich diskutiert, wer neulich auf dem Scheunenfest in Titting auf dem Heuwagen mit wem rumgeknutscht hat.

Wir haben so viel Schokolade und Gummibärchen gegessen, dass wir irgendwann völlig überfressen im Bett lagen und "Wer bin ich" gespielt haben. Ich war Biene Maja. Geendet hat der Abend, indem wir alle bei Susi im Zimmer eingeschlafen sind. Pyjamaparty mit Süßigkeiten und Spielen - da fühlt man sich wieder wie 20.

Morgens grüßen die Angestellten

Es war eine schöne Erfahrung unter unzähligen, die ich im Moment erlebe: 90 Tage lang gehe ich in Berlin der Frage nach, welcher Mensch sich hinter einem Internetprofil versteckt. Jede Nacht verbringe ich bei jemand anderem, alle Gastgeber finde ich auf dem Couchsurfing-Portal oder Facebook. Es ist der Versuch, Profile mit der Wirklichkeit zu vergleichen und Sachen zu erleben, die über den reinen Internetkontakt nie möglich wären.

In der letzten Woche habe ich in Stalins Badezimmer geschlafen. So habe ich das zumindest verstanden, als mich Gerd eingeladen hat. Da wusste ich noch nicht, dass die Berliner ihren Gebäuden gerne Kosenamen geben. So heißt das Bundeskanzleramt "Waschmaschine", der Reichstag "Eierwärmer" und die Karl-Marx-Alle "Stalins Badezimmer".

Ich habe mir eine Wohnung mit luxuriösem Badezimmer, freistehender Wanne, vergoldetem Wasserhahn und Marmorfliesen vorgestellt. Ich habe mich geirrt. Aber trotzdem war es beim Harley-Davidson-Fan Gerd sehr abenteuerlich, da seine Wohnung auch gleich das Büro seiner Werbeagentur ist. Es war schon seltsam morgens aus dem Bad zu kommen und den Angestellten über den Weg zu laufen. Ob er denen erzählt hat, dass ich "nur" die Couchsurferin bin?

Gerd kommt aus Neubrandenburg, wie viele meiner Gastgeber dieser Woche. Was mir in meiner Erinnerung blieb: Es war sehr herzlich und intensiv. Die Begrüßungen, die Abende, die Gastfreundlichkeit. Viele wohnten etwas außerhalb, weil sie eigentlich keine Stadtmenschen sind und die Natur vermissen. Sie waren alle sehr bodenständig und machten einen ausgeglichenen und zufriedenen Eindruck. Vielleicht sind Neubrandenburger wirklich mit weniger zufrieden? Außerdem merkte man einen dezenten Hang zum Kitsch in der Inneneinrichtung.

Kommentare warnen vor dem Bösen im Menschen

Ich haben inzwischen gemerkt, dass Internetprofilen nicht zu trauen ist. Viele Netzwerker erneuern sie nicht regelmäßig: So dachte ich, dass Stefan noch studiert aber eigentlich hat er schon vier Jahre sein Diplom in der Tasche. Auch das Geburtsdatum kann für Verwirrung sorgen, wie bei Nadine. Sie hat das von Harry Potter angegeben: Den 31. Juli 1980. In Wahrheit war sie sechs Jahre jünger.

Neulich habe ich Bergfest gefeiert: 45 Tage habe ich hinter mir. Ich fühle mich inzwischen viel schneller zu Hause, setze mir mein Teewasser selbst auf und gehe viel unvoreingenommener auf Menschen zu. Ich habe gelernt, mit der Flut an Kommentaren umzugehen, die ich auf mein Projekt bekomme. Es ist nicht einfach zu lesen: "Das nächste Mal sehen wir dich bei Akte XY wieder", und dann trotzdem sorgenfrei und offen zum nächsten Gastgeber zu gehen.

Aber ich will mich nicht verängstigen lassen und immer erst das Böse sehen. Ich will genau das Gegenteil, will Menschen mehr Vertrauen schenken und zeigen, dass man bei fremden Menschen übernachten kann ohne im Keller gefesselt zu werden.

Nach einem Auszeit-Wochenende im Hotel, bei dem ich mich einmal entspannen, alle Gedanken ordnen und neue Kraft sammeln konnte, bin ich nun wieder unterwegs durch Berlins Wohnungen. Ich freue mich auf jeden neuen Abend, jeden neuen Menschen mit seinen Geschichten und kann mir gar nicht vorstellen, wie es sein wird, wieder jede Nacht in der eigenen Wohnung zu schlafen.

Doch vorher werde ich Martin besuchen, laut Profil ein "netter Homosexueller mittleren Alters". Und zu Willy in den Van ohne Fenster und Dusche muss ich mich auch noch trauen. Es bleiben mir ja noch knapp 40 Tage. Und wer weiß, vielleicht verlängere ich sogar.


Lesen Sie hier die ersten beiden Teile von "Social Networks im Echttest":

Öko-Wein trinken mit Hippie Jonny - während Vogel Hansi stirbt Die Tarotkarten von Martha - und was am 12.12.2012 passieren wird



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