Social Networks im Echttest Was passiert am 12.12.2012?

Christine Neder, 25, tourt nun seit über 40 Tagen durch Berliner Wohnungen. Sie sucht sich für jede Nacht einen neuen Gastgeber in Social Networks wie Facebook. Ihr Ziel: Erfahren, wer hinter den Internetprofilen steckt. Im zweiten Teil erzählt sie auf SPIEGEL ONLINE, wie sie bei Martha die Wahrheit erfuhr.


Ich saß an einem großen Holztisch. Neben mir eine Kristallkugel, verschiedene Engelsfiguren und Tarot-Karten. Gastgeberin war die 57-jährige Martha, die seit zwei Jahren aktive Couchsurferin ist und ihre spirituelle Vorliebe schon in kleinen Hinweisen auf ihrer Profilseite ankündigte. Dort steht zumindest, dass sie ein "medialer Mensch" ist, der an seinen Schutzengel glaubt.

"Zieh eine Karte. Wir wollen schauen, unter welchem Stern dein Projekt steht", sagte sie. Ich war etwas skeptisch, überlegte dann aber doch ganz genau, welche Karte ich ziehe. "Die Gerichtsperson. Dein Projekt steht unter dem Stern der Rechtsfindung. Du willst die Wahrheit erfahren und bist auf dem besten Weg dahin."

Stimmt. Ich suche meine Wahrheit. 90 Tage lang gehe ich in Berlin der Frage nach, welcher Mensch sich hinter einem Internetprofil versteckt. Jede Nacht verbringe ich bei jemand anderem, alle Gastgeber finde ich auf dem Couchsurfing-Portal oder Facebook. Es ist der Versuch, Profile mit der Wirklichkeit zu vergleichen und Sachen zu erleben, die über den reinen Internetkontakt nie möglich wären.

"Die Zeit war noch nicht reif für unsere Begegnung"

Zu Martha wollte ich eigentlich schon letzte Woche. Ich stand sogar schon vor ihrer Tür. Es machte nur keiner auf und beim Anrufen kam: "Diese Nummer ist nicht vergeben." Sie hatte mich einfach vergessen und mir aus Versehen die falsche Handynummer gegeben. Aber auch dieses Ereignis deutete sie als Zeichen der höheren Mächte.

"Die Zeit war noch nicht reif für unsere Begegnung." Dafür versorgte sie mich diesmal besonders gut. Abends um 10 Uhr haben wir noch Nudeln mit ordentlich Knoblauch und Chili-Öl gekocht, dazu Apfelkekse gegessen und Tee getrunken.

In dieser Woche hatte ich zweimal Mutterersatz. Vor Martha war ich bei der 57-jährigen Hannelore in Erkner. Ein Radiosender hat sie mir als Gastgeberin vermittelt. Hannelore war ganz aufgeregt bei meiner Ankunft und hat sich sehr über meine Gesellschaft gefreut. Sie ist ein richtiges Ostmädchen und war sogar ein kleiner Star: als Chorsängerin vom Sandmännchen.

Ihr Leben war nicht immer so fröhlich wie heute. Sie hat eine Krebserkrankung überstanden, ihr Leben noch einmal neu begonnen und ist ein positiver Mensch mit einer unerschütterlichen Lebensenergie geworden. Sie wohnt in einer kleinen Kellerwohnung an der Spree und hat einen unglaublich schönen Garten mit Zugang zum Fluss. Wir haben uns schon für den nächsten Sommer verabredet, um gemeinsam im langen Spreeärmel schwimmen zu gehen.

Mit Bier und Burger das Frauenbild retten

Mit Champagner und Trüffelpralinen zog ich mit Jenny, Modebloggerin, durch die Berliner Vogue Shopping Night. Bis 24 Uhr konnte man bei Gucci und Co ein Gläschen Schampus genießen und die neue Kollektion anschauen. Irgendwann stand ich im Hermès Laden mit einem 580 Euro teuren Carré um meinen Hals und wusste, dass dies ein einmaliger Moment sein wird. Ein feuchtfröhlicher Abend, der viel zu spät auf einer "All drinks for free"-Party endete.

Nicht so fröhlich und gut gelaunt war Andreas. Über Facebook wusste ich, dass er seit einer Woche wieder Single ist und die Frauenwelt verflucht. Ich war das erste weibliche Wesen, das nach dem bitteren Abgang seiner Ex-Freundin die Wohnung betrat. Also lag es an mir, die Trümmer wegzuräumen und sein Frauenbild wieder aufzurichten.

Kein Wunder, dass er traumatisiert ist, wenn die Freundin ihm nach sieben Jahren Beziehung eines Montagmorgens beichtet, dass sie seit zwei Wochen fremdgeht und fünf Stunden später mit Sack und Pack zum Neuen zieht. Ich habe versucht, sein Herz mit Bier und Burger zu heilen. So wie das Leben, sind auch meine Erfahrungen und Geschichten, die ich mitbekomme. Manchmal bekommt man kleine oder auch größere Schicksalsschläge mit.

Die hässlichste Wohnung Berlins

Einen anderen Abend nahm mich Judith mit zum Kickerstammtisch. Ich habe mich auf eine üble, verqualmte Eckkneipe eingestellt und war etwas verwundert, als wir einen kleinen Taschenladen in Friedrichshain betraten. Hier standen überall auf den Regalen handgemachte Taschen aus Segeltuch. Jeden Mittwoch räumt Ladenbesitzer Hans den Tisch in der Mitte des Raumes frei, unter dem ein Kicker zum Vorschein kommt. Je später der Abend, desto mehr Leute kamen vorbei, zum Spielen oder einfach auf ein Bier.

Außerdem habe ich in "einer der absurdesten und hässlichsten Wohnungen Berlins" eine Nacht verbracht. So beschrieb mir zumindest Eddy seine Zuhause in seiner Einladung. "35 Quadratmeter, 80er-Jahre-Hotelteppich, furchtbares PVC in der Küche - also ernsthaft: Ich habe Berlins unmöglichste Wohnung."

Eddy, Produktmanager beim Radio, hat ein bisschen übertrieben. So schlimm war es gar nicht. Zwar ist es etwas gewöhnungsbedürftig, wenn man zur Haustür reinkommt und gleich im Bad steht, aber einen dicken Pluspunkt hatte die Wohnung: Alles war super sauber, dank der Putzfrau. Für Eddy ist die "unmöglichste Wohnung in Berlin" auch nur eine Notlösung. Er hatte eine schöne, doppelt so große Wohnung, die aber gerade wegen eines Rohrschadens mit Fäkalien überschwemmt ist und austrocknen muss.

Die spirituelle Martha hat mir noch etwas mit auf den Weg gegeben. Am 12.12.2012, um 12.12 Uhr, wird es eine Friedensbewegung geben, die sie ins Leben gerufen hat und dafür 2013 den Friedensnobelpreis bekommen wird. Ich bin also nicht nur auf meine weiteren Erlebnisse gespannt, sondern auch auf den 12.12.2012.

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