Sozial-Proteste in Israel Der Aufstand, das bin ich

Für die Israelin Stav Shaffir geht protestieren über studieren: Mit Hunderttausenden ging sie für soziale Gerechtigkeit auf die Straße und gab der Protestbewegung ein Gesicht. Zwar sind die Zeltstädte inzwischen geräumt, sie aber sagt: Jetzt geht es erst richtig los.

Felix Rettberg

aus Tel Aviv berichtet Felix Rettberg


Am 14. Juli begann Stav Shaffirs zweites Leben. Seitdem sieht sie ihre Eltern höchstens fünf Minuten, schläft kaum eine Nacht mehr als drei Stunden, gibt Interviews, wenn gerade erst die Sonne aufgeht, reist quer durch Israel und diskutiert stundenlang mit Freunden und Fremden. Warum ist sie nicht längst zusammengeklappt? "Das ist wohl das Adrenalin", sagt sie, "und das Gefühl, dass wir etwas verändern können. Jetzt geht es doch erst los."

Wie schnell und radikal sich ihr Leben verändern wird, hatte Shaffir nicht geahnt, als sie mit Freunden damals mitten auf dem zentralen Rothschild-Boulevard in Tel Aviv das Zelt aufbaute, das zur Keimzelle für Protest-Camps im ganzen Land wurde. Ein Zelt als Zeichen des Protests gegen zu hohe Mieten, die nicht nur Studenten wie sie kaum noch bezahlen können.

Eine Freundin Shaffirs gab mit einer Facebook-Initiative den Anstoß. Doch Protest muss sichtbar sein, fand sie. Nicht nur im Internet sondern dort, wo Singles ihre Hunde ausführen, Eltern ihre Kinderwagen schieben und die Vermögenden flanieren. Das Zelt war die Lösung, der Boulevard der ideale Ort. "Und dass ich dieses erste Zelt dort mit aufgebaut habe", sagt Shaffir, "darauf bin ich heute noch stolz."

Shaffir liefert die Bilder, die die Medien suchen

Was folgte, sagt sie, habe niemand ahnen können: Nicht nur in Tel Aviv, sondern auch in anderen Städten Israels bauten plötzlich immer mehr Menschen Zelte auf, schleppten Sofas an, spannten Hängematten zwischen die Bäume. Ein Umzug auf die Straße, mit Gitarre, mit Grill und Klappstühlen für spontane, stundenlange Diskussionen. An Samstagen, nach Ende des Sabbats, marschierten Tausende Menschen zusammen. Studenten und Angestellte, Arme und Menschen aus der Mittelschicht, jüdische und arabische Israelis.

Fast eine halbe Million Menschen zog es Anfang September schließlich auf die Straßen, zu einer der größten Demos, die das kleine Land Israel mit seinen knapp 7,8 Millionen Einwohnern je erlebt hat. Stav Shaffir war und ist überall dabei. In der ersten Reihe, dort, wo die Kameras filmen, skandiert die junge Frau mit den wallenden, hennaroten Locken ihre Forderungen. TV-Teams aus Israel und aus dem Ausland bitten sie um ihren Kommentar. Binnen drei Monaten ist so aus der Philosophie-Studentin Shaffir ein Gesicht der Bewegung geworden, die einen Politikwechsel in Israel fordert.

"Die Regierung soll sich endlich um die Menschen kümmern, denen es nicht so gut geht wie einer Minderheit aus Wohlhabenden", sagt sie. "Wir wollen bezahlbare Wohnungen, ein besseres Bildungs- und Gesundheitssystem. Wir wollen einen Wohlfahrtsstaat."

Am Limit hat Shaffir die vergangenen Wochen gelebt. Ständig sei ihr Konto überzogen. Miete, Lebensmittel, Busfahrten - selbst für Studenten wie sie, mit Eltern aus der Mittelschicht, sei ein Leben in Israel nicht mehr bezahlbar. Sie habe sich sehr verändert. "Früher habe ich studiert, ein bisschen Musik gemacht. Jetzt, zum ersten Mal in meinem Leben, konzentriere ich mich nur auf eine Sache. Weil ich weiß, dass wir etwas erreichen können."

Araber und Juden, vereint im Kampf gegen steigende Mieten

Gewählt hat sie niemand. Zu einer Sprecherin der Bewegung wurde Shaffir, weil sie sich kümmert - und weil sie ständig präsent ist. Im Mittelpunkt zu stehen, das war für sie immer nur Mittel zum Zweck, sagt sie. Anfangs habe sie Probleme mit der öffentlichen Rolle gehabt, inzwischen aber liefert sie den Medien eben, was ihnen gefällt. Immer ist sie elegant gekleidet und sich der Kameras stets bewusst: Ein Trommler bietet ihr während einer Demonstration spontan seine Sticks an. Sie greift zu und trommelt. Die Fotografen und Kameramänner umschwärmen sie.

Dass diese Aufmerksamkeit, die sie bekommt, anderen nicht behagt, spürt sie auch: "Gewiss gibt es Menschen, die mich nicht mögen." Viele würden der Protestbewegung auch vorwerfen, sie wollten nur die Regierung zu Fall zu bringen. Umso schöner sei es, wenn Menschen auf der Straße auf sie zukämen, sie spontan umarmten.

Seit Wochen besucht Shaffir Camps aus Zelten oder Bretterbuden in jedem Winkel des Landes. Sie will Menschen Mut machen, weiter zu diskutieren und vor allem: weiterzumachen. "Manchmal überkommen mich dabei die Tränen, wenn ich sehe, wie tief bei vielen dieser Wunsch nach Veränderung ist", sagt sie. "Wenn sich Araber und Juden nebeneinander setzen und sich erzählen, wie sie beide wegen steigender Mieten ausziehen mussten."

"Die Menschen reden miteinander, endlich"

Wenn Shaffir vor Mikrofonen spricht, sehen und hören das Hunderttausende im Radio, im Fernsehen. Darum kämen manchmal Machos, und die versuchten dann, das Wort an sich zu reißen, sagt sie. Dann werde sie manchmal laut, auch wenn ihr das eigentlich nicht liege. Wichtig sei doch immer das stärkste Argument - und nicht das am lautesten vorgetragene.

Seit der größten Demonstration Anfang September ist es stiller geworden in Israel. Viele haben ihre Zelte verlassen, manche Camps sind komplett geräumt. Ist der große Sommer des Protests vorbei, so schnell, wie er gekommen war? "Es geht weiter, natürlich", sagt Shaffir, "aber anders." Proteste werde es vielleicht nur noch vereinzelt geben, aber man werde große runde Tische organisieren, an denen die Menschen weiter diskutieren. Eine weitere der Ideen sei eine Datenbank, in der jeder sehen kann, wie sein Abgeordneter bei welchen Gesetzen abgestimmt hat.

Auch wenn die Zeltstädte in Tel Aviv verschwunden sind - mehr als drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht erlaube sie sich noch immer nicht. "Politisch haben wir noch nicht viel erreicht, kein einziges neues Gesetz", räumt sie ein. "Das frustriert mich aber nicht. Denn eines haben wir geschafft: Die Menschen reden miteinander. Endlich."

insgesamt 6 Beiträge
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uweuwersen 30.09.2011
1. Es wird immer mehr!
Zitat von sysopFür die Israelin Stav Shaffir*geht protestieren über studieren: Mit Hunderttausenden*ging sie für soziale Gerechtigkeit auf die Straße*und gab der Protestbewegung ein Gesicht. Zwar sind die Zeltstädte inzwischen*geräumt, sie aber sagt: Jetzt geht es erst richtig los. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,788433,00.html
Und wie so oft haben unsere Medien dieses Ereignis völlig verzehrt dargestellt und berichten nur die halbe Wahrheit! Und leider lassen sich die Protestierenden Menschen in Israel zu schnell entmutigen, dies gilt übrigens fast überall auf dieser Welt! Aber die Massenmedien sind die schlimmsten Verbrecher in dieser Geschichte, denn diese haben erst dann über die Proteste in Israel berichtet, als sich zu viele Menschen dort versammelt hatten und die Medien dies nicht mehr ignorieren konnten! Dabei haben schon Monate vorher die Menschen auf Ihre schweren Situation aufmerksam gemacht und das Sie gegen die Politik Ihrer Regierung sind, aber das hat man in Deutschland in den großen Medien vergeblich gesucht, denn das einfache Deutsche Volk soll am besten nichts von Protesten gegen eine Israelische Regierung wissen. Das gleiche Schema haben wir jetzt auch in den USA, wo gerade Menschen in New York gegen die Wall Street Verbrecherbande demonstrieren und natürlich werden diese Demonstranten wie Vieh behandelt. Aber wird das bei uns im Fernsehen groß gezeigt oder in den Massenmedien gezeigt? Nein, erst wenn es zu viele sind und man es nicht mehr ignorieren oder verstecken kann. Schaut Ihr hier: http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2011/09/massenarrest-der-occupy-wall-street.html Wer den Massenmedien noch glaubt und sich darauf verlässt, der ist verraten und verkauft! Wer hätte vor einigen Monaten gedacht, das es in Israel zu solchen Demonstrationen kommen würde oder in den Arabischen Ländern! Und selbst in den USA wird immer mehr Demonstriert, was auch absolut richtig und vernünftig ist, denn die Regierungen arbeiten nur noch für die Banken und wir Bürger sind deren Kühe und Schafe! Es findet eine Revolution in den Köpfen der Menschen statt und die lässt sich mit Propaganda und Zensur nicht aufhalten, auch nicht mit Krieg gegen uns Bürger! Viele glauben das nicht, aber in ein paar Wochen oder Monaten wird auch im letzten Land Sturm gegen die Banken und Ihre Regierungen gelaufen!
amantee 30.09.2011
2. Israel hat zu hohe Mieten und Palästina zu viele Tote
Erfreulich ist das Engagement gegen Regierungen, Finanzwesen und Medien. Was mich allerdings sehr wundert: wie normal scheinbar die anhaltenden Verstöße gegen die Menschenrechte der israelischen Politik in Palästina angesehen werden, wenn sie nicht einmal in Israel Teil der Debatte sind, Teil des Protests? Lügen sind gerade in Deutschland und den USA, aber auch in Israel schon zu einer Waffe in einem Krieg geworden, den man sich gegen Menschenleben nicht mehr zu führen geeinigt hat - wobei Israel ja trotzdem die reale Menschenwürde antastet. Also Daumen hoch für eine Demokratie-Revolution. Daumen runter für deren Einseitigkeit.
klauslynx 01.10.2011
3. Gut gesehen
Zitat von amanteeErfreulich ist das Engagement gegen Regierungen, Finanzwesen und Medien. Was mich allerdings sehr wundert: wie normal scheinbar die anhaltenden Verstöße gegen die Menschenrechte der israelischen Politik in Palästina angesehen werden, wenn sie nicht einmal in Israel Teil der Debatte sind, Teil des Protests? Lügen sind gerade in Deutschland und den USA, aber auch in Israel schon zu einer Waffe in einem Krieg geworden, den man sich gegen Menschenleben nicht mehr zu führen geeinigt hat - wobei Israel ja trotzdem die reale Menschenwürde antastet. Also Daumen hoch für eine Demokratie-Revolution. Daumen runter für deren Einseitigkeit.
[QUOTE=amantee;8829105]Erfreulich ist das Engagement gegen Regierungen, Finanzwesen und Medien. Was mich allerdings sehr wundert: wie normal scheinbar die anhaltenden Verstöße gegen die Menschenrechte der israelischen Politik in Palästina angesehen werden, wenn sie nicht einmal in Israel Teil der Debatte sind, Teil des Protests? Man kann das seit einigen Jahren so sehen, wie in den letzten Jahren der ehemaligen Burenrepublik in Südafrika. Das ist keine Feststellugn von mir alleine sondern auch von gesellschaftskritischen Menschen in Israel selber. Zm Leid der Palästinenser, Unterdrückung,Diebstahl und Enteignung oder im Extremfall Mord an Palästinensern haben viel Bürger Israels nun eine "Dicke Haus wie ein Rhinoceros entwickelt,einjheimische Jritiker bezeichneten das als "fortschreitende rhinocialisierung dr Gesellschaft". Klar ist bei dn meisten Protestlern im Land die Ursache, die extreme Politik der Regierungen der letzen 10-15 Jahre. ie notwendigen Kosequenzen werden verdrängt.
eikfier 01.10.2011
4. ...knapp unverändert radikal, ist auch noch zuviel radikal!
Zitat von amanteeErfreulich ist das Engagement gegen Regierungen, Finanzwesen und Medien. Was mich allerdings sehr wundert: wie normal scheinbar die anhaltenden Verstöße gegen die Menschenrechte der israelischen Politik in Palästina angesehen werden, wenn sie nicht einmal in Israel Teil der Debatte sind, Teil des Protests? Lügen sind gerade in Deutschland und den USA, aber auch in Israel schon zu einer Waffe in einem Krieg geworden, den man sich gegen Menschenleben nicht mehr zu führen geeinigt hat - wobei Israel ja trotzdem die reale Menschenwürde antastet. Also Daumen hoch für eine Demokratie-Revolution. Daumen runter für deren Einseitigkeit.
...gut gebrüllt,Löwe! Dennoch wird alles für die Katz' gewesen sein, wenn die Mehrheit der jüdischen Israelis doch wieder so wählen wird, wie sie es leider auch bei der letzten Wahl tat: knapp unverändert radikal!
hokie 02.10.2011
5. ...
Zitat von amanteeErfreulich ist das Engagement gegen Regierungen, Finanzwesen und Medien. Was mich allerdings sehr wundert: wie normal scheinbar die anhaltenden Verstöße gegen die Menschenrechte der israelischen Politik in Palästina angesehen werden, wenn sie nicht einmal in Israel Teil der Debatte sind, Teil des Protests? Lügen sind gerade in Deutschland und den USA, aber auch in Israel schon zu einer Waffe in einem Krieg geworden, den man sich gegen Menschenleben nicht mehr zu führen geeinigt hat - wobei Israel ja trotzdem die reale Menschenwürde antastet. Also Daumen hoch für eine Demokratie-Revolution. Daumen runter für deren Einseitigkeit.
Diejenigen die in Israel aktuell demonstrieren demonstrieren doch nicht fuer die Einfuehrung einer Demokratie! Was Sie eventuell wissen sollten ist,dass Israel eine der wenigen und daher auch aeltesten Demokratieen im mittleren Osten! Es gibt sicher einige Israelis die einen erheblichen Ausbau des Sozialwesen fordern, diese stellen bis dato aber bei weitem eine Minderheit dar, denn sonst wuerden deren Volksvertreter die Tagespolitik bestimmen koennen! Von Einseitigkeit kann laengst keine Rede sein. Es gibt dutzende demokratisch organisierte Parteien in Israel, sowie hunderte mehr Organisationen die "ausserparlamentarisch" aktiv sind bzw bestimmte Fraktionen unterstuetzen. Die von ihnen vernommene Einseitigkeit der israelischen Politik ist einzig und allein ihrem Blickwinkel geschuldet! ohh halt ich habe den vermutlich einzigen Punkt den fast alle Parteien Israels verbindet: Erhalt und Sicherung des Staates Israel und seiner Buerger! Haben Sie damit ein Problem?! gut zu wissen ...
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