Späte Nestflucht Für immer bei Mutti

Das Abi in der Tasche, nichts wie weg von zu Hause und die Freiheit genießen - das war gestern. Immer mehr junge Leute wohnen mit den Eltern unter einem Dach. Eine neue Studie zeigt: Selbst wenn sie sich eine eigene Wohnung locker leisten könnten, bleiben sie da.


Einliegerwohnung mit Wäscheservice und Grundversorgung, ansprechendes Umfeld, Gartenmitbenutzung - Warmmiete: null Euro. Wo gibt's denn sowas? Bei den Eltern. Der große Komfort zum Minimaltarif scheint ein unschlagbares Argument für immer mehr junge Menschen zwischen 18 und 27 zu sein, länger bei ihren Eltern wohnen zu bleiben. Deutlich später als die Generationen vor ihnen ziehen sie in eine eigene Wohnung.

Wohnen wie im Musterhaus: Warum ausziehen, wenn es bei den Eltern so schön ist?
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Wohnen wie im Musterhaus: Warum ausziehen, wenn es bei den Eltern so schön ist?

Das hat eine Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach ergeben, die vom "Forum Familie stark machen" in Auftrag gegeben worden war. Demnach leben inzwischen 89 Prozent der 18- und 19-Jährigen noch bei den Eltern; bei den Vorgängergenerationen waren es nur 71 Prozent. Im Alter von 24 und 25 sind es noch 46 Prozent, bei den 26- und 27-Jährigen zählt jeder Fünfte zu den "Daheimbleibern". Erst bei den Endzwanzigern sinkt ihr Anteil auf zwölf Prozent.

Der Unterschied zu früheren Generationen ist der Allensbach-Studie zufolge beträchtlich: In manchen Jahrgängen wohnen mehr als doppelt so viele junge Leute unter einem Dach mit den Eltern wie noch vor einigen Jahren. Insgesamt wurden im März 2600 Menschen befragt, davon 2100 über 30-Jährige und lediglich die restlichen 500 zwischen 16 und 29 Jahren. Die Forscher halten ihre Studie dennoch für repräsentativ.

Wieso geht der Trend zur späten Nestflucht? Eine Folge finanzieller Not ist das nicht zwangsläufig, im Gegenteil: Fast die Hälfte der Befragten arbeitet in Vollzeit und ist finanziell unabhängig. Nur für 38 Prozent seien lange Ausbildungszeiten ein Grund für einen späten Auszug, heißt es in der Untersuchung. Sie ergab außerdem, dass 54 Prozent der jungen Leute zum "gehobenen Mittelstand" gehören. Meist leben sie in Einfamilienhäusern mit viel Platz, müssen sich also keine enge Dreizimmerwohnung mit den Eltern teilen.

Mutti statt Freundin

Und selbst wenn der Raum fehlt, um einander aus dem Weg zu gehen, bleiben Jugendliche länger zu Hause als in den Generationen zuvor. Offenbar kommt es seltener zu den klassischen Konflikten à la "Solange du die Füße unter meinen Tisch steckst...". So jedenfalls interpretiert Wilhelm Haumann, der das Projekt beim Institut Allensbach leitete, die Daten: "Es hat sich was im Autoritätsverhältnis verändert. Das Verhältnis zu den Eltern wird heute besser bewertet als rückblickend von der älteren Generation", erläuterte Haumann SPIEGEL ONLINE.

Darum sprechen die Autoren auch nicht mehr vom bequemen "Hotel Mama", sondern von der "Eltern-Kind-WG". Die Umfrage bestätigt zudem einen Trend, den schon die jüngste Shell-Jugendstudie beschrieb: Besonders junge Männer neigen zum späten Auszug. Das habe einerseits mit dem Wehrdienstjahr zu tun, wodurch sie länger finanziell abhängig seien, so Wilhelm Haumann. "Ein weiterer entscheidender Unterschied ist aber, dass sich Frauen früher fest binden und mit einem Partner zusammen ziehen. Männer sind länger Single und leben länger bei den Eltern."

Der Studie zufolge haben fast zwei Drittel der jungen Leute im Elternhaus noch keinen Partner gefunden, mit dem sie sich eine eigene Familiengründung vorstellen könnten - von den bereits ausgezogenen ist nur jeder Dritte Single.

Füße hochlegen und Mutti waschen, bügeln, fegen lassen gilt nicht: Die Untersuchung hat auch ergeben, dass 64 Prozent der Daheimbleiber regelmäßig im Haushalt anpacken. "Vom viel zitierten Urlauberdasein kann also allgemein nicht die Rede sein", kommentieren die Autoren. Ob die Eltern das auch so sehen, zeigt die Untersuchung nicht - die Eltern kamen darin nicht zu Wort.

smv/dpa



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